Franz Josef Wagner – das Relikt

Franz Josef Wagner ist vielleicht der Letzte seiner Art. Gestern hat er in der Paris Bar in Berlin sein Buch “Brief an Deutschland” vorgestellt. Ein schmales Bändchen von 160 Seiten. Aber Wagner ist ja der Meister der Verdichtung. Jeder Satz sei wie ein dicker, fetter Fisch, den man filetieren muss, sagte er in einem Interview für Bild. Bei all dem Rummel um den “Gossen-Goethe” und Kolumnen-König wird leicht vergessen, dass FJW einst der berüchtigste Redaktions-Schinder der Branche war.

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Die Geschichten, die über Franz Josef Wagner erzählt werden, sind selbst legendär und so zahlreich, dass man wahrscheinlich auch damit ein Büchlein füllen könnte. Wagner – der Choleriker; Wagner – der Zeilen-Maniac; Wagner – der Leuteschinder; Wagner – der Kettenraucher; Wagner – der Wahnsinnige usw. Mal geht es darum, dass er Mitarbeiter vor versammelter Mannschaft rundmacht, irgendetwas nach ihnen wirft. Mal geht es darum, dass er von seinem Porsche aus via Mobil-Telefon das Blatt umwirft. Er soll sich die Namen seiner Redakteure nicht haben merken können und die Produktionsnächte bis in die Morgenstunden mit ihm als Chefredakteur bei Burdas Bunte sind bis heute legendär. Wer damals dabei war, erzählt davon, als sei er im Krieg gewesen – mit einem Irren als Kompanie-Hauptmann.

FJW steht für eine andere Art des Journalismus, als er heute gepflegt wird und für ein anderes Medien-Zeitalter. In der FJW-Zeit waren Rauschmittel im Redaktionsbetrieb der legitime Schmierstoff für die Optimierung einer Schlagzeile. Spesen-Abrechnungen und Tages-Honorare konnten Science-Fiction-artige Ausmaße annehmen. Es war eine Bruderschaft der harten Hunde, die sich mit den Großen der Welt auf Augenhöhe wähnten und sich selbst dabei wahrscheinlich insgeheim für die Allergrößten hielten.

Aber Irgendwann war damit Schluss. Der Abstieg von Franz Josef Wagner begann schon mit seiner zweiten Abberufung als Bunte-Chef. Er hatte es geschafft, das Blatt mit Irrsinn, Geldverschwendung und Leute-Schinderei an den Rande des Abgrunds zu treiben. Verleger Hubert Burda zog damals die Notbremse. Als auch das von Wagner entwickelte Wochenmagazin mit dem Arbeitstitel Korsika nie kam, ging er zurück zu Springer und wurde Chef der BZ in Berlin. Berlin wurde für ihn die wirklich passende Wirkstätte. Eine echte Großstadt als Revier für den Asphalt-Wolf, zu dem er so gerne stilisiert wird.

Seine Zeit bei der BZ war rückblickend eine einzige Katastrophe. Sie gipfelte in einer Hass-Page (World Wider Wagner), die frustrierte Mitarbeiter ins Internet stellten – eine Art Vorläufer eines heutigen Shitstorms im Social Web. Die fragmentarische Site ist heute immer noch online und erinnert im wilden Layout früherer Web-Tage an den Wagner, wie er mal war. Wagner musste auch bei der BZ  gehen und wurde Kolumnist. Zunächst dichtete er für die Welt am Sonntag (“Wagners Welt”), später dann wurde “Post von Wagner” für die Bild erfunden. Ein genialer Schachzug. FJW hatte eine Spielwiese mit 40 und ein paar zerquetschten Zeilen, in der er sich austoben konnte. Er schrieb nun allein in seiner Wohnung, konnte keine Leute mehr demütigen – außer jene, an die er schreibt natürlich, aber die stehen in keinem Angestelltenverhältnis zu seinem Arbeitgeber. Und die Bild hatte eine neue Art Maskottchen gefunden. Es ist eines der bizarrsten Missverständnisse der neueren Mediengeschichte, dass manch spießbürgerlich geprägter Bild-Leser in einem wie Franz Josef Wagner nun plötzlich eine “Stimme der Vernunft” zu erkennen glaubt.

Die jungen Leute aus der Medienszene finden ihn meistens lustig. Für sie ist er der Briefe-Onkel von der Bild, der so toll schreiben kann. Einer, der die Biografie von Tina Onassis in einen einzigen Dada-Satz packen kann ("Erst war sie dick, dann dünn, dann wieder dick und dann tot."). FJW ist der trottelige ältere Mann, der in dem NDR-Porträt über ihn die Eingangstür zu seinem Verlag nicht findet. Der, der von Kai Diekmann nachts mit der Videokamera besucht wird. Ein bisschen schrullig, aber nett.
Noch so ein Missverständnis. Wagner ist jetzt 67 Jahre alt und hat gerade sein Buch “Brief an Deutschland” veröffentlicht. Eigentlich wäre er reif für die Rente aber er schreibt immer weiter. Was soll er auch sonst machen? Ein wohliger Schauer ergreift einen, wenn man die Texte auf der Seite World Wide Wagner liest. Ein bisschen so, wie wenn man auf der Autobahn an einem schlimmen Unfall vorbeifährt und froh ist, dass es einen selbst nicht erwischt hat.

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