„Tatort“: Tukurs brillantes Ermittler-Debüt

Die ARD hat sich zum 40. Geburtstag ihrer Krimireihe ein eigenes Geschenk gemacht, zu dem man ihr gern gratuliert. Im Jubiläums-"Tatort" fährt der Hessische Rundfunk mit einer Starbesetzung auf. Allen voran: Ulrich Tukur als undurchsichtiger LKA-Ermittler Felix Murot, der neben der Aufklärung eines mysteriösen Mordfalls in der hessischen Provinz mit seinem Gehirntumor zu kämpfen hat. Die Episode "Wie einst Lilly" ist ein Glanzstück, an dem sich viele "Tatort"-Macher ein Beispiel nehmen sollten.

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Tumor ist, wenn man trotzdem lacht: Felix Murot ist ein Typ, den schlechte Nachrichten nicht wirklich umhauen. Erst wird er mit der Diagnose Gehirntumor konfrontiert, und dann muss der LKA-Ermittler aus Wiesbaden auch noch in seine ungeliebte Heimat am Edersee fahren, um dort einen Mord aufzuklären. Ein Mann wurde in einem Ruderboot erschossen. Neben der Leiche: eine Waffe, die der RAF zuzuordnen ist.
Die örtliche Polizei geht von Selbstmord aus, aber Murot traut der Theorie nicht. Der ehemalige BKA-Mann sieht in dem Fall Zusammenhänge zu dem Mord an einem Manager vor dreißig Jahren, für den sich die RAF verantwortlich zeichnete. Damals war er von den Ermittlungen abgezogen worden, weil er die "falschen Fragen" stellte. Um der Spur auf den Grund zu gehen, mietet Murot sich in der Pension am See ein, deren geheimnisvolle Besitzerin Jana Maitner (Martina Gedeck) ihn an seine alte Liebe Lilly erinnert. Zudem holt er sich Rat bei seinem ehemaligen Chef Paul Krafft (Vadim Glowa), der ihn jedoch aus ganz eigenem Interesse auf eine falsche Fährte lockt…
Die Geschichte ist so undurchsichtig wie die von Nebelschwaden durchwaberte Atmosphäre am Anfang der Episode. Die Ausgabe "Wie einst Lilly" wird anhand mehrerer Erzählstränge in unterschiedliche Richtungen geführt: die Krankheit des Kommissars, der Tote im Boot und der unaufgeklärte politische RAF-Mord. Dies stiftet auf den ersten Blick Verwirrung, weil die Erzähldichte für einen 90-Minüter recht hoch ist. Sie funktioniert aber gerade dadurch, weil die Komposition so ausgeklügelt ist. Das erfährt der Zuschauer zwar erst im Nachhinein, aber so soll es bei einem guten Krimi ja auch sein.
Tukur überzeugt auf ganzer Linie – dies liegt auch daran, dass der Schauspieler sich die Rolle auf den Leib schreiben ließ. Zunächst lehnte er das Angebot des Hessischen Rundfunks ab. Im Spiegel-Interview sagte er, dass er nur wegen der Zähigkeit der zwei Redakteure und der "Wirkung dreier hervorragender Flaschen Rotwein" zugesagt habe – und wegen der Mitbestimmung an der Entwicklung der Figur. Ihn nerve an Fernsehkrimis "theatralisch gezückte Pistolen, das ständige Einsteigen in Autos, um nur kurz darauf wieder auszusteigen" sowie "Kameraeinstellungen, die aus Stuttgart unbedingt Chicago machen wollen". Tukur konnte sich durchsetzen: Der Eder See ist nicht der Starnberger See und die Szenen in seinem neu erworbenen Oldtimer dauern gefühlte zehn Sekunden – anders als beispielsweise beim Kieler "Tatort", in dem Borowskis alter Passat fast in keiner Szene fehlt.
Insgesamt hebt sich der Tukur-"Tatort" von den anderen öffentlich-rechtlichen Mordfällen stark ab. Dem Ermittler wird – anders als bei den anderen Kommissaren – auch mal das Scheitern zugestanden. So zum Beispiel bei der Überbringung der "schlechten Nachricht", als sich neben der vermeintlichen Witwe der Totgesagte als quicklebendig herausstellt. Zudem wird der Plot nicht durch Sozialdramen, die zwanghafte eine Gesellschaftskritik untermauern sollen, überladen, sondern häppchenweise mit Seitenhieben versehen. In der Szene, als Murot die "Blick"-Chefredaktion aufsucht, ist klar an welche Adresse das geht. Murot: "Traute hat getrunken, nicht wahr?" Chefredakteurin: "Ja, solange einer gute Stories bringt. Und Trinken als Grund für Selbstmord? Ich hätte ja kaum noch Mitarbeiter." Murot: "Dann nehmen Sie doch Leserreporter." Chefredakteurin: "Ja, und wenn?" Murot: "Ich seh‘ schon: alles im Griff. Das ganze Volk. Fabelhaft."
Leider ließ Tukur bisher in der Schwebe, ob er für einen weiteren "Tatort" vor der Kamera stehen wird – als Ermittler Murot versteht sich. Als Mörder hatte er bereits zwei Mal ein Gastspiel in der Krimi-Reihe. Er wolle das Ergebnis abwarten und dann eine Entscheidung treffen, sagte er im ARD-Morgenmagazin. Sie wird ihm leicht fallen. 

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