„Man redet wieder über den Focus“

Aufbruchstimmung in München: Knapp vier Monate nach seinem Antritt als operativ verantwortlicher Chefredakteur zieht Focus-Macher Wolfram Weimer im MEEDIA-Interview eine erste Zwischenbilanz seiner Bemühungen um eine Neuausrichtung. Mit den Fortschritten zeigt sich der 46-Jährige sehr zufrieden, von den angestrebten Innovationen seien "80 Prozent" bereits umgesetzt. Weimer spricht über Marktrivalen, seine Pläne, den gefühlten Links-Shift beim Spiegel und sein Erfolgsrezept: Ab durch die Mitte.

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Zusammen mit Springers Bild können Sie diese Woche exklusiv behaupten: Wir sind Papst. Macht Sie der Coup stolz?
Stolz ist eine unjournalistische Kategorie. Aber eines ist wahr: Nie zuvor hat ein Papst ein derartiges Interview gegeben. Es löst inzwischen europaweit Debatten aus, weil Benedikt XVI.  eine ganze Reihe von brisanten Themen erstaunlich offen adressiert  – von Kondomen bis zum Kulturkampf. Insofern freut es uns natürlich, dass Focus seine Leser hier exklusiv informieren und journalistisch punkten konnte. Dass der Spiegel in der gleichen Woche mit einem zeitlosen Goebbels-Titel aufwartet, macht den Focus-Auftritt erst so auffällig.

Sie beziehen in jüngster Zeit erkennbar Front gegen den Spiegel. Worum geht es Ihnen dabei?
Es geht mir gar nicht um eine Front, sondern um einen geistvollen Wettbewerb, der von Respekt geprägt sein sollte. Focus erfindet sich gerade neu und wird dem Spiegel zusehends wieder ein wacher Wettbewerber um journalistische Ideen und Deutungsmacht. Ich finde: Deutschland kann zwei Nachrichtenmagazine gut gebrauchen, die zum Wochenauftakt die großen Lagen von unterschiedlichen Perspektiven beleuchten. Die Erfahrung aus den neunziger Jahren zeigt, dass diese unmittelbare Konkurrenz beiden Magazinen gut tun kann.

Was unterscheidet Ihren Focus konzeptionell vom Spiegel, wo wollen Sie hin?
Focus erreicht mehr als fünf Millionen Leser aus der bürgerlichen Mitte der Republik. Unsere Leser sind konstruktive, tatkräftige, zukunftsoffene Menschen. Eher Leistungsträger als Bedenkträger. Sie sind gebildet und anspruchsvoll. Für sie machen wir ein Magazin, das sich zusehends vom Nachrichten- zum Orientierungsmagazin weitet. Als Stimme ihrer bürgerlichen Vernunft nehmen wir dabei den Wettbewerb mit dem Spiegel, der ja wieder stärker nach links rückt, auch in einem politischen Sinne neu auf. Denn der Focus ist – wie seine Leser – verliebt ins Gelingen. Jünger als der Spiegel, einen Hauch süddeutscher, sinnlicher, optimistischer, wirtschafts- und fortschrittsfreundlicher.

Sie machen den Job als operativ tätiger Chefredakteur erst seit drei Monaten. Auf einer 100 Prozent-Skala: Wie viele der angestrebten Neuerungen haben Sie gefühlt erreicht?
Der Erneuerungsprozess bei Focus läuft bereits seit Januar. Seither haben wir sehr vieles verändert, personell, blattmacherisch, intellektuell. Die Redaktion arbeitet in neuen Ressorts und neuen Räumen, das Blatt hat ein neues Layout, eine neue Fotosprache und eine neue Dramaturgie. Es gibt Innovationen wie das Debatten- und das Menschenressort, das investigative Reporterteam oder eine strategische Kooperation mit dem Economist. Vom Personalabbau bis zum Perspektivwechsel auf Orientierungsjournalismus hat die Redaktion ein gewaltiges Pensum absolviert, und ich bin stolz darauf, wie professionell diese Mannschaft das gemacht hat. Nun sind wir zu größten Teilen durch, sagen wir zu 80 Prozent. Nach dem Einbruch 2009 war für uns 2010 ein Jahr des Umbruchs, nun soll 2011 der Aufbruch folgen.

Im Januar planen Sie zum 18. Geburtstag des Magazins eine große Kampagne. Was soll diese vermitteln und wo steht der Focus dann?
Die Agentur Ogilvy entwickelt gerade eine Kampagne, die angriffslustig und humorvoll wird, die den konstruktiven Wesenskern von Focus unterstreicht. Lassen Sie sich überraschen.

In den letzten Wochen hatte man den Eindruck, dass Sie auf dem Titel viel experimentieren. Welche Erfahrungen haben Sie dabei gewonnen?
Focus hat in den vergangenen Wochen mit seinen Titeln die großen Themen gesellschaftlicher Relevanz bewusst angenommen – von der Sarrazin-Debatte über den Obama-Absturz bis zum Papst-Interview. Damit wirkte das Heft am Kiosk aktueller und präsenter. Auch personalisierter. Mit den humorvollen Doppelcovern haben wir dann – da haben Sie recht – tatsächlich ein ungewöhnliches Experiment gewagt, das bei Lesern und Anzeigenkunden sehr gut angekommen ist. Wir werden darum künftig diese Form von Fall zu Fall wiederholen.

Derzeit rangiert der Spiegel in der Auflage deutlich vor dem Focus. Inwieweit glauben Sie, diese Schieflage verändern zu können?
In der Reichweitenanalyse der MA des laufenden Jahres hat Focus von 5,24 auf 5,94 Millionen Leser zugelegt und ist damit ziemlich nahe an die 6,55 Millionen vom Spiegel heran gerückt. Das ist doch schon was.

Sie sind derzeit auch unterwegs und präsentieren den neuen Focus bei Media-Agenturen. Wie ist dort die Resonanz, wie sehen die Buchungen für 2011 aus?
Bei den Anzeigenkunden und in der Wirtschaft kommt das neue Focus-Konzept hervorragend an. Der Kurs hin zu nachhaltigem Journalismus, zu Substanz und Qualität wird vor allem deshalb geschätzt, weil man die Leistungselite damit punktgenau anspricht. Darum freuen wir uns über die Akzeptanz bei den Agenturen und eine spürbare Belebung des Anzeigengeschäfts – das motiviert nach Jahren des Rückgangs und der Krise ganz besonders. Wir sind daher für 2011 ziemlich zuversichtlich.

Sie reden viel über die Abgrenzung Ihres Magazins zum Spiegel. Wie nehmen Sie den Spiegel wahr, hat sich dort etwas verändert?
Der Spiegel ist erstklassig gemacht, und ich schätze viele der dort arbeitenden Kollegen sehr. Mir fällt seit dem Weggang von Stefan Aust – besonders aber seit dem Wahlsieg von Schwarz-gelb in Berlin – aber auf, dass die politische Färbung als links-liberales Zentralorgan wieder spürbarer wird. Das ist legitim und aus Sicht des Spiegels nachvollziehbar, eröffnet Focus aber in der Positionierung neue Räume in der Mitte.

Der Spiegel hat große Verkaufserfolge mit Titelgeschichten, die auf dem Cover mit einer bei geklebten DVD an den Kiosk kommen. Ist dieses System auch für Sie eine Option?
Warum nicht. Wir werden im kommenden Jahr viele neue Dinge wagen, die den Leser interessieren könnten.

Wenn es hier so viel um den Spiegel geht: Haben Sie den Stern gar nicht auf der Rechnung?

Nein, der Donnerstagsmarkt der Illustrierten ist etwas ganz anderes als der Montagsmarkt der Nachrichtenmagazine.

Welche Rolle spielt Focus.de? Wird die Website bespart und in erster Linie als Vermarktungs-Plattform für die Zeitschrift genutzt?
Da unterschätzen sie Focus.de gewaltig. Das Portal gehört mit Spiegel Online und Bild.de zu den drei großen Nachrichtensites der Republik. Ihr Publikum und das Anzeigengeschäft wachsen rasch und systematisch. Und wir vernetzen die Inhalte von Print und Online ziemlich aktiv. Das wird sich unter meiner Ägide eher noch verstärken. Wir werden uns die journalistischen Bälle lebhaft hin- und herspielen.

Was sind die entscheidenden Dinge, die ein gutes Nachrichtenmagazin ausmachen?
Gute Journalisten. Solche, wie wir sie in der Focus-Mannschaft beieinander haben.

Was war die für Sie erstaunlichste Erfahrung, die Sie im Umgang mit der Focus-Redaktion gemacht haben?
Die freundliche Offenheit, mit der ich aufgenommen wurde. Und der kreative Veränderungswille, mit dem die Redaktion mein neues, und zuweilen anstrengendes Konzept lebt. Das imponiert mir.

Welche Reaktionen erhalten Sie von Kollegen aus der Branche und von Lesern auf die Konzeptänderungen?
Man redet wieder über Focus. Die meisten Kollegen zeigen sich positiv überrascht von der Entwicklung, die Focus gerade nimmt. Die direkte Konkurrenz zeigt professionellen Respekt. Am häufigsten hören wir: Ich lese Euch wieder. Was will man mehr?

Was wäre Ihre liebste Exklusivgeschichte, von welcher Headline träumen Sie?
In einem zweiten Papst-Interview erklärt Benedikt XVI in Focus die Wiedervereinigung von Katholiken und Protestanten. Und der Spiegel macht zeitgleich einen Himmler-Titel.

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