Die Welt ist nicht genug: Bild erobert iPad

Europas größtes Boulevard-Blatt ist nicht gerade als Leisetreter bekannt. Doch die Headline, unter der Springers rotes Flaggschiff beim Pressetreff in Berlin seine neue Digital-Offensive publik machte, klingt geradezu bedächtig: "Bild startet Evolution auf dem iPad." Eher das Gegenteil ist der Fall: Entschlossen verfolgt Springer das Ziel, mit dem Apple-Tablet die Bezahl-Vision für digitalen Content Realität werden zu lassen. Zudem zog das Medienhaus eine "positive Zwischenbilanz" der Download-Verkäufe.

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Vorstandschef Mathias Döpfner bemühte sich, überhöhten Erwartungen vorzubauen: "Das ist ein Experiment, wir testen und lernen aus den Ergebnissen." Dennoch ist der Vorstoß, mit einer iPad-App neue Erlöse für das Blatt sowie einen Punktsieg für die möglicherweise kommende Crossmedia-Reichweitenausweisung der IVW einzuheimsen, erkennbar ein Signal fürs kommende Jahr.

Das sind die Fakten: Unter dem Namen Bild HD bietet das Blatt iPad-Nutzern ein aufwändig gestaltetes Produkt, das sich laut Verlagsdarstellung "inhaltlich an der Struktur von Bild orientiert und die Schnelligkeit und Aktualität der Onlinewelt garantiert". Gleichzeitig finde die Boulevardzeitung "durch eine multimediale Verlängerung Bewegtbild, Animationen und zahlreiche spielerische Effekte eine komplett neuartige Form, Geschichten zu erzählen". Die Umsetzung realisierte übrigens die Berliner Agentur Neofonie Mobile GmbH, deren Mutterunternehmen zuletzt mit der WeTab-Posse viel Häme erntete, als technischer Dienstleister allerdings einen exzellenten Ruf hat. Bild HD ist ab sofort im App Store von iTunes erhältlich und kann mit zum Schnupperpreis von 79 Cent eine Woche lang genutzt werden. Danach kostet eine Ausgabe im tagesaktuellen Download 79 Cent, das Monats-Abo für die Bild iPad-App kommt für 12,99 Euro, das Drei-Monats-Abo für 34,99 Euro, und der Jahres-Abonnent zahlt 129,99 Euro.

Um das neue Angebot für Kunden attraktiv zu machen, wählt Springer allerdings einen wenig kulanten Weg. Das Medienhaus sperrt iPad-Nutzern künftig den Zugang zu Bild.de über den Safari-Browser, der auf Apples Tablets bekanntlich vorinstalliert ist. Technisch weniger versierte User wird dies bei mangelnder Zahlungsmoral aussperren, die anderen laden einen der alternativ verfügbaren kostenlosen Browser auf ihr Tablet. Wem all das zu kompliziert ist, der findet Springers neue Medienmarke iKiosk mit 30 verschiedenen Angeboten ab sofort neben dem iPad auch als Beta-Version im stationären Internet.

Chefredakteur Kai Diekmann lobte die App als "eine neue Dimension der Erlebbarkeit", Bild digital-Geschäftsführerin Donata Hopfen sprach von einem "Angebot, das im internationalen Vergleich den Maßstab setzt". Den Start der Bild iPad-App begleitet Volkswagen als exklusiver Werbepartner bis Ende des Jahres, Jung von Matt Alster besorgt die dazu gehörige Kampagne in Print, Online und TV. Einen ziemlich originellen Spot mit Diekmann und Olli Dittsche gibt es bereits bei YouTube zu sehen.

Unterdessen gab Springer erstmals harte Zahlen zur bisherigen Bezahlstrategie bekannt. Danach wurden die mehr als 15 kostenpflichtigen Services und Apps mehr als eine halbe Million Mal (539.600) verkauft und 811.400 Mal heruntergeladen. Allein die Bild-App für das iPhone hat sich demnach seit dem Start Ende 2009 bereits 405.400 Mal verkauft (bei 263.300 Downloads). Die Welt erzielte mit ihren Apps für iPhone und iPad 50.000 Verkäufe, das Welt am Sonntag-Luxusmagazin The Iconist landete bei 7600 Verkäufen, Autobild bei 14.000.
Auch die Paid Content-Zahlen der News-Portale der Regionalzeitungen sind jetzt bekannt. Das Hamburger Abendblatt verzeichnet über ein Jahr insgesamt 9.200 Verkäufe, davon 3.400 Tagessessions, die Berliner Morgenpost kommt auf 2.200 Verkäufe bei 600 Tagessessions. Das klingt gegenüber den Redaktionskosten noch nach lousy Pennies, doch immerhin ging das Konzept auf: Beide Portale erzielen (wenn auch vorerst geringe) Zusatzerlöse und konnten dennoch Traffic und Reichweite der Angebote deutlich ausbauen. Alle Detailzahlen sind hier verzeichnet.

Vorstandschef Mathias Döpfner, der die Bezahl-Offensive im Dezember vergangenen Jahres praktisch im Alleingang gestartet hatte, kündigte am Dienstag in Berlin an, den eingeschlagenen Kurs konsequent weiter zu verfolgen, sich dabei aber "bewusst plattformunabhängig" aufstellen: "Springer wird mit viel Experimentierfreude, Lust an Innovationen und unternehmerischen Mut weitere Bezahlangebote entwickeln. Das Marktpotenzial ist äußerst ermutigend."

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