Ulrich Reitz: Ein Mann schielt nach oben

Ulrich Reitz ist Chefredakteur der WAZ und gilt als ebenso konservativ wie meinungsfreudig. Er wurde schon als Focus-Chef gehandelt oder als Regierungssprecher von Angela Merkel. Seine WAZ-Kommentare verschickt er regelmäßig als Pressemitteilung. Dabei offenbart er eine für einen Journalisten bisweilen bemerkenswerte Haltung mit stetem Blick nach oben, hin zu den Eliten. Jüngstes Beispiel sind seine Kommentare zum “Wetten dass..?”-Unfall und zu Wikileaks.

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Ulrich Reitz ist Chefredakteur der WAZ und gilt als ebenso konservativ wie meinungsfreudig. Er wurde schon als Focus-Chef gehandelt oder als Regierungssprecher von Angela Merkel. Seine WAZ-Kommentare verschickt er regelmäßig als Pressemitteilung. Dabei offenbart er eine für einen Journalisten bisweilen bemerkenswert obrigkeitsfreundliche Haltung. Jüngstes Beispiel sind seine Kommentare zum “Wetten dass..?”-Unfall und zu Wikileaks.

Reitz schreibt seinen Kommentar zum dramatsichen Unfall bei "Wetten dass..?" gerade so, als ob bereits felsenfest stehen würde, dass der verunglückte Wett-Kandidat Samuel Koch für immer gelähmt bleiben wird. “Seien wir froh, dass er noch lebt”, resümiert Reitz, der den Unfall zum Anlass nimmt, ein bisschen über fehlende Verantwortung zu räsonieren: “Ständig hören wir, irgendjemand übernehme für irgendetwas die Verantwortung. Meistens passiert dann nichts. Das Verantwortung-Übernehmen ist mit der verantwortungslosen Praxis gesellschaftlicher Eliten zu einer politisch korrekten Alibi-Formel geworden.” Das ZDF hätte nach der, von Reitz diagnostizierten, Lähmung des Kandidaten, “womöglich doch nicht ein sehr schnelles ‘Weiter so’ verkünden sollen” und auch “Wetten dass..?”-Moderator Thomas Gottschalk werde nun “über seine Verantwortung nachdenken”. Was soll dies das bedeuten? Will Reitz Gottschalk dazu auffordern, die Moderation von “Wetten dass..?” niederzulegen? Und sollte Samuel Koch, entgegen der Reitz’schen Diagnose doch wieder gesund werden, soll Gottschalk die Moderation dann wieder aufnehmen?

Was bei ersten Lesen vielleicht noch klingt wie ein bisschen Gesellschafts-Kritik von der Stange (“verantwortungslose Praxis gesellschaftlicher Eliten”) kann man auch als Anbiederei an die politische Klasse lesen. Man hat bei den Kommentaren von WAZ-Chefredakteur Ulrich Reitz oft den Eindruck, sie zielen am Leser vorbei direkt auf den Meinungs-Mainstream der politischen Eliten. Sein Kommentar “Samuel und die Verantwortung” liest sich wie zu Text geronnener Beifall für die Bedenken-Arien der Politiker und Verwaltungsräte, die kurz nach dem “Wetten dass..?”-Unfall angestimmt wurden. Man sieht ZDF-Verwaltungsratschef Kurt Beck förmlich vor sich, wie er freundlich nickt bei der Lektüre des WAZ-Kommentars.

Ein anderes Beispiel: Die Debatte um Thilo Sarrazin und sein Buch “Deutschland schafft sich ab”. Auch hier kommentierte Reitz ganz im Sinne des Establishments: “Die SPD muss also Sarrazin herauswerfen, genauso, wie ihn auch die CDU hinauswerfen müsste. Die Bundesbank muss sich von Sarrazin trennen, weil er mit seinem Verhalten deren Unabhängigkeit infrage stellt, also als Vorstandsmitglied dieser wichtigen Institution Schaden zufügt.” Jawoll, mögen da die Partei-Granden bei SPD und CDU rufen. Für den neuen Bundespräsidenten Christian Wulff hatte Reitz nach dessen Rede zum Tag der Deutschen Einheit auch nur überschäumendes Lob übrig: “Christian Wulff hat eine gute Rede über Integration gehalten. Eine, die nichts beschönigt und nichts verschweigt.” Usw. Bei, Thema Stuttgart 21 bricht Reitz eine Lanze für die gewählten Volksvertreter: "Wer fordert, ‚Mehr Bürger wagen‘, hält Bürger für schlau und Politiker für dumm. Selbst wenn Politik oft unzureichend ist – Bürger muss man nicht für vorausschauender/intelligenter/unabhängiger halten. Wem sind streitende Bürger mehr verpflichtet: sich selbst oder dem Gemeinwohl?" Und wenn er doch mal kritisch wird gegenüber einem Polit-Profi, dann weil der nach Meinung von Reitz nicht hart genug durchgreift, wie Bundesinnenminister Thomas de Maiziere. Reitz hält dagegen ein "Plädoyer für die Furcht" und bezeichnet schwere Eingriffe in die Privatsphäre, wie die Vorratsdatenspeicherung salopp als "Kleinigkeit".

Mit manchen Einrichtungen geht Reitz freilich nicht so wohlwollend ins Gericht. Bestes Beispiel ist die Enthüllungs-Plattform Wikileaks, die derzeit in aller Munde ist, natürlich auch in dem von Ulrich Reitz. “Ein übler Verrat” ist sein Kommentar zur Veröffentlichung der vertraulichen Botschafts-Depeschen überschrieben, der weltweit Schlagzeilen macht. Die Veröffentlichungen von Wikileaks seien unverantwortlich, schreibt der WAZ-Chef, sie seien “Illusion” (warum eigentlich?) und überhaupt sei der Neuigkeitswert über deutsche Politiker noch nicht einmal von anekdotischem Wert. Westerwelle und Co. dürften ihm ganz und gar zustimmen. Der WAZ-Chef hätte die Wikileaks-Dokumente wahrscheinlich in den nächsten Papierkorb befördert, wären sie ihm zugespielt worden. So einen Chefredakteur kann sich ein Regierungssprecher oder Parteiboss nur wünschen. Der Spiegel, die New York Times, der Guardian, El Pais und zig andere Medien weltweit haben das anders gesehen. Reitz’ Fazit zum Thema Wikileaks: “Geheimnisse sind unverzichtbar in der Politik. Geheimnisverrat ist strafbar, weil er den Frieden gefährdet.” So simpel ist die Reitz’sche Welt, so könnte auch ein Mitglied der US-Regierung oder ein Konzernsprecher reden. So reden Komplizen, nicht Kritiker. Und jeder mag sich selbst ein Urteil darüber bilden, wie journalistisch diese Grundhaltung im Kern ist.
Denn für einen Journalisten, für den Investigation und damit auch Geheimnisverrat eigentlich zu den Grundvoraussetzungen seines Jobs gehören müsste, ist das freilich eine etwas schräge Sicht. Das Reitz-Schema sieht erkennbar anders aus. Dabei hat die Stimme des WAZ-Chefredakteurs durchaus außerhalb des eigenen Blattes Gewicht. Auch im kommenden Jahr wird er wieder in der Jury des Henri-Nannen-Preises sitzen, einer Auszeichnung, die auch in den Kategorien "Pressefreiheit" und "beste investigative Leistung" vergeben wird. Nicht unwahrscheinlich, dass dort auch die Wikileaks-Enthüllungen nominiert sein könnten. Auf das Urteil des Jurors Ulrich Reitz darf man gespannt sein.

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