„Baut ein Denkmal für Julian Assange“

Blogger Don Alphonso ergreift im Interview mit MEEDIA Partei für den Wikileaks-Gründer Julian Assange. Er sei eine der wenigen Figuren des bisherigen Jahrhunderts, für die man ein Denkmal bauen sollte, so Alphonso. Wortführer der "Digitalen Revolution" bezeichnet er als "Plärrer". Begriffe wie "digitale Öffentlichkeit" und "Post-Privacy" seien höchstens für eine sehr kleine Zielgruppe interessant. Don Alphonso kritisiert die Veröffentlichung von privaten Daten durch Dritte als "Netz der Unfreiwilligkeit".

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Es scheint einen Gegensatz zu geben zwischen Netz-Aktivisten und Internet-Publizisten, die für eine radikale Offenheit des Internets und der dort veröffentlichten Inhalte eintreten und einer eher bürgerlichen Bewegung, die die Online-Welt regulieren möchte. Ist diese Beobachtung korrekt?

Ich denke, da sind welche, die es den "Spiessern" einmal richtig zeigen wollen, auf einem Feld, auf dem sich die "Spiesser" nicht auskennen. Diese Leute basteln seit Jahren an einer Revolution, die einfach nicht kommen will, weil die normalen Nutzer sich dafür nicht erwärmen – also soll es jetzt eben die Provokation, der Missbrauch, die digitale Gewalt regeln. Ich nenne diese Leute Netztotalitaristen, und plädiere auch dafür, sie präventiv wie alle anderen extremistischen Gruppierungen zu behandeln.

Wie genau sollte man diese "Netztotalitaristen" denn behandeln? Ist es nicht sehr schwer abzugrenzen, wer "totalitär" ist und wer einfach nur seine Meinung sagen will?

Auch Totalitaristen dürfen natürlich ihre Meinung sagen, das hier ist ein freies Land. Aber gerade für diejenigen im Internet, die sich von dieser kleinen Minderheit nicht vereinnahmen lassen und das Internet anders gestalten wollen, scheint es mir unabdingbar zu sein, dass man sich mit diesen Leuten auseinandersetzt und verdeutlicht, was die beabsichtigen, und welches Netz der Unfreiwilligkeit ihnen so vorschwebt. Wenn mit Streetview eine große Datenbank auf den Servern einer amerikanischen Firma zur "digitalen Öffentlichkeit" erklärt wird, die zwangsweise für alle und auch gegen den erklärten Willen der Betroffenen durchgesetzt werden soll, kann man nicht früh genug anfangen, solche Figuren unter Druck zu setzen. Und wenn diese Leute Streetview-Ablehner mit organisierter Schnüffelei im Netz anprangern, wüsste ich gerne, warum man das mit ihnen nicht genauso tun sollte.

Beide Seiten behaupten, nur das Beste zu wollen. Die einen fürchten um die Freiheit des Netzes, die andere Seite sieht die Privatsphäre von Bürgern bedroht. Wer hat Recht?

Jedem von denen steht es frei, sich im Internet nach Belieben nackig zu machen, wie er will. Sie können sich umfassend ausleben, keiner verbietet es ihnen, ihr Profil bei "Sklavenzentrale.de" zu bewerben, wie es einer von denen tatsächlich tut. Ich habe damit kein Problem. Mein Problem beginnt erst, wenn ich überlegen muss, was ich noch schreiben kann, wenn andere es gegen mich missbrauchen, oder Dinge zu veröffentlichen, die ich gern für mich behalten möchte. Das muss nichts schlimmes sein. Ich würde nur gern an den Tegernsee fahren können, ohne dabei zwangsabgelichtet zu werden. Es geht niemanden etwas an, wo ich gerade bin.

In Deinem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft schreibst Du über Eliten. Welches Verhältnis hat die gehobene Bürgerlichkeit zum Internet?

Weitgehendes Desinteresse jenseits der Email, Webcams am Standort der FeWo und Aufpreislisten für den neuen A6 für die Frau.

Ist der Gegensatz zwischen dem Bürgertum und der Netzöffentlichkeit ein Konflikt, für den es eine Lösung geben kann?

Ich glaube, die andere Seite ist einfach seit Jahren schon viel zu radikal, um mehr als ein paar lautstarke Plärrer anzuziehen. Ein paar hundert Leute, die von Dingen reden, die so gut wie niemand versteht. So gesehen gibt es auch keinen Konflikt. Konflikt setzt voraus, dass beide Partner wissen, dass es ihn gibt.

Mittlerweile haben es diese Netzthemen aber immerhin schon auf die eins in den "Tagesthemen" und auf die Titelseiten der etablierten Magazine geschafft. Sind die "normalen" Medien und die "normale" Bevölkerung da nur auf ein paar "Plärrer" reingefallen und lassen sich anstecken? Oder gibt es bei der "normalen" Bevölkerung nicht doch ein gestiegenes Interesse an Netz-Themen wie Datenschutz, Google etc?

Da muss man differenzieren. Die großen Themen, die klassische Medien fahren, haben eine ganz andere Zielrichtung als besagte Plärrer. Streetview und Facebook sind sicher zu erklären, aber das luhmannverseuchte Nerdgewäsch von "digitaler Öffentlichkeit" und "Postprivacy" ist doch eher was für kleine Zielgruppen.

Was ist von den Vorschlägen des Innenministers zu halten, im Internet eine "rote Linie" zu ziehen, die die Privatsphäre schützt?

Ich glaube, angesichts der Begehrlichkeiten sollte es Möglichkeiten geben, sich zu wehren, gerade im Hinblick auf professionelle Datenmissbraucher, denen man auf anderen Wegen kaum beikommt.

Netz-Aktivisten wie Sascha Lobo meinen, wir stehen vor oder befinden uns in einer "Digitalen Revolution" – gemeint ist offenbar eine radikale Offenheit der Daten, ob man will oder nicht. Was ist Deine Meinung dazu?

Ich denke, die Frage ist, wie sehr die Daten für welche Kreise zugänglich werden. Mir wird flau im Magen, wenn ich sehe, wie Leute mit meinen Daten bei Facebook umgehen, selbst wenn ich nicht dort bin. Gestern hat "jemand" einen kritischen Beitrag von mir über "Innocence in Danger" bei denen gemeldet – mit meiner Email-Adresse. Schon vor ein paar Jahren hat ein "Kollege" unter den Bloggern in böser Absicht versucht, mittels der Datierung meiner Kommentare zu belegen, dass ich keiner geregelten Arbeit nachgehe. Wie so oft ist der Angriff auf die Daten sehr viel leichter als die Verteidigung, und wenn jemand nur wirklich will, hat man wenig Chancen, sich zu wehren – außer vielleicht auf dem gleichen Niveau. Das trägt alles nicht eben zum Wohlbefinden bei. Die Frage ist letztlich, wie weit man sich exponiert, und wie bereit man ist, für seine Daten zu kämpfen. Früher hätte ich ausgeschlossen, dass ich jemals einen Menschen wegen "irgendwas im Internet" vor Gericht zerre. Heute wäre ich mir da angesichts dessen, was möglich ist, nicht mehr sicher. Habe ich sogar schon mal gemacht. Hat auch gewirkt.

Was ist Deine Meinung zu Wikileaks – ist Julian Assange ein Held oder ein Verbrecher?

Assange ist eine der wenigen Figuren des bisherigen Jahrhunderts, bei denen ich sagen würde: Baut ihnen ein Denkmal, damit man sich an sie erinnert.

Das klingt sehr nach Heldenverehrung. Trifft auf Assange nicht auch der von Dir vorhin gebrauchte Begriff des "Netztotalitaristen" zu? Gibt es gute "Netztotalitaristen" und böse? Und wo ist der Unterschied?

Assange ist ohne Zweifel ein sehr mutiger Mensch, der mit hohem persönlichen Risiko Systeme herausfordert, an die sich auch große Medienhäuser nicht herantrauen. Vieles, was Wikileaks gebracht hat, gehört in die Öffentlichkeit – egal ob das Video über den Mord an den Reuters-Journalisten im Irak oder der Skandal, dass ein Minister dieses Landes den anderen bei den Amerikanern anschwärzt, um sich lieb Kind zu machen. Das sind meine Politiker, ich habe ein Recht zu wissen, was die beruflich so treiben. Wikileaks deckt auf, woran es ein begründetes Interesse der Öffentlichkeit gibt. Andere rennen in der Nacht zu Privathäusern, die bei Streetview verpixelt und bei einem Internetpranger identifiziert sind, und bewerfen sie mit Eiern. Da sehe ich schon einen Unterschied.

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