„Die Sendung hat ihre Unschuld verloren“

Nach dem schweren "Wetten, dass...?"-Unfall sind sich die Medien einig: Thomas Gottschalk und die ZDF-Programmmacher haben mit dem Abbruch der Sendung richtig reagiert. Doch wenn es um die Zukunft geht, wird kontrovers diskutiert. "Wetten, dass Deutschlands beliebteste Show am Ende ist?", mutmaßt die WAZ. Blick.ch kommentiert: "Wie es für Samuel Koch weitergeht, ist unklar. Für ans Limit gehende TV-Shows könnte sein Schicksal aber einen Wendepunkt bedeuten."

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SZ, Seite 15: "Im Vergleich belegt so eine Szene den immer noch vorhandenen Unterschied zwischen privatem und öffentlich-rechtlichem Fernsehen. Beim ZDF wird eben nicht draufgehalten. Vielmehr nimmt der Regisseur der Show, Frank Hof, das Unfallopfer in Rekordzeit aus dem Bild. Dass dann noch eine Riesenshow wie Wetten, dass..? zum ersten Mal in ihrer beinahe 30-jährigen Geschichte abgebrochen wird, ist als Leistung verantwortungsbewusster Programmmacher zu werten."
Thomas Gottschalk in der SZ: "Der Entertainer in mir signalisierte zwar noch, dass in der Kulisse Christoph Waltz stand, ein deutscher Oscar-Gewinner, außerdem Cher, Phil Collins. Ich war extrem gut sortiert, und ich habe vor der Show gesagt: Wir sind nicht nur jeder Konkurrenz gewachsen, wir sind besser. Doch nach einer kurzen Schrecksekunde trat der Entertainer zur Seite und der Vater in den Vordergrund. Ich habe von diesem Moment an keine Sekunde an das Schicksal der Sendung oder meines gedacht, sondern nur noch daran, wie es dem Jungen geht."
FAZ, Seite 29: "Es ist tragisch, dass gerade bei dieser und gerade bei diesem Moderator so etwas passiert ist. Thomas Gottschalk ist einer der letzten Fernsehunterhalter, der es darauf anlegt, die ganze Familie zu unterhalten. Er ist nie der Versuchung erlegen, im Wettstreit um die Zuschauer zu drastischen Mitteln zu greifen und seine Wettkandidaten in unkalkulierbare Risiken zu treiben, er stellt die Menschen in seiner Show nicht aus, es geht nicht um ein Höher, Schneller, Weiter, sondern um absonderliche und eben auch wagemutige Unternehmungen."
WAZ: "Wetten, dass Deutschlands beliebteste Show am Ende ist?"
Westdeutsche Zeitung: "Wetten, dass . . ?" hat einmal mit so harmlosen Spielchen begonnen wie dem, mit einem einzigen Luftzug die Kerzen eines Adventskranzes auszupusten. Spätestens am Samstagabend hat die letzte noch verbliebene große Familiensendung des deutschen Fernsehens diese Unschuld verloren. Aus Spaß ist bitterer Ernst geworden."
Westfalen-Blatt: "In der Geschichte der erfolgreichsten europäischen TV-Show, die 2011 30 Jahre alt wird, stellt das Unglück eine Zäsur dar – ein Grund, ihr Ende zu fordern, ist es nicht. Natürlich hat der Unfall Folgen. Das ZDF wird künftig Wetten noch stärker auf mögliche Risiken zu prüfen haben, und der Sender muss in der durch das Unglück angeheizten Diskussion darüber, ob der Wunsch nach hohen Einschaltquoten immer waghalsigere Aktionen befördert, Stellung beziehen."
Neue Osnabrücker Zeitung: "Hätte das ZDF einen tollkühnen jungen Mann vor sich selbst schützen müssen? Und kann Thomas Gottschalk überhaupt noch mit einer Sendung weitermachen, die ihre Unschuld verloren hat? Es ist nur schwer vorstellbar, dass er in ein paar Wochen wieder gut gelaunt vor sein Publikum tritt."
Spiegel Online: "Schließlich gibt Gottschalk eine Einschätzung der Lage, die sehr realistisch klingt: Es werde wohl nur Konsequenzen geben, wenn sich die Verletzungen des Kandidaten als dauerhaft schwerwiegend herausstellen sollten."
Stern.de: "Beim ZDF will man den Vorfall weiter gründlich untersuchen, auch über mögliche Konsequenzen nachdenken. Dass die Wetten künftig risikoärmer werden, ist nicht zu erwarten. Nicht in einer TV-Landschaft, in der derjenige die Gunst der Zuschauer bekommt, der am lautesten schreit und das größte Spektakel bietet."
Focus.de: "Trotz des schweren Unfalls bei ‚Wetten, dass..?‘ will das ZDF die Sendung in Zukunft fortführen. Allerdings müsse der Sicherheitsstandard erhöht werden, kündigte der ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut an."
Thomas Gottschalk auf Bild.de: "Erst hat noch kurz der Showmaster in mir gezuckt, der nicht wahrhaben wollte, dass aus Spaß plötzlich Ernst geworden war. Aber dann kam sofort die Erkenntnis, dass jetzt kein Moderator mehr gefragt war, sondern ich als Mensch mit dieser Situation umgehen musste, das habe ich versucht."
ZDF-Unterhaltungschef Manfred Teubner auf Bild.de: "Mit Blick von heute kann ich mir nicht vorstellen, dass es demnächst noch derartige Wetten geben wird. Wir müssen die Leute vor sich selbst schützen."
Österreich
Der Standard: "Jeder, der Spektakuläres sehen will, ist bereit, Katastrophen mitzuerleben. Die Zukunft des Fernsehens hat längst begonnen, da braucht es Wetten dass..? als Jackass-Show für Menschen mit dritten Zähnen nicht mehr. […] Thomas Gottschalk kann ruhig aufhören. Aufgegeben hat er mit diesem Schock-TV mit Beißhemmung schon lange."
Kurier.at: "Er geht auch nicht um die Verantwortung eines Einzelnen. Es geht um eine Entwicklung, aus der jetzt Konsequenzen gezogen werden müssen: Gottschalk hatte immer angekündigt, aufhören zu wollen, wenn etwas passiert. Jetzt ist es so weit. Und er sollte seinen Taten Worte folgen lassen: Die Leichtigkeit, für die der lustige, charmante Thommy jahrzehntelang stand, ist dahin."
Schweiz
Blick.ch: "Wie es für Samuel Koch weitergeht, ist unklar. Für ans Limit gehende TV-Shows könnte sein Schicksal aber einen Wendepunkt bedeuten."
BaslerZeitung.ch: "Der Medienexperte Jo Groebel geht davon aus, dass Gottschalk die Show weiter moderieren wird – vorausgesetzt, der Unfall finde ein glimpfliches Ende. Er sei nicht der Typ, der aussteige, wenn es Probleme gebe."

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