Die Bling-Bling-Revolution der iPad-Bild

Kurz vor Weihnachten gibt es, wie von Springer angekündigt, eine nagelneue Bild-App für Apples iPad. Bild HD nennt sich die neue App, und sie ist so etwas wie eine Leistungsschau dessen, was mit Medien auf dem iPad alles möglich ist. Überall blinkt es, alles ist klickbar. Bei Springer sind sie mächtig stolz darauf, was die neue Bild-App alles kann. Das ist verständlich. Aber es gilt auch: Weniger ist manchmal mehr, und an Details und Nutzerführung darf noch gefeilt werden.

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Wenn man die neue Bild HD App für 79 Cent erstmals startet, ist man förmlich erschlagen von all den Funktionen. Es gibt zunächst eine kurze Einführung, wie man die App nutzen kann und soll und, anders als bei manch anderer App, braucht man diese Hilfe-Tour hier tatsächlich. Die Bild-Macher haben sich ins Zeug gelegt und eine eigene technische Plattform für die Bild-App programmieren lassen, die Anfang nächstes Jahr sogar als Open-Source-Plattform frei verfügbar sein soll. Das ist großzügig von Springer, aber dahinter steckt gewiss auch der Gedanke, dass die Software dann möglichst gratis weiter entwickelt wird.

Aber zurück zur App selbst. Die Bild HD App simuliert eine “echte” Bild-Zeitung auf dem iPad. So ziemlich alles, was auf dem Bildschirm erscheint, ist auch klickbar. Will man eine Geschichte komplett lesen, tipp man darauf. Dann öffnet sich, manchmal mit einer kleinen Animation, die Story-Ansicht. Die Animationen sind wohl als Gag gedacht, stören aber eher. So öffnet sich beispielsweise die verdunkelte Fensterscheibe des Autos, in dem Wikileaks-Gründer Julian Assange weggebracht wird, wenn man den Artikel aufruft. Das ist ein bisschen kindisch.

Der Text ist meistens in der rechten Hälfte und wird von einer Optik und Zusatz-Elementen, wie Videos, umrahmt. Die App ist sehr umfangreich und es braucht einige Zeit, bis die komplette Bild-Ausgabe geladen ist. Während die hinteren Seiten noch laden, wird unten ein Lade-Status angezeigt, der die letzte Zeile eines Artikels verdeckt, wenn man den Finger loslässt. Das ist einer dieser kleinen Fehlerchen, die aber gewiss mit einem Update ausgemerzt werden. Das im Sportteil noch ein Platzhalter-Kästchen zu sehen war – geschenkt.

Problematischer ist da schon, dass man vor lauter Elementen und klickbarer Interaktivität gar nicht so genau weiß, wo man mit dem Finger und den Augen als nächstes hin soll. Bei einem Interview, bei dem Promis Fragen an Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel stellen, ist die optische Aufbereitung so bunt, dass man die Pfeile zum durchklicken der Fragen erst beim zweiten oder dritten Blick erkennt. Bei der Galerie der gierigen Banker sucht man solche Pfeile oder versucht verzweifelt durch die Fotos der Gier-Banker zu “swishen”, bevor man merkt, dass man die Fotos wieder einzeln schließen und aufrufen muss. Die Navigation ist noch zu uneinheitlich. Mit einem zwei Finger Wisch kann man ein Steuerungs-Menü aufrufen, hält man einen Finger lange gedrückt, erscheint ein Kontextmenü zum weiterleiten via Mail, Twitter, Facebook und Co.

Die ganze App ist so aufwändig und komplex, dass das iPad manchmal selbst nicht so ganz hinterherzukommen scheint. So dauert es bisweilen recht lange, bis sich eine Seite oder ein Artikel aufbaut und man fängt an, nervös hin und her zu wischen und zu swishen. Der Werbefilm zum neuen VW Passat ruckelte und zuckelte und blieb nach ein paar Sekunden ganz stehen. Die Technik ist bei solchen neuartigen Angeboten eben immer noch ein wunder Punkt. Man merkt der Bild HD App an, dass die Macher hier zeigen wollen, was alles möglich ist. Auch die Kritik, dass die reine PDF-Ausgabe der Bild dem iPad nicht gerecht werde, wollte man vielleicht mit diesem Kraftakt verstummen lassen. Dabei ist man bei Springer freilich ein wenig übers Ziel hinausgeschossen. Die Bild HD App blinkt ein bisschen zuviel und verwirrt den Leser ein bisschen zu sehr. Aber das kann man ja alles noch ändern. Vermutlich dauert es einfach ein paar Ausgaben lang, bis für die App die richtige Mischung aus Bling-Bling und Zurückhaltung gefunden wird. Und die altmodische PDF-Ausgabe gibt es zum Glück ja auch noch.

Andere Zeitungs- und Zeitschriften Apps, wie Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger, Wired, Zeit, Der Spiegel oder The Economist sind deutlich zurückhaltender und von der Handhabung näher an einem Print-Titel als die Bild HD App. Das wurde manchmal als altbacken und gestrig kritisiert, hat aber was die Nutzerführung und Lesbarkeit betrifft auch einige unbestreitbare Vorzüge. Das erkennt man erst jetzt, da mit Bild HD eine App vorliegt, die extrem stark auf Interaktivität und Multimedia setzt.

Mit 79 Cent pro Ausgabe und moderaten Abo-Preisen (12,99 Euro pro Monat) ist die App aber nicht zu teuer. Technisch umgesetzt wurde die Bild HD App übrigens von der Berliner Firma Neofonie, die ja eigentlich mal mit dem iPad-Konkurrenten WeTab groß rauskommen wollte.

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