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Warum die Auto-Diskussion nicht „gaga“ ist

Ein MEEDIA-Artikel über das Unfall-Drama bei "Wetten, dass..?" hat gestern für heftige Reaktionen gesorgt. Die meisten Kommentare waren negativ, was zwei Schlüsse nahelegt: Entweder hat der Verfasser gründlich daneben gelegen, oder er wurde falsch verstanden. Nach dem Branchen-Prinzip, dass der Leser immer recht hat, liegt das Problem so oder so beim Autor. Von daher hier ein zweiter Anlauf: Ist es wirklich "gaga", Sponsoring und Productplacement in der ZDF-Show in der Sache zum Thema zu machen?

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Ein MEEDIA-Artikel über das Unfall-Drama bei "Wetten, dass..?" hat gestern für heftige Reaktionen gesorgt. Die meisten Kommentare waren negativ, was zwei Schlüsse nahelegt: Entweder hat der Verfasser gründlich daneben gelegen, oder er wurde falsch verstanden. Nach dem Branchen-Prinzip, dass der Leser immer recht hat, liegt das Problem so oder so beim Autor. Von daher hier ein zweiter Anlauf: Ist es wirklich "gaga", Sponsoring und Productplacement in der ZDF-Show in der Sache zum Thema zu machen?
Sicherlich wäre es verkürzt und unsinnig, davon auszugehen, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen einem Autohersteller und kommerziellen Partner und einem Wett-Szenario gibt. Niemand behauptet, dass ein (Groß-)Kunde den Ablauf vorgibt, die Präsenz eines eigenen Produktes – wie am Samstag dem Audi A8 – im Wettgeschehen erwartet oder sonstwie direkten Einfluss auf die Show-Gestaltung nimmt. Aber es wäre auch naiv anzunehmen, dass ein um Marktanteile kämpfender Konzern viel Geld für eine Sendung zahlt, weil der Moderator und Show so beliebt sind.
Die von Dolce Media, der Firma von Thomas Gottschalks Bruder Christoph vermittelte Form des Sponsoring ist kein Charity-Modell, sondern eine Sache des Gebens und Nehmens. Bei Audi beziehungsweise den vom Autobauer beauftragten Agenturen wird man sehr genau darauf achten, in welcher Form die Marke im Rahmen der Show sichtbar ist. Das ist der Rahmen, den natürlich auch die Produzenten kennen. "Wetten, dass..?" hat in der Vergangenheit ein zunehmendes Wohlfühl-Klima für das Thema Automobil geschaffen.
Autos und Auto-Wetten gehören zu "Wetten dass..?" wie die Promi-Couch und bis vor zwei Jahren die Gummibärchen eines bekannten Werbepartners des Moderators auf dem Beistelltisch. Das hat zum einen wahrscheinlich den Grund, dass das Auto ganz elementar zur Lebenswirklichkeit der Zuschauer gehört. Es ist einfach "prickelnder" und spannender anzuschauen, wie jemand mit Sprungfedern über echte Autos hüpft statt über Schaumstoff-Blöcke auf einem Förderband. Gleichzeitig dürften Auto-Hersteller auch nichts dagegen einzuwenden haben, wenn ihre Fahrzeuge in Wett-Situationen dynamisch ins rechte Licht gerückt werden. Könnte es nicht sein, dass bei dem Gemisch aus Produktions-Beihilfen, Sponsoring und Product-Placement, dem ganzen Gekuschel zwischen Auto-Industrie und Spektakel-TV so ein bisschen das Gefühl dafür verloren gegangen ist, was noch machbar ist?
Vor diesem Hintergrund ist es sicher nicht völlig aus der Luft gegriffen, dass unter zu Tausenden eingehenden Wett-Ideen möglicherweise solche (neben vielen anderen Kriterien) wohlwollend geprüft werden, bei denen Fahrzeuge über die Bühne rollen.
Dass dies beim Konstrukt der Wette, die zu dem schweren Unfall führte, ein zusätzliches hohes Risiko bedeutete, war den Verantwortlichen bewusst. Thomas Gottschalk hat sich in einem Kommentar zum gestrigen MEEDIA-Bericht unter anderem wie folgt geäußert: "Michelle und ich haben Samuel noch während der Probe geraten, ausschließlich über Smarts zu springen, was er von sich gewiesen hat." Michelle Hunziker sagt im Interview mit Bild: "Thomas und ich haben Samuel vor der Sendung öfter gefragt, ob es nicht besser wäre, wenn wir kleinere Autos nähmen. Wir haben ihn gefragt, ob es denn so große Wagen sein müssen. … Aber Samuel ist ja über 18, da kann man das ja auch nicht verhindern."
Auch das ist richtig. Der Kandidat wollte springen, und sicher wollte er auch die Großraumlimousine und den Geländewagen im Programm. Aber keiner sollte sagen, dass die Chance des Scheiterns nicht schon im Vorfeld im Raum gestanden hätte. Und es ist interessant, was Michelle Hunziker gegenüber Bild über den Ablauf des Dramas sagt, das sie aus nächster Nähe beobachtete: "Ich habe sofort gemerkt, dass etwas ganz Schlimmes passiert ist. Ich konnte aus meiner Perspektive genau sehen, wie Samuel sich schon beim Sprung am Auto verletzt hat. Deshalb war mir sofort klar, dass es ein ganz schlimmer Unfall ist. Aber ich hoffte, dass er in Ohnmacht gefallen ist und sich gleich danach wieder besser fühlt. Aber dann habe ich gespürt, dass etwas ganz Schlimmes geschehen ist. … Deshalb habe ich sofort nach einem Arzt gerufen."
Der Aufprall des Springers aufs Auto könnte danach eine entscheidende Bedeutung beim Unfall-Hergang haben, ein Moment im Stunt ohne Netz und doppelten Boden. Der Medienjournalist Peer Schader zitiert in seinem Blogbeitrag zum Unglück einen Leser-Beitrag aus FAZ.NET: "Kommentator Christian K.: ‚Da springt jemand mit Sprungfedern an den Füßen live im Fernsehen über fahrende Autos und die Teilnehmer der Show WETTEN darauf, ob er es schafft, oder nicht. Wie sollte das NICHTSCHAFFEN denn anders aussehen, als ein Unfall?’" Und jeder Unfallforscher weiß, dass die hochentwickelte Sicherheitstechnologie der modernen Autos vor allem die schützt, die drinnen sitzen. Dass ein 23-Jähriger das Risiko eingehen will, ist eine Sache, die die Frage aber nicht obsolet macht, ob ihn in einem solchen Fall und angesichts der Vorfälle bei den Proben nicht vor der eigenen Courage schützen muss. Samuel Koch war auch aus Sicht der Beteiligten hinsichtlich seines Vorhabens ein Wackel-Kandidat.

Über die Fahrzeugwahl schreibt Thomas Gottschalk: "Der Vater des Kandidaten hat sich aus einer langen Liste von Fahrzeugen die ausgesucht, über die sein Sohn springen wollte." Auch das ist sicher richtig. Hier haben weder die "Wetten, dass..?"-Macher noch der Sponsor irgendwelchen Einfluss ausgeübt. Die Diskussion der Frage, ob eine Autowette wie diese in die Sendung gehört hätte, bleibt davon unbenommen. Ganz sicher wird sie auch von den Verantwortlichen intensiv geführt. Für diese Diskussion gibt es viele Gründe, und wenn man ehrlich ist: Um das Sponsoren-Modell geht es auch.

Nachtrag, 15.48 Uhr: Thomas Gottschalk hat gegenüber MEEDIA bestätigt, dass die Anmerkungen im Kommentar unter dem gestrigen Artikel von ihm selbst stammen. Die zurückhaltende Formulierung der entsprechenden Passage wurde deshalb abgeändert.

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