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„Tatort“: der undurchsichtige Herr Tukur

Die ARD ist mächtig stolz auf ihren Jubiläums-Tatort zum 40. Geburtstag der Reihe. Der deutsche Schauspiel-Star Ulrich Tukur verkörpert in “Wie einst Lilly” den an einem Tumor erkrankten Ermittler Felix Murot, der in "hessisch Sibirien" in einem vermeintlichen Selbstmord ermittelt und dabei auf Verwicklungen mit der RAF stößt. Was macht Ulrich Tukur zu einem TV-Ereignis der besonderen Art? Ganz einfach: Der Mann ist eines der wenigen Multitalente im deutschen Kulturbetrieb. Und er ist unberechenbar.

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Ulrich Tukur ist einer der erfolgreichsten deutschen Schauspieler. Er hat seine Wurzeln im Theater und unter dem Intendanten Peter Zadek das Deutsche Schauspielhaus in Hamburg entscheidend geprägt. Für seine Rolle in der "Tatort"-Folge "Das Böse" im Jahr 2004 erhielt er den Deutschen Fernsehpreis, er hat 2006 den Deutschen Filmpreis für seine Darstellung eines Stasi-Offiziers in dem Oscar-gekrönten Film "Das Leben der Anderen" bekommen, Anfang 2010 wurde er mit dem Friedenspreis des Deutschen Films für die Titel-Rolle in "John Rabe" ausgezeichnet.

Was aber noch wichtiger ist als die Auszeichnung: Tukur steht kompromisslos für Qualität. Er wählt exakt Rollen aus, die auf seinen schwermütig, hintergründig wirkenden Typus passen. So hat er sich auch die Rolle des “Tatort”-Ermittlers Felix Murot auf den Leib schreiben lassen: ein schrulliger Einzelgänger mit einer tickenden Zeitbombe im Kopf, die noch dazu für Wahrnehmungsstörungen sorgt. Tukur selbst hat den Redakteuren des Hessischen Rundfunks den hohen Skurrilitäts-Faktor seiner Figur abgetrotzt. Um den Star zu bekommen, willigte man ein. Der inhaltlich erstarrten Vorzeige-Krimiserie der ARD kann das nur gut tun.

Ulrich Tukur ist aber auch ein erfolgreicher Musiker. 1995 gründete er die Band "Ulrich Tukur und die Rhythmus Boys", in der er als Sänger, Pianist und Akkordeonspieler den Ton angibt. Die, wie sie sich selbst bezeichnet, “älteste Boygroup der Welt” spielt Hits früherer Tage und Selbstkomponiertes. Im Hamburger St. Pauli Theater hat Tukur außerdem gerade das Programm “Mezzanotte – Lieder zur Nacht” auf die Bühne gebracht – eine eigenwillige Mischung aus Chansons, Eigenkompositionen, Rezitationen und Big-Band-Sound.

Ulrich Tukur ist auch Schriftsteller. 2007 brachte der in Venedig lebende Schauspieler sein erstes Buch “Die Seerose im Speisesaal – Venezianische Geschichten” heraus – eine Geschichtensammlung über die Faszination Venedig. So vielschichtig Ulrich Tukur in seinen künstlerischen Ausdrucksformen auch ist – er hat einen gewissen Stil, dem er treu bleibt. Die 20er Jahre, skurrile Charaktere, das Böse, Verdeckte, eine gewisse Morbidität sind Themen, die ihn reizen. Dazu passt auch sein Wohnort – die dem Untergang geweihte Lagunenstadt.
Trotz aller Stil-Treue: sich festzulegen ist ihm offenbar ein Greuel. So will Ulrich Tukur auch künftig nicht auf die Rolle des “Tatort”-Ermittlers abonniert sein und hält die Zukunft seines Krimi-Engagements schlau in der Schwebe. Seine Figur entziehe sich ja einer genaueren Untersuchung, sagte er dem Spiegel, Felix Murot könnte also durchaus noch ein paar Jahre leben. Um gleich hinterherzuschicken: “Aber ich gebe gern zu, dass ich am Anfang unsicher war, ob die von uns entwickelte Figur funktionieren würde, und so war der Tumor nicht nur der Versuch, eine Persönlichkeit am Abgrund des Lebens zu gestalten, sondern auch die Reißleine, die man ziehen könnte, sollte das Ergebnis miserabel sein.”

Die Zeit mit Ulrich Tukur als “Tatort”-Ermittler Murot wird sicher nicht nur für die Zuschauer spannend, sondern auch für die zuständigen Redakteure des Hessischen Rundfunks.

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