Die Sex-Protokolle von Julian Assange

Die britische Tageszeitung Daily Mail hat die Ereignisse rund um die Anklage gegen Wikileaks-Chef Julian Assange wegen Vergewaltigung und sexueller Belästigung minutiös rekonstruiert. Grundlage des ausführlichen Protokolls sind Aussagen diverser Zeugen und Vernehmungsprotokolle der schwedischen Polizei. Daraus ergibt sich ein Gesamtbild der Vorwürfe gegen Assange, das nicht auf eine Verschwörung gegen den Wikileaks-Chef hindeutet, sondern auf eine Verkettung von Zufällen und Emotionen.

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Julian Assange kam am 11. August in Stockholm an. Er war gebucht als Redner bei einem Seminar zum Thema “Krieg und die Rolle der Medien”, organisiert vom schwedischen Verein “Brotherhood-Movement”. Das ist der christlich-religiöse Flügel der schwedischen Sozialdemokratischen Partei. Die Kontaktperson, die Assange während des Seminars betreuen sollte, war das Parteimitglied Anna A., die von der Daily Mail als attraktive Blondine und radikale Feministin beschrieben wird. Anna A. und Julian Assange hätten vorab via Telefon und Internet verabredet, dass Assange bei seinem Aufenthalt in Schweden in ihrem Appartement wohnen darf, da sie bis zum Seminar ohnehin außer Haus sei.

Am Donnerstag, 12. August, soll Assange im Stockholmer Café Beirut mit befreundeten Aktivisten und einem US-Journalisten zu Abend gegessen haben. Am nächsten Nachmittag, 13. August, kehrte Anna A. früher nach Stockholm zurück als geplant. Gegenüber der schwedischen Polizei sagte sie aus, dass sie und Assange sich geeinigt hätten, dass er trotzdem in ihrer Wohnung bleiben könne. Beide seien anschließend zusammen Essen gegangen, danach kehrten sie sie in das Appartement zurück und hatten Sex. Dabei soll das verwendete Kondom beschädigt worden sein.

Zu diesem Zeitpunkt gab es aber offenbar noch keinen Streit zwischen Assange und Anna A.. Am nächsten Tag, Samstag, 14. August, organisierte Anna A. laut den Protokollen sogar eine Party zu Ehren von Assange in ihrer Wohnung. An diesem Samstag fand auch das geplante Seminar in der Zentrale der schwedischen Handelsgewerkschaft statt. In der ersten Reihe bei Assanges Vortrag saß die zweite Frau, um die es geht. Sie wird von der Daily Mail Jessica genannt, eine Gemeinderats-Mitarbeiterin aus der schwedischen Kleinstadt Enkoping in der Nähe von Stockholm.

Sie kannte Assange vom Fernsehen und bewunderte ihn für seine Arbeit mit Wikileaks. Sie blieb nach dem Vortrag offenbar in Assanges Nähe und ging mit, als er mit einer Gruppe von Bekannten zum Mittagessen ging. Darüber, ob sie sich aufgedrängt hat mitzukommen oder Assange sie dazu eingeladen hat, gibt es verschiedene Aussagen. Im Restaurant soll Assange seinen Arm um Jessica gelegt und mit ihr geflirtet haben. Nach dem Essen gingen beide zusammen ins Kino.

Nach dem Kino verabschiedeten sie sich und Assange habe versprochen, dass sie sich wiedersehen. Der Wikileaks-Boss hatte ja noch eine Verabredung: Er musste zur Party zu seinen Ehren in das Appartement von Anna A.

Am Montag, 16. August, sollen sich Assange und Jessica dann in Stockholm getroffen haben. Sie fuhren sie mit dem Zug zu ihr nach Hause nach Enkoping. Jessica kaufte die Zugfahrkarte für Assange, weil der keine Kreditkarte benutzen wollte – er fühlte sich angeblich gejagt. In Enkoping hatten Jessica und Assange dann Sex mit Kondom. Am nächsten Morgen, Dienstag, 17. August, hatten beide erneut Sex in Enkoping. Diesmal soll sich Assange geweigert haben, ein Kondom zu benutzen. Später hat Jessica bei der Polizei ausgesagt, dass sie deswegen aufgebracht gewesen sei.

Trotzdem frühstückten beide offenbar noch zusammen und Jessica zahlte Assange erneut die Zugfahrkarte für die Rückreise nach Stockholm. Angeblich bekam Jessica Angst, sich wegen des ungeschützten Sex mit  Assange mit einer Geschlechtskrankheit infiziert zu haben oder schwanger geworden zu sein. Sie hat nun ausgerechnet Assanges andere Schweden-Flamme, Anna A., angerufen, die sie auf dem Seminar kennengelernt hatte und beichtete ihr die Affäre. Anna A. erzählte darauf, dass auch sie mit Assange geschlafen habe.

Am Freitag, 20. August, gingen beide Frauen zur Polizei und gaben zu Protokoll, dass die wissen wollen, wie sie bei einer Anzeige von Jessica gegen Assange vorzugehen hätten. Anna A. gab zunächst an, nur als Unterstützung für Jessica dabei zu sein, erzählte auf der Polizeistation aber auch von ihren eigenen Erfahrungen mit Assange und dem beschädigten Kondom. Die diensthabende Polizistin witterte eine Anklage wegen Vergewaltigung bei Jessica und sexueller Belästigung bei Anna. A.

Daraufhin wurde ein Haftbefehl gegen Assange ausgestellt – er konnte aber nicht aufgefunden werden. Am Sonntag, 22. August, sickerte die Geschichte zur Presse durch. Angeblich sollen die beiden Frauen vorher diskutiert haben, ob sie sich an Boulevardmedien wenden, um Assange noch mehr Unannehmlichkeiten zu bereiten. Weil die Geschichte nun hohe Wellen schlug, befasste sich die zuständige Ober-Staatsanwältin mit dem Fall und kassierte den Haftbefehl, da es sich nur um “minder-schwere”-Fälle handle.

Die beiden Frauen nahmen sich nun Claes Borgstrom als Anwalt, der in Schweden auf Verfahren rund um sexuelle Diskriminierung spezialisiert ist und sich dafür einsetzt, dass der Begriff Vergewaltigung strafrechtlich erweitert wird. Borgstrom erreichte, dass der Fall wieder aufgenommen wurde und erneut ein Haftbefehl gegen Assange ausgestellt wurde.

Diese Chronologie der Ereignisse ist bemerkenswert. Die Indizien sprechen sowohl gegen eine politische Verschwörung gegen Julian Assange, als auch dagegen, dass er sich tatsächlich einer Vergewaltigung schuldig gemacht hat. Letztlich müssen das aber natürlich Gerichte klären. Wie sich die Geschichte aus den von der Daily Mail zitierten Protokollen darstellt, könnte es sich aber auch nur eine Dreiecks-Affäre mit einer Reihe von emotionalen Irrungen und Wirrungen gehandelt haben. Eine Affäre, in die zufällig der derzeit prominenteste Web-Aktivist und Geheimnis-Enthüller der Welt verstrickt ist. Dass die Details der Ereignisse in Schweden nun in solcher Detailfülle an die Öffentlichkeit kommen, dürfte Julian Assange selbst am allerwenigsten wundern.

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