‚Tatort‘: Leichen, Lesben, Spießer-Stereotype

Der Kölner "Tatort" wird seinem Ruf als düsterster Krimi der ARD-Reihe einmal mehr gerecht. Ein kleiner Junge erfriert qualvoll, nebenbei spielt sich eine Familientragödie vor dem Hintergrund gestriger Werte und unterdrückter Liebe ab. Bei alldem bleiben die Kommissare Ballauf und Schenk seltsam ungerührt. Auch beim Zuschauer wollen nicht so recht Emotionen aufkommen: zu stereotyp zeichnet "Familienbande" das Spießertum für ein intensives Coming-Out-Drama, zu spannungsarm ist der Fall für einen Krimi.

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Wo kann man es dem Zuschauer heute noch glaubhaft vermitteln, dass überkommene Tradition, Borniertheit und Ressentiments eine Familie in den Abgrund stürzen? Genau – in der Provinz, wo Männer noch Machtwörter sprechen und Frauen keine Frauen lieben dürfen. Deshalb ermitteln Ballauf und Schenk diesmal auch nicht in Köln, sondern zwischen Schützenverein und Hirschgeweihen in einem kleinen Örtchen nahe der Domstadt.

Die Polizei entdeckt den kleinen Mark erfroren am Boden im Kühlraum des "Fringshofs" – seine Eltern hatten ihn als vermisst gemeldet. Ob es Mord oder ein tragischer Unfall war, bleibt zunächst unklar. Für den Vater Bernd Bürger (Mark Waschke) und Großmutter Helene (Petra Kelling) steht jedoch sofort fest, dass die Hofbesitzerin Iris Findeisen (Anna Schudt) die Schuld am Tod des Jungen trägt. Auch andere Bewohner des Dorfes am Kölner Stadtrand beschimpfen die junge Frau als Kindermörderin.

Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) sind hingegen skeptisch. Relativ schnell ist den Ermittlern klar, warum Marks Vater die Wildhändlerin nicht ausstehen kann: Seine Frau Nadja (toll gespielt von Katharina Lorenz) liebt Iris. Immer wieder wechseln die Verdachtsmomente, und ein Dorfbewohner nach dem anderen wird aufs Präsidium geladen. Dabei wirkt das Verhalten der Kommissare jedoch häufig unglaubwürdig, denn zu offensichtlich ist die Unschuld der Verhörten. Etwas Spannung nimmt der Fall schließlich wieder auf, als es nach einer guten Stunde Filmzeit eine weitere Leiche gibt…

Trotz zweier Toter gerät die Krimihandlung in dem Familiendrama zur Nebensache. Gezeigt wird das Porträt eines vermeintlichen Spießbürger-Idylls, das den Machern leider etwas schwarz-weiß geraten ist. Zu plakativ erscheint die holzvertäfelte Welt, in die eine lesbische Liebe Unruhe bringt. Schade, denn mit ein paar weniger Nebenhandlungen und mehr Raum für die zentralen Figuren wäre man vermutlich auch ohne plakative Schützenverein-Stereotype ausgekommen.

Nichtsdestotrotz ist "Familienbande" kein schlechter "Tatort": Hier ein Quäntchen Gesellschaftskritik, dort ein Fünkchen Humor an Currywurstbude. Dramatik und einige Wendungen gibt es obendrein. Gerne spricht man in solchen Fällen von "routiniert" – doch mit sich einstellender Routine landet man leider allzu oft im Mittelmaß. Zu wenig für die hohen Erwartungen, die man an das sonst so starke Duo Ballauf/Schenk, das mittlerweile dreizehn gemeinsame Jahre auf dem Beamten-Buckel hat, stellen darf. Nächstes Mal bitte wieder mehr Kölner-Klasse!

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