Das Ende der Vertraulichkeit

Bereits zum dritten Mal in diesem Jahr bestimmt die Enthüllungsplattform Wikileaks um den schillernden Internet-Aktivisten Julian Assange die Schlagzeilen der Weltmedien. Nach Protokollen zu den Konflikten in Afghanistan und Irak sorgen nun vertrauliche Botschafts-Berichte für Wirbel. Welche Auswirkungen haben die Scoops von Wikileaks auf die Politik und die Medien? In der Politik wird Vertraulichkeit neu definiert werden müssen. Und Medien müssen sich fragen, ob sie noch Herr über die Themen sind.

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Diese Frage muss man derzeit mit Nein beantworten. Als mysteriöse Organisation mit dem geheimnisvollen, in Schweden mit Haftbefehl wegen Vergewaltigungsvorwürfen gesuchten, Julian Assange an der Spitze, hat Wikileaks bereits dreimal in diesem Jahr, zahlreichen Weltmedien die Titelschlagzeilen quasi diktiert. Doch die Kritik, die nun teilweise am “Spiegel” geäußert wird, ist verlogen. Mutmaßlich jeder Chefredakteur auf der Welt hätte die Wikileaks-Geschichten gebracht. Zuallererst sind es nämlich gute Geschichten. Über die tatsächliche Brisanz und Relevanz der Wikileaks-Dokumente lässt sich zwar streiten – wirklich neue Erkenntnisse ließen sich bisher daraus nicht gewinnen – aber die Dokumente sind offenbar echt und sie sind interessant.

Dies gilt für die Afghanistan- und Irak-Protokolle genauso wie für die aktuell veröffentlichten Botschafts-Depeschen. Es wurde von den USA noch nicht einmal der Versuch unternommen, die Echtheit der Informationen in Zweifel zu ziehen. Medien leben von Aufmerksamkeit und von Geschichten. Und die Wikileaks-Stories sind zu gut und zu verführerisch, um sie zu ignorieren – kein Chefredakteur würde sie ablehnen, sonst hätte er den Beruf verfehlt. Dass die aktuelle Story wegen einer Unachtsamkeit früher als vom Spiegel geplant durch das Internet schwappte und hohe Wellen schlug, zeigt nur, wie brennend sich die Leute für das Wikileaks-Material interessieren.

Nichtsdestotrotz bleibt ein mulmiges Gefühl bei dem Gedanken, dass es nicht mehr die Medien selbst sind, die die Themen setzen, sondern eine ominöse Organisation namens Wikileaks. Dabei ist bezeichnend, dass sich die spektakulären Medien-Aktionen von Wikileaks bisher ausschließlich gegen die USA gerichtet haben. Ob eine politische Agenda von Julian Assange dahintersteckt oder aus restriktiveren Staaten schlicht kein Material zur Verfügung steht, wissen wohl nur die Wikileaks-Aktivisten selbst.

Für die USA und die globale politische Kultur ist Wikileaks damit längst zu einem wichtigen Thema geworden. Die jüngste Veröffentlichung vertraulicher Einschätzungen ist hochnotpeinlich für Amerika – auch wenn ähnliche Einschätzungen auch in anderen Botschaften von anderen Ländern gang und gäbe sind und man Ähnliches schon dutzendfach in der Zeitung lesen konnte. Aber es ist eben ein Unterschied, ob ein Zeitungskommentator xy über Merkel und Westerwelle herzieht oder ein Staat. Was also sind die Lehren aus der jüngsten Wikileaks-Enthüllung? Künftig muss man in diplomatischen Kreisen damit rechnen, dass prinzipiell alles, was in elektronischer Form gespeichert wird, veröffentlicht werden kann. Das wird den Umgang miteinander nicht einfacher machen. Und: Medien sind nicht länger zwangsläufig die relevanten Agendasetter. Ob das nun gut ist oder schlecht, darüber dürften die Ansichten auseinandergehen. Umkehren wird man diese Entwicklung indes nicht mehr. Das ist der Verdienst von Wikileaks. Oder die Schuld von Wikileaks. Je nach Standpunkt.

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