Die Daten der anderen Leute

Derzeit kann man eine Art Digital-Kulturkampf beobachten, der zunehmend in Fanatismus umschlägt. Eine radikale Netzöffentlichkeit reibt sich an Vertretern der Bürgerlichkeit. Dabei geht es um Reiz-Themen rund um die große Daten-Diskussion: große Aufreger wie Google Streetview oder Wikileaks und kleine Aufreger wie den Verein Innocence in Danger der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg. Eines haben diese Themen gemeinsam: Es geht um den Widerstreit zwischen Offenheit und Kontrolle im Internet.

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Derzeit kann man eine Art Digital-Kulturkampf beobachten, der zunehmend in Fanatismus umschlägt. Eine radikale Netzöffentlichkeit reibt sich an Vertretern der Bürgerlichkeit. Dabei geht es um Reiz-Themen rund um die große Daten-Diskussion: große Aufreger wie Google Streetview oder Wikileaks und kleine Aufreger wie den Verein Innocence in Danger der Ministergattin Stephanie zu Guttenberg. Eines haben diese Themen gemeinsam: Es geht um den Widerstreit zwischen Offenheit und Kontrolle im Internet.

Beispiel Wikileaks

Vertreter der Netzöffentlichkeit wie der Berliner Berater und Autor Sascha Lobo stellen sich auf den Standpunkt, dass eine Organisation wie Wikileaks, die mehr oder weniger gnadenlos alles öffentlich macht, was ihr in die Finger kommt, den Beginn einer Digitalen Revolution markiert. Diesen Standpunkt hat Lobo zuletzt bei der Talksendung von Anne Will zum Thema Wikileaks vertreten. Die Begriffe Öffentlichkeit und Privatsphäre müssten nach dieser Lesart neu definiert werden. Diese Denke geht ungefähr so: Informationen sind frei und unregulierbar. Irgendwo findet sich immer irgendwer, der veröffentlicht. Somit sei es auch völlig sinnlos, einzelne Akteure wie Wikileaks zu verfolgen oder Gesetze wie den neuen Jugendmedienschutz-Staatsvertrag zu erlassen, der eine Art Altersfeigabe für Websites vorsieht. Wer wirklich weiter unreguliert veröffentlichen will, geht eben ins Ausland. Und wenn die US-Regierung Amazon zwingt, Wikileaks nicht länger zu hosten, dann geht Wikileaks eben zu Servern in Schweden oder Island oder der Schweiz.

Die Gegenseite in der Wikileaks-Debatte sind derzeit vor allem Regierungen und ihre Behörden. Hier sieht man im Treiben der Netz-Aktivisten rund um den Most-Wanted-Man Julian Assange eine Art gefährlichen Info-Vandalismus, der das Ansehen von Staaten beschädigt und schlimmstenfalls die Weltsicherheit gefährdet. Dass die geheimdienstähnliche Hinterzimmer-Diplomatie in einem derart gewaltigen Ausmaß öffentlich gemacht wird, wie aktuell von Wikileaks, ist tatsächlich ein einmaliger Vorgang. Ob die Veröffentlichungen von Wikileaks tatsächlich für echte globale Krisen sorgen können, ist noch nicht geklärt. Das Problem: Erst wenn es soweit käme, wüsste man, dass die Wikileaks-Politik der totalen Offenheit tatsächlich gefährlich ist. Dann wäre es aber zu spät.

Beispiel Google Streetview

Hier wurde viel geredet und geschrieben über die bornierten Deutschen, die ihre Hausfassade bei Google Streetview Dienst unkenntlich machen lassen. Der je nach Standpunkt als Web-Visionär oder Kongress-Schwätzer eingeschätzte Jeff Jarvis will sogar sein nächstes Buch über die notorische Datenphobie der Deutschen schreiben. Einige offenbar irregeleitete Netz-Radikale haben sogar verpixelte Häuser mit Eiern beworfen, andere haben dazu aufgerufen, die unkenntlich gemachten Fassaden selbst zu fotografieren und ins Netz zu stellen. Das sind jene Leute, die der Blogger Don Alphonso als “Netztotalitaristen” bezeichnet (siehe dazu das Interview mit Don Alphonso). Parallel dazu treten in TV-Talkshows Vertreter der Nicht-Digitalen Welt auf und machen sich öffentlich Sorgen. Darunter viele Politiker aber auch Schauspieler, wie z.B. Sky DuMont, die von der Zwangs-Digitalisierung des öffentlichen Raumes wenig halten.

Es ist eines der irritierenden Merkmale der so genannten Digitalen Revolution, dass ihre Anhänger geneigt sind, die Positionen von internationalen Großkonzernen und Datensammlern wie Facebook oder Google zu vertreten und im allgemeinen eher einen marktradikalen Ansatz in Sachen Datenschutz vertreten. Es herrscht eine großzügige Laissez-faire-Stimmung auch im Umgang mit den Daten anderer Leute. Wenn jemand nicht mitmachen will, schlägt die radikal-liberale Grundhaltung aber auch schnell ins Aggressive um (siehe die Streetview-Eierwerfer).

Beispiel Innocence in Danger

Der Verein gegen sexuellen Missbrauch von Kindern, Innocence in Danger, ist geradezu idealtypisch geeignet, sich den Zorn digitaler Vordenker zuzuziehen. Da ist zunächst einmal der Verein selbst, dem zwei adelige Freifrauen vorstehen. Geschäftsführerin ist Julia Freifrau von und zu Weiler, Präsidentin bekanntlich Stephanie Freifrau von und zu Guttenberg. Zwei Freifrauen an der Spitze eines Gutmenschen-Clubs – da kocht die kalte Wut aufs Establishment hoch. Und dann ist da noch die plötzliche Popularität von Stephanie zu Guttenberg, die in Vertretung ihres Gatten bei einer Bambi-Verleihung glänzte und Pfui-Medien wie Bild und RTL 2 für die PR-Zwecke ihres Vereins nutzt. Schnell hatte Stephanie zu Guttenberg in der Web-Szene den Beinamen “Pornosteffi” bekommen. So wie die frühere Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (schon wieder Adel, aber nur angeheiratet!) den Spitznamen “Zensursula” bekam, weil sie Netzsperren für kinderpornografische Inhalte forderte. Ein Artikel über die Intransparenz des Vereins wurde von der Netzgemeinde dankbar aufgegriffen und nahtlos ins eigene Weltbild eingefügt.

Nun wird niemand wird den Netz-Aktivisten unterstellen wollen, sie seien für Kinderpornografie. Aber die Meinungs-Radikalen argwöhnen, dass die “herrschende Klasse” mit dem U-Boot Kinderporno-Sperre das ganze Netz totreglementierten will. Mit ihrer Über-Reaktion bringen sie dann wieder die Fraktion der Bürgerlichen in Wallung und so schaukeln sich die Empörungswellen immer höher. Was am Ende dabei herauskommt, ist derzeit noch nicht abzusehen. In den USA fordern einzelne Politiker nun schon die Hinrichtung von Julian Assange. Radikalität schlägt schnell um in Fanatismus. Und Fanatismus hat noch nie zu etwas Gutem geführt. Egal von welcher Seite.

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