Die Twitter-Posse um den Wikileaks-Spiegel

Dieses Leck war nicht geplant: Bei der dritten Enthüllungs-Titelgeschichte zum Thema Wikileaks unterliefen dem Spiegel möglicherweise gleich zwei Patzer. Zunächst ging am Samstag, mehr als 24 Stunden vor Ende der weltweiten Sperrfrist, bei Spiegel Online eine Seite mit ersten Details live, dann wurde offenbar das Printmagazin entgegen der Anweisung aus Hamburg an einem Kiosk verkauft. Auch wenn der Fehler schnell korrigiert wurde, geistert seither das Cover "Enthüllt: Wie Amerika die Welt sieht" durchs Netz.

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Ob das Cover mit zwölf Politiker-Köpfen, darunter vier deutschen, tatsächlich echt ist, steht nicht fest. Weswegen die seriösen Verbreiter darauf hinweisen, dass sie für die Authentizität keine Gewähr übernehmen. Doch die Details, die via Twitter immer größere Kreise ziehen, legen die Vermutung nahe, dass das, was Stunden vor dem offiziellen Veröffentlichungstermin zu lesen ist, tatsächlich dem neuen Spiegel entstammt.

Bei twitgoo.com wurde ein Foto des vermeintlichen neuen
Spiegel-Covers online gestellt

Die neue Flut von internen und vertraulichen Dokumenten aus dem US-Regierungsapparat war mit viel Getöse am Wochenende angekündigt worden und hatte auch Kritiker auf den Plan gerufen, die den Wust der Protokolle der offenbar erneut mehr als 250.000 Protokolle als eher verwirrend denn erhellend werten. Hinzu kommen Politiker, die davor warnen, dass die Details in den Berichten die Sicherheitslage vor allem für US-Militärs schwächen können. Ganz so dicke kommt es aber offenbar nicht…
Was ein Autor (und offenkundiger Käufer des Vorab-Exemplars, das er am Badischen Bahnhof in Basel erworben haben will) unter dem Namen Freelancer_09 an Einzelheiten twittert, ist vor allem für die genannten deutschen Spitzenpolitiker despektierlich. Besonders peinlich wird’s für Außenminister Guido Westerwelle, der demnach bei der US-Regierung einen schweren Stand hat. So heißt es in einem Tweet: "Washington bewertet Guido Westerwelle kritisch wie keinen zweiten dt. Politiker" und weiter: "Westerwelle nur Außenminister wegen Bindung an Posten des Vizekanzlers." In Bezug auf die Interessen der US-Regierung wirke der Minister kontraproduktiv: "Truppenerhöhung in Afghanistan scheiterte an Westerwelle!" Das Fazit fällt laut angeblichen Zitat aus den Protokollen im Spiegel bei den US-Diplomaten ebenso knapp wie vernichtend aus: "Westerwelle NO Genscher."
Über die Kanzlerin heißt es laut Freelancer_09 in der Titelgeschichte: ""Merkel unter Druck beharrlich, aber meidet das Risiko und ist selten kreativ." Und: "Merkel hält sich lieber im Hintergrund, bis die Kräfteverhältnisse klar sind." An anderer Stelle heißt es: "SPIEGEL: ‚Angela Merkel wird intern "Teflon" genannt, weil alles an ihr abgleitet‘." Der US-Präsident halte zu ihr Distanz: "Obama immun gegen Merkels Bezirzungsversuche." Wohl auch, weil dieser den Schwerpunkt seines Interesses auf andere Kontinente lege. So heißt es: "Obama (hat) keine emotionale Beziehung zu Europa." Dass auch CSU-Chef Horst Seehofer bei den Amis intern schlecht wegkommt (falls die Zitate stimmen), wäre keine Überraschung. Geradezu vorwurfsvoll heißt es:  "Seehofer wusste nicht, daß 20000 der 40000 in Deutschland stationierten US-Soldaten in Bayer(n) sind." Um es nochmals zu betonen: Zum gegenwärtigen Zeitpunkt steht nicht fest, dass es sich tatsächlich um Passagen aus der Spiegel-Titelgeschichte handelt…
Interessant sind die Details, die sich zum Strahlemann des Berliner Kabinetts und beliebtesten Regierungspolitiker finden. Ausgerechnet Karl-Theodor zu Guttenberg wird danach von US-Diplomaten als wenig loyal gegenüber seiner Kabinettschefin eingeschätzt: "Guttenberg über Merkel: ‚Sie ist beim Thema Wirtschaft nicht durchsetzungsfähig genug.’"
Wer übrigens auf einen Blick prüfen möchte, ob Freelancer_09 tatsächlich den "echten" Spiegel vom morgigen 29. November vorab in den Händen hatte, kann ab Sonntagabend, 22.30 Uhr, via E-Paper-Studium den Test machen: Wenn die Titelgeschichte unter der Headline "Angela ‚Teflon‘ Merkel" auf den Seiten 20 / 21 beginnt, müsste es darunter im Vorspann heißen: "Die geheimen Depeschen des State Department enthüllen, wie kritisch amerikanische Diplomaten Deutschland betrachten: Sie fremdeln mit der Kanzlerin, Außenminister Westerwelle beurteilen sie abschätzig. Die US-Botschaft führt Informanten mitunter wie ein Nachrichtendienst seine Quellen."
Was Freelancer_09 nach der Lektüre denkt, enthält er übrigens der Twitter-Community nicht vor. Er schreibt abschließend: "Werd das Gefühl nich los, daß dass einfach nur Propaganda gegen unsre Regierung ist…"
Daran könnte sehr viel Wahres sein.

Nachtrag: Der Spiegel hat die Enthüllungsberichte inzwischen online gestellt und bestätigt, dass die Informationen bestätigt.

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