„Der Trainer ist ohne die Mannschaft nichts“

Vom Angestellten zum TV-Unternehmer: Der ehemalige Geschäftsführer von N24, Torsten Rossmann, ist seit Juni 2010 Chef der Unternehmensgruppe. Im Gespräch mit Christopher Lesko spricht der 47-Jährige über Imagewerte, den USP des "Trendsetters N24" und die schwierige Zeit des Umzugs von Sat.1. Die Zusammenarbeit mit Stefan Aust "bringe Spaß". Wie in Ehen und Freundschaften komme es in Unternehmen letztlich auf Vertrauen an. Und Rossmann glaubt: "Wir haben das bisher so verkehrt nicht gemacht."

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Herr Rossmann, Sie sind Vorsitzender der Geschäftsführung der N24 Media GmbH. Wohin  genau wird sich N24 entwickeln?

N24 bleibt ein Nachrichtensender. Wir sind die Nummer 1 im TV-Nachrichtenmarkt. Daran wollen wir festhalten. Gleichzeitig ist der Sender das Herzstück eines Produktionsunternehmens, das über eine ganze Reihe von Aufträgen insbesondere von ProSiebenSat.1 verfügt: Wir produzieren die Nachrichten für ProSieben, Sat.1 und Kabel eins, mit MAZ&MORE das Frühstücksfernsehen und das Vorabendmagazin von Sat.1. Ab Januar kommt das Primetime-Magazin „Stars & Stories“ für Sat.1 noch dazu. Außerdem pitchen wir aktuell zwei weitere Formate. Unser Geschäftsmodell basiert auf zwei Säulen: zum einen auf dem Sender N24, der sich im Markt behaupten und Werbeerlöse erzielen muss, und zum anderen auf den Produktionsaktivitäten in den Bereichen Factual und Information.

Wie weit sind Sie denn aktuell mit welchen Aspekten von Restrukturierung und Neuaufstellung?

Wir haben die Personalrestrukturierung im Sommer abgeschlossen – bis auf ein, zwei Ausnahmen am Ende sogar einvernehmlich.  Ausgangspunkt der Neuaufstellung des Unternehmens ist das Herauslösen aus der ProSiebenSat.1-Gruppe. Hier geht es darum, sich bis zum 31.12.2010 in allen Bereichen von der Gruppe unabhängig zu machen:  Das reicht von Software- und Serverfragen bis hin zum Playout, betrifft aber auch alle personalspezifischen und kaufmännischen Prozesse. Sämtliche Dienstleistungen, die es braucht, um einen Sender und ein Unternehmen zu führen, waren bislang im Konzern angesiedelt und liegen nun bei uns. Das ist eine außerordentlich anspruchsvolle Aufgabe. Schon häufig sind im TV einzelne Unternehmen in einen Konzern eingegliedert worden. Noch nie ist ein im Konzern aufgebauter und so eng verzahnter Sender in dieser Art herausgelöst worden.

Unterstellt man einmal, dass Strukturen und Prozesse ein „Vehikel für das Eigentliche“ sind, innerhalb dessen Mitarbeiter mit den richtigen Fähigkeiten, der passenden Haltung angemessene Ergebnisse erzielen sollen: Welche alten  Gewohnheiten „eingeschwungener Zustände“ müssen sich aus Ihrer Sicht  ändern, damit die neue Company erfolgreich sein kann?

Da gibt es zwei wesentliche Aspekte: Zum einen sollte allen klar sein, dass wir nicht mehr Teil eines Konzerns sind und damit eine andere Stellung im Markt haben. Das bedeutet eine noch stärkere Wettbewerbsorientierung. Zum anderen überprüfen wir bisherige Standards und erhöhen die Entscheidungsgeschwindigkeit.
Welche Standards denn?

Wenn Sie sich Nachrichtensender in den USA, England oder Frankreich anschauen, werden Sie feststellen, dass wir uns stets am oberen Ende der Skala bewegen. Das gilt für den Production Value von News genau so wie für die generellen Arbeitsbedingungen. Nicht alles lässt sich ändern, ohne die Wettbewerbsposition in einem Markt wie dem deutschen zu gefährden. Aber zu überprüfen und zu hinterfragen, was wir wie und warum tun, gehört zu unseren Aufgaben, um auch ohne Konzernzugehörigkeit auf Dauer im Markt zu bestehen. Wir sind immer schon sehr leistungsorientiert gewesen. Daneben braucht es nun vielleicht etwas mehr Flexibilität im Denken. Dies kann auch bedeuten, dass wir uns von der einen oder anderen lieb gewordenen Gewohnheit, die im Verlauf einer zehnjährigen Konzernzugehörigkeit entstanden ist, verabschieden müssen.

Was wird sich an Leistung  und Qualität für Zuschauer ändern?

Wir wollen an die bisherige Leistung und Qualität anknüpfen und noch besser werden. ProSiebenSat.1 hat den Verkauf von N24 ja von vornherein mit dem Ziel verbunden, seine Nachrichtenkosten signifikant zu senken. Damit sind uns bei N24 substanzielle Einnahmen weggebrochen. Darauf mussten wir mit Kostensenkungen reagieren, haben unsere Strukturen verändert und unsere Produktionsweise vereinfacht. Aus langen, durchgehenden Nachrichtenstrecken ist eine klar strukturierte Live-Strecke mit 15-minütigen Nachrichten geworden. Durch diese Formatierung sind die News dynamischer und kompakter geworden. Das Resultat ist nicht nur in finanzieller Hinsicht erfreulich: Seit der Umstellung haben wir höhere Marktanteile in der Live-Strecke, insbesondere bei unserem männlichen Kernpublikum.

In diesem zentralen Punkt haben wir unsere Leistung also nicht nur gehalten, sondern sogar verbessert – trotz eines geringeren Budgets. Dass es einen Zusammenhang zwischen Budget, Qualität und Akzeptanz von Nachrichtensendungen gibt, liegt auf der Hand. Die Frage ist, wie viele Ressourcen tatsächlich benötigt werden, um eine hinreichende Qualität und damit die erforderliche Akzeptanz beim Publikum zu gewährleisten. ARD, ZDF, RTL, Sat.1 oder ProSieben, n-tv oder N24 beantworten dies unterschiedlich, mit jeweils unterschiedlichen Budgets und mit interessanten Ergebnissen: Bei den 14- bis 49-Jährigen liegen die Marktanteile beispielsweise der Tagesschau im Ersten und den Sat.1-Nachrichten um 20.00 Uhr nicht so weit auseinander wie die Budgets, die den Sendungen zugrundeliegen.

2016 endet die „vertragliche Mitgift“ von ProSiebenSat.1. Wie sieht Ihr Scope für N24 nach Ablauf dieses Zeitraumes aus? Gibt es den Sender noch, und warum genau?

Aber sicher. Diesen Sender wird es auch nach 2016 geben. N24 ist hervorragend im Markt positioniert. Wir sind beim werberelevanten Publikum die Nummer elf und in unserer Kernzielgruppe der 20- bis 59-jährigen Männer die Nummer zehn unter den deutschen TV-Sendern. Bei den Männern sind wir der erfolgreichste Special-Interest-Sender. Natürlich würden wir auch nach Ablauf des Vertrages Ende 2016 gerne weiter die Nachrichten für ProSiebenSat.1 produzieren: weil wir leistungsstark sind und gute Nachrichten in einem vernünftigen Preis-Leistungs-Verhältnis bieten. Als Produktionsunternehmen wollen wir darüber hinaus auch für Dritte produzieren. Unser Produkt-Portfolio ist einzigartig. Es reicht von harten Nachrichten über politischen Talk bis hin zum Boulevard. Alleine mit dem Frühstücksfernsehen und dem Magazin für Sat.1 produzieren wir neben den Nachrichten täglich fünf Stunden frisches Programm. So bilden wir im Informationsbereich das gesamte Spektrum ab. Wir haben viel Know-how in den Redaktionen, das wir selbstverständlich für die Akquisition weiterer Produktionen nutzen werden.

Den Sport müsste man auch erwähnen…

Das stimmt. Sport passt zu unserer primär männlichen Zielgruppe, und damit ist Sport natürlich ein Thema für uns. Auch hier haben wir ein paar Ideen. Es ist kein Geheimnis, dass Sportrechte teuer sind. Die Herausforderung ist also, originelle Wege zu finden, um Sport zu bezahlbaren Konditionen ins Programm nehmen zu können. Wir haben das im Vorfeld der Fußball-WM in Südafrika gemacht, indem wir die Teams vorgestellt haben, die sich qualifiziert haben und konnten außerdem durch tägliche Live-Schalten nach Südafrika mit eigenen Korrespondenten vor Ort das Thema besetzen.

Wenn Sie zurückblicken, gab es ja einen längeren Zeitraum mit unklaren Perspektiven, an dessen Ende sich der Vorstand der ProSiebenSat.1-Media AG entschieden hat, Ihr Angebot anzunehmen. Unterstellen wir mit etwas Phantasie einmal, diese Entscheidung wäre so nicht gefallen, in welcher Situation wären Sie heute?

Das ist schwer zu sagen. Wir befanden uns in einem Bieterprozess mit mehreren Interessenten. Wenn nicht wir, sondern jemand anders den Zuschlag bekommen hätte, hätte für den Käufer wie für mich die Frage im Raum gestanden, ob ich weiter die Geschäfte von N24 führe oder nicht. Und wäre der Sender nicht verkauft worden, was auch eine Option war, die ernsthaft geprüft wurde, wäre es drauf angekommen, nach welchem Konzept N24 innerhalb des Konzerns zu restrukturieren gewesen wäre. Ich habe immer deutlich gemacht, dass ich für das, was ich im Rahmen unseres MBO unternehmerisch verantworten wollte, auch innerhalb des Konzerns zur Verfügung gestanden hätte. Aber eben nur für das und nur in diesem Rahmen. Ich habe immer gerne für die ProSiebenSat.1-Gruppe gearbeitet und wäre unter dieser Bedingung durchaus geblieben. Am Ende ist es anders gekommen, und das ist aus meiner Sicht mit Abstand die beste Lösung.

Wenn Sie den Blick auf den Sättigungsgrad des Marktes mit Nachrichten anschauen, wozu genau braucht wer eigentlich N24? Welchen USP haben Sie beispielsweise gegenüber n-tv?

Es gibt in Deutschland insgesamt sogar sieben Sender, die in diesem Segment positioniert sind. Kein anderer Special-Interest-Bereich ist im Fernsehmarkt so wettbewerbsintensiv. Neben N24 erzielen nur n-tv und Phoenix nennenswerte Marktanteile. Wir liegen seit Oktober 2004 Monat für Monat ununterbrochen vor n-tv, obwohl n-tv acht Jahre vor uns in den Markt ging. Unsere Imagewerte sind exzellent. Sie positionieren uns beim Publikum klar als Nachrichtensender Nr. 1. Wir haben ein sehr modernes Verständnis von Nachrichtenfernsehen. So haben wir 2003 als erste großflächige Strecken mit Dokumentationen und Reportagen programmiert und damit im Bereich der Information unser Programmangebot qualitativ hochwertig ergänzt. Der Grund dafür ist einfach: Das Informationsbedürfnis am Abend wird in Deutschland durch öffentlich-rechtliche wie private Nachrichten mehr als ausreichend bedient. Soviel passiert im Regelfall auch nicht, dass man 24 Stunden ununterbrochen News mit Erfolg senden könnte. Unsere Prime-Time für Nachrichten ist der Vormittag von 7 bis 13 Uhr. Für diesen Programmierungsansatz haben wir damals gerade von der Konkurrenz viel Häme erhalten. Mittlerweile werden wir hier insbesondere von n-tv konsequent kopiert. Insofern ist N24 durchaus als Trendsetter im deutschen Nachrichtenfernsehen zu sehen.

Wie entwickelt sich die Bindung von Zuschauern an N24?

Dass die Bindung wächst, zeigen die GFK-Zahlen. Bei N24 beträgt die Verweildauer im laufenden Jahr fünfzehn Minuten. Jeder Zuschauer bleibt also im Schnitt eine Viertelstunde bei uns. Als ich vor sieben Jahren bei N24 anfing, betrug die Verweildauer fünf Minuten.

Das ist eine Verdreifachung.

Die Verweildauer macht deutlich, wie attraktiv ein Programm ist. Wem ein Programm nicht gefällt, der drückt in Sekundenbruchteilen auf die Fernbedienung und ist weg. Wenn ich also die Entwicklung unserer Verweildauer betrachte, kann ich feststellen: Offensichtlich nimmt unser Publikum unsere Programmierung und die Machart unseres Programms zunehmend an. Letztlich ist es im Nachrichtenmarkt doch so: Die Nachrichtenlage ist für alle gleich. Unterschiedlich ist nur die Art und Weise, wie sie aufbereitet, präsentiert und visualisiert wird. Wichtig sind auch das Design eines Senders und die Marke, die für ein bestimmtes Produktversprechen, ein bestimmtes Programmverständnis steht. Wir haben das bisher so verkehrt nicht gemacht.

Sehen das die Zuschauer auch so?

Zumindest bescheinigt uns das eine aktuelle Imagestudie unseres Vermarkters. Danach sind wir für 47 Prozent der Befragten der Lieblingsnachrichtensender und erzielen hervorragende Werte in Punkten wie Aktualität, Glaubwürdigkeit und Kompetenz. Unsere neu formatierten Nachrichten werden von 60 Prozent als gut bewertet, das ist deutlich mehr als bei den Nachrichten der Konkurrenz. Im Vergleich zur letzten Umfrage aus dem April haben wir uns hier noch einmal deutlich verbessern können.

Woran messen Sie persönlich Erfolg?

Erfolg heißt für mich, dass ich auch dann meine Ziele erreiche, wenn ich Wind von vorne bekomme. Niemand hat nur Erfolg, niemand gewinnt immer. Man muss sich der Realität anpassen, ohne die Ziele aus den Augen zu verlieren, darf bei der Zielverfolgung aber auch nicht starr und unbeweglich sein. Das versuche ich. Letztlich erreichen Sie im Job Ziele nur im Team. Niemand kann alles, und jeder braucht Hilfe, braucht das Know-how und die Kompetenz von anderen. Das zu einer gemeinsamen Leistung aller zusammenzuführen, ist Aufgabe von Management. Es ist wie im Fußball: Als Manager eines  Unternehmens bist Du der Trainer. Der Trainer ist ohne die Mannschaft nichts. Aber die Mannschaft ist ohne den Trainer auch nichts.

Sie sprachen von “Wind vorn vorne“. Haben Sie denn ein Beispiel für einen Misserfolg?

"Wind von vorne" ist ja nicht mit Misserfolg gleichzusetzen. Die lange und schwierige Diskussion um die Zukunft von N24 im letzten Jahr war sicherlich Wind von vorne, und das gleich in Sturmstärke, aber am Ende war es alles andere als ein Misserfolg für uns. Zu den üblichen Misserfolgen im Fernsehen zählen vielmehr die Programmflops, Programme, die man mit großen Hoffnungen einführt, und die vom Zuschauer nicht angenommen werden. Dann hat man sehr viel Zeit, Geld und Überzeugungskraft investiert, um am Ende doch feststellen zu müssen: Das hat nicht funktioniert.
 
Mit Stefan Aust haben Sie ja einen ebenso prominenten, wie auch schillernden Kollegen an Ihrer Seite. Was genau zeichnet- über Professionalität und Erfahrung hinaus-  Ihre  Zusammenarbeit aus?

Sie bringt Spaß. Stefan Aust ist ein zutiefst optimistischer Mensch, was sehr ansteckend sein kann. Er verfügt nicht nur über jede Menge Erfahrung, sondern auch über viele Kontakte und ist, wenn ich das so sagen darf, ein begnadeter Erzähler und Beobachter des Zeitgeschehens, von dem N24 jetzt auch im Programm profitiert. Außerdem ergänzen wir uns gut, wie ich finde. Das ist vielleicht auch die wichtigste Komponente bei der Zusammensetzung unseres MBO-Teams gewesen: sich ergänzende, unterschiedliche Erfahrungen, unterschiedliches Alter und unterschiedliche Profile zusammenzubringen. Aber ich bleibe dabei: Bei allen Überlegungen darüber, was man braucht, um mit großen Konzernen um einen Sender wie N24 mitbieten zu können, bei aller Professionalität, bei allem Standing, aller Erfahrung – es muss am Ende auch Spaß machen. Wenn nicht, dann ist es Zeitverschwendung.
 
Sieht man mal von Magazinen und “Konserven“ ab, so sind ja Aktualität und Halbwertzeit von Nachrichten kurzlebig. Was fordert denn diese Dynamik schnellen Wandels von Ihnen als Person und von Mitarbeitern, die sich in der Kultur von N24 zuhause fühlen wollen? Muss man ebenso “schnell“ werden, wie  flexibel oder “beliebig“?

Die Welt ist schneller geworden. Das Nachrichtengeschäft ist schneller geworden, und die Rezeptionsgewohnheiten haben sich verändert. Damit müssen wir mithalten, darauf müssen wir uns einstellen – vom Geschäftsführer bis zum Volontär. Medien bilden ab, was sich in der Gesellschaft tut. Sie sind Teil der gesellschaftlichen Realität, und gleichzeitig beeinflussen und verändern sie diese Realität jeden Tag. So gesehen, sind es vielleicht sogar die Medien selbst, die dank digitaler Technik die Welt für unser Empfinden so beschleunigt haben. Aber die Aufgabe von Journalisten ist im Kern doch gleich geblieben, selbst wenn der Zeitdruck bei Recherche und Produktion – befördert durch die Online-Dienste – größer geworden ist. Aber an sich hat sich an der Aufgabe nichts Wesentliches geändert. Und wir bieten – jedenfalls mit N24 – nach wie vor jede Menge Möglichkeiten für Gespräche, Hintergründe, und Tiefgang. Da wird nichts unterbelichtet.

Sie haben in der Geschäftsführung von SAT.1 mit Matthias Alberti zusammengearbeitet und zusammen auch  harte und schwere Zeiten durchleben müssen. Ich denke zum Beispiel an die Zeit, in welcher kommuniziert wurde, dass SAT.1 nach Unterföhring umziehen werde, denke an sensible Mitarbeiterversammlungen, an Ärger und Verzweiflung. Wie haben Sie als Person die damit verbundenen Belastungen ausgehalten und verarbeitet? Wie sind Sie “durch diese Zeit“ gekommen?

Indem ich meiner Aufgabe, wie ich sie in dieser Situation für mich gesehen habe, nachgekommen bin. Ich hatte mir persönlich das Ziel gesetzt, soviel wie möglich für die betroffenen Mitarbeiter zu erreichen, individuelle Lösungen und Perspektiven zu finden. Das ging – und geht – nur über viele Diskussionen und Auseinandersetzungen, die anfangs, als es um die Rahmenbedingungen ging, durchaus auch sehr kontrovers verliefen. Nach meiner Einschätzung haben wir am Ende für viele Mitarbeiter vieles erreichen können. Es war eine schwierige Zeit, und Spaß hat sie nicht gemacht.

Konnten Sie denn am Ende eines Arbeitstages abschalten?

Ich kann ganz gut abschalten, wenn ich zuhause bin, auch wenn meine Frau das vermutlich anders beantworten würde. Natürlich denkt man auch nach Feierabend über vieles nach. Wir sind Menschen und keine Maschinen. Aber ich suche keine gesonderte Entspannung. Das brauche ich nicht. Dazu habe ich zuviele Bezugspunkte – berufliche und private –, mit denen ich im Austausch stehe. Es geschieht ja alles im Leben gleichzeitig: Meine Konflikte im Job korrespondieren mit dem Ärger, den meine Frau in ihrem Beruf hat, oder mit den Problemen meiner Kinder in der Schule. Da gibt es kein “Wichtiger“ oder “Unwichtiger“. Die Gleichzeitigkeit ganz verschiedener Ereignisse, Eindrücke und Aufgaben relativiert vieles und trägt dazu bei, das eigene Handeln mit ein wenig Gelassenheit zu sehen.
In der Frage Berlin oder München hatte ich für mich persönlich übrigens sehr früh eine Entscheidung getroffen. Ich habe dem damaligen Vorstandsvorsitzenden Guillaume de Posch von vornherein mitgeteilt, dass ich in Berlin und bei N24 bleiben würde. Damit war für mich auch die Haltung klar, die ich in dem Prozess einnehmen würde.

Nun heißt ja eine Haltung noch lange nicht, dass man sie auch auf die Straße bekommt.

Das mag stimmen. Wenn ich von Haltung spreche, heißt dies für mich, dieser Haltung auch zu folgen. Haltung ist für mich keine Worthülse. Als ich mich entschieden habe, für N24 mit zu bieten, tat ich dies mit dem klaren Interesse, einen Sender, den ich zehn Jahre mit aufbauen durfte, erhalten zu wollen. Die damit verbundene Haltung hieß, in dem Prozess ganz bewusst eine aktive Rolle zu übernehmen und nicht nur Objekt oder vielleicht auch Opfer dessen zu sein, was andere entscheiden würden.

Wenn Sie kurz versuchten, Ihre relativ größte Stärke und Ihre relativ größte Schwäche zu skizzieren, und wenn Antworten, wie “da müssen Sie andere fragen“ verboten wären: Wie hießen Ihre Antworten?

(Lachend:) Im Prinzip heißt die Antwort: “Da müssen Sie andere fragen!“ Aber wenn Sie mich schon so fragen, glaube ich, dass neben einer gewissen Kommunikationsfähigkeit zu meinen Stärken zählt, dass man sich auf mich verlassen kann. Wenn Sie nun nach Schwächen fragen…ja…
Ich würde notfalls den Umstand, spontan keine Schwächen finden zu können, als Schwäche gelten lassen…
… dann sagen mir Menschen manchmal, ich sei gelegentlich zu nachsichtig.

Wie schafft man es, sich so zügig wie möglich Ihren größtmöglichen Ärger zuzuziehen?

Denselben Fehler zweimal machen. Ich bin tatsächlich nachsichtig und eigentlich fast immer in der Lage, das Zustandekommen von Fehlern oder falschen Entscheidungen nachzuvollziehen: Ich treffe auch nicht immer nur richtige Entscheidungen. Aber dann muss die Korrektur erfolgen. Diese Erwartung habe ich an mein Umfeld – und an mich selbst.

Gibt es irgendetwas, was Sie von Ihrem Vater und Ihrer Mutter haben lernen können, dass Ihnen in Ihrem Leben hat helfen können?

Unbegrenztes Vertrauen. Ich glaube, dass Unternehmen – wie Freundschaften oder Ehen – über Vertrauen funktionieren. Dieses Vertrauen darf nicht substantiell enttäuscht werden. Wenn Menschen im Job Vertrauen genießen, sind sie auch leistungsfähiger. Nein, ich bin kein misstrauischer Mensch.

Haben Sie echte Hobbys?

Fechten.

Wortgefechte?

Sie sprechen mit dem Präsidenten des Berliner Fechterbundes…

Kommen Sie denn noch zum Fechten?

Ich bin noch als aktiver Fechter eingetragen, bin aber im letzten Jahr ehrlich gesagt nicht viel dazu gekommen. Und nach einem Jahr Pause ist es dann wirklich schwierig, wieder Tritt zu finden und wieder regelmäßig zu trainieren. Da arbeite ich an mir….

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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