Sex sells: Der Kult um die „Seite-drei-Girls“

Wutentbrannt soll Rupert Murdoch gewesen sein: Vor ziemlich genau 40 Jahren starrten dem Medienmogul die ersten entblößten Brüste auf der dritten Seite seiner Boulevardzeitung The Sun entgegen. Erst eine Auflagensteigerung von 1,5 Millionen auf 2,1 Millionen Exemplare innerhalb eines Jahres habe ihn letztlich beruhigt – so die Legende. Mittlerweile sind die Mädchen von der dritten Seite Kult. MEEDIA erzählt ihre Geschichte vom mutigen Erfinder, Verbotsversuchen und einem feministischen Fan.

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"Ich habe dazu beigetragen, dass der Begriff ‚Seite drei‘ zum allgemeinen Sprachgebrauch gehört. Aber in vielerlei Hinsicht wünsche ich mir, ich hätte es nicht getan", schrieb Sun-Chefredakteur Larry Lamb vor seinem Tod im Jahr 2000 über einen Tabubruch, mit dem er sein Karriereende riskierte. Als sich sein neuer Verleger Murdoch, der das marode Blatt erst ein Jahr zuvor für 800.000 Pfund übernommen hatte, am 17. November 1970 in sicherer Entfernung außerhalb der Landesgrenze befand, landete der damalige Blattmacher Lamb seinen großen Sexcoup. Über den Kopf des Big Boss‘ hinweg entschied er, die glamourös bekleideten Models, die bisher die dritte Seite zierten, gegen nackte "The girl next door"-Mädchen auszutauschen. Eine Idee die Pressegeschichte schreiben, einen Verleger reich und ein deutsches Mädchen berühmt machen sollte.
Erstes Oben-Ohne-Model auf der dritten Seite des britischen Boulevardblattes wurde die damals zwanzigjährige Münchnerin Stefanie Rahn. Als "Birthday-Suit-Girl" erlangte sie ungeahnten Ruhm. In der Zeitung, die sie einst berühmt machte, erinnert sich die heute 62-Jährige zurück: "Ich habe die Bilder für eine Modelagentur gemacht. Eines Tages bekam ich einen Anruf und mir wurde gesagt, dass ich in der Sun erscheine." Insgesamt 85 Mal ließ sich das deutsche Model, das später den Mädchenname ihrer Mutter annahm und sich Stefanie Marrian nannte, für die Sun ablichten – leicht unangenehm waren ihr die ersten Bilder dennoch: "Es war mir peinlich, die Zeitung zu kaufen. Ich habe mit einem Schauspieler zusammengelebt und ich dachte, er würde seine Freundin ungern oben ohne in der Zeitung sehen."

Mit dem Erfolg der Sun kamen auch die Nachahmer, und andere Boulevardblätter sprangen nach und nach auf den topless-train auf. Zunächst veröffentlichten der Daily Mirror und der Daily Star ebenfalls "Page-three-Girls". In Deutschland übernahm unter anderem die Bild-Zeitung das Konzept – auch wenn dort die nackten Tatsachen bereits auf der ersten Seite hervorstechen.
Erfolg bedeuteten die sexy Fotos nicht nur für die Sun. Auch einigen der Mädchen gelang es, die Bilder als Sprungbrett zu nutzen und in einem Promi-Pool zu landen. Zu den bekanntesten gehören Samantha Fox und Katie Price. Am 22. Februar 1983 – im Alter von 16 Jahren – hat Fox ihre damals noch knapp bedeckte Oberweite erstmals in Murdochs-Blatt präsentiert. Sie etablierte sich als weltweit bekanntes Pin-Up und wurde dreimal zum Seite-drei-Girl des Jahres gekürt. Ihr 1986 veröffentlichter Song "Touch me (I want your body)" wurde zudem in etlichen Ländern zum Tophit. Auch Katie Price hat nach ihren Fotos in der Sun, die sie unter dem Namen "Jordan" veröffentlichte, Karriere gemacht – auch wenn niemand mehr weiß womit eigentlich. Aus den britischen Gossip-News ist sie nicht mehr wegzudenken.
Immer wieder hagelte es Proteste verschiedenster konservativer Gruppierungen, die versuchten, die nackten Mädchen aus den Boulevardblättern zu verbannen. Den erbittertsten Versuch unternahm Mitte der 1980er Jahre die Labour-Politikerin Clare Short. Per Gesetz wollte sie die Nacktfotos verbieten lassen. Für die sogenannte "Page Three Bill" fehlte ihr letztlich jedoch die Unterstützung aus den eigenen Reihen. Aller Kritik und Verbotsversuche zum trotz, die "Seite-drei-Girls" haben überlebt und feiern dieser Tage ihren 40. Geburtstag, den die Sun mit einem Video zelebriert.
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Jüngst bekamen die Mädchen sogar Schützenhilfe von der australischen Radikal-Feministin Germaine Greer. Ihrer Meinung nach seien die Mädchen "alles andere als benutzbar. Es ist wie das Bild eines Formel-1-Autos oder wie eine Flasche Jahrgangs-Champagner." Die Bilder hätten "nichts Fetischistisches, nichts Bedrohliches, nichts Schuldbewusstes". Greer beklagt allerdings, dass für die weiblichen Leser nicht gesorgt werde.

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