„Julian Assange braucht kein Mitleid“

Am Dienstag wurde Wikileaks-Chef Julian Assange in London wegen des Verdachts auf Vergewaltigung festgenommen. Die meisten deutschen Journalisten hoffen, dass es einen fairen Prozess für den 39-Jährigen gibt. Sueddeutsche.de kommentiert, dass Assange kein Mitleid brauche: "Er braucht lediglich ein faires Verfahren." Welt Online schreibt, dass seine Festnahme nur der Beleg dafür sei, dass "rechtsstaatliche Prinzipien wenigstens noch im wahren Leben gelten".

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Welt Online
"Aus purer Hilf- und teilweise auch Ahnungslosigkeit haben wir – das schließt den Journalismus neben der Politik mit ein – diesem zum Teil unverantwortlichen Treiben viel zu lange zugesehen, während uns so genannte Netzexperten glauben machen wollten, das Internet schaffe schon irgendwie seine eigene Ethik. Das ist nicht passiert. Stattdessen gilt es bei manchen heute schon als Zensurmaßnahme, wenn man gegen Kinderpornographie im Web zu Felde zieht.
AnzeigeDieser‘>Sueddeutsche.de
"Julian Assange braucht kein Mitleid, und er hat kein Recht auf eigene Regeln bei den Ermittlungen. Er braucht lediglich ein faires Verfahren. Und er muss akzeptieren, dass er sich dem Zugriff des Rechtsstaates nicht entziehen kann, auch wenn der seine Daten bisher nicht zu fassen bekommt. Hier liegt das andere Problem der Causa Assange: Seine Veröffentlichungen im Namen der Freiheit richten Schaden an. Sie zerstören Politik, gefährden Menschen, können Ökonomien beeinflussen. Gleichwohl ist die Arbeit von Wikileaks strafrechtlich kaum zu ahnden. Geheimnisverrat ist strafbar, für den Transporteur des Geheimnisses aber meist nicht – zumindest nicht in den Demokratien, die Assange für seine Arbeit in Anspruch nimmt."
taz
"Eine Vergewaltigung ist keine Kleinigkeit. Darum ist es richtig, dass die Justiz diesem Verdacht auch im Fall von Julian Assange so hartnäckig nachgeht. Zu hoffen ist nur, dass sie auch in anderen Fällen ähnlich energisch handelt.
Niemand kann sagen, ob sich der prominenteste Kopf des Enthüllungsnetzwerks Wikileaks der sexuellen Gewalt schuldig gemacht hat oder nicht. Dass seine Webseite zugleich mit harten Bandagen bekämpft wird, lässt aber die Spekulationen blühen, zumal manche westliche Politiker fast schon von einem "Krieg" gegen Assange reden."
fr-online.de
"Die Festnahme des Wikileaks-Gründers Assange zeigt vor allem eines: Nicht die Regierung in Washington, sondern der kriminalisierte Julian Assange steht heute in einer großen amerikanischen Tradition: des unerschrockenen Kampfes für die Freiheit der Information."
Faz.net
"Das geputzte Aquarium der weltpolitischen Urteile und, vor allem, der kurze Film über die Liquidierung einer Gruppe von Zivilisten im Irak aus einem Hubschrauber heraus: Das wird, was immer nun mit Assange geschieht, was immer an den schwedischen Vergewaltigungsvorwürfen dran ist, als bleibendes Verdienst dieses Mannes im Gedächtnis bleiben. Solche Dinge vergisst die Weltöffentlichkeit nicht so schnell."
Tagesspiegel.de
"Julian Assange, eine Mischung aus Osama bin Laden und Erich Mielke? Oder doch lieber gleich Adolf Hitler? Fest steht, dass die Weltmacht USA Wikileaks und ihren Gründer Julian Assange mit allen Mitteln zu bekämpfen versucht. Dieser Kampf wird auf technischer, finanzieller und medialer Ebene geführt – und er trägt bisweilen komische, wenn nicht verzweifelte Züge. So freut sich US-Verteidigungsminister Robert Gates nun über die Verhaftung von Assange. Wohlgemerkt: Er freut sich darüber, dass ein Australier wegen Vergewaltigungsvorwürfen aus Schweden in London festgenommen wurde."
Südkurier
"Warum wurde Assange mit einem derart ungewöhnlichen Aufwand gesucht? Auf diesem Boden keimen Verschwörungstheorien, wie die Internet-Gemeinde sie liebt. Tatsache ist: Julian Assange galt als salonfähig, solange er den Diktatoren dieser Welt auf die Finger sah und beispielsweise die Wahlfälschungen in Kenia aufdeckte. Ärger bekam er erst, als er sich mit der Weltmacht USA anlegte. Einen Rechtsstaat erkennt man daran, dass er sich davon nicht beeindrucken lässt. Seine einzige Antwort ist in solchen Fällen ein fairer Prozess."
Kölner Stadtanzeiger
"Dennoch bezweifelt die Wikileaks-Gemeinde, dass Assange ein rechtsstaatliches Verfahren erwartet. Zumal der internationale Druck in den vergangenen Tagen kontinuierlich erhöht wurde. Denn mit der Fahndung ging die Sperrung von Konten und Internetadressen einher. Doch Assanges Gegner wie die ihn unterstützenden Wikileaks-Aktivisten wären gut beraten, verbal abzurüsten. Denn auch wenn letztere Assanges Festnahme als Angriff auf die Pressefreiheit bewerten, gilt auch hier: Es geht nicht um Diplomatendepeschen, sondern um Vergewaltigungsvorwürfe.
Das Urteil in einem möglichen Vergewaltigungsprozess werden unabhängige Richter sprechen. Das Urteil, ob Wikileaks mit der Enthüllung geheimer diplomatischer Botschaften wirklich zu weit gegangen ist, wird dagegen die Geschichte fällen."

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