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“Journalistische Portale kein Selbstzweck”

Der Rubel rollt bei Burdas Online-Vermarkter Tomorrow Focus AG. Im dritten Quartal steigerte die Tochter ihren Umsatz um 51 Prozent auf knapp 35 Mio. Euro. So fuhr die ToFO AG in den ersten neun Monaten 2010 mehr Umsatz ein als im ganzen Jahr 2009. MEEDIA sprach mit dem Sales- und Marketingvorstand Christoph Schuh über Zahlen, Zukäufe, den App-Boom, die von Springer-Chef Döpfner geforderte Crossmedia-Reichweite und über die viel diskutierten Äußerungen von Burda-Vorstand Philipp Welte.

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Ein Grund für die deutliche Umsatzsteigerungen im dritten Quartal war das Portalgeschäft von Tomorrow Focus. Können Sie dazu etwas mehr sagen? Wo genau gab es Steigerungen?

Mit einer Umsatzsteigerung von 78 Prozent ist das Portalgeschäft im dritten Quartal in der Tat sehr stark gewachsen: Der erstmals konsolidierte Werbemarktplatz AdJug steigert sich in diesem Jahr knapp dreistellig und wird im Gesamtjahr einen Außenumsatz von über zehn Mio. Euro erreichen. In 2011 soll AdJug bereits profitabel sein. Unser Premiumvermarkter Tomorrow Focus Media stieg im Außenumsatz um knapp 30 Prozent und konnte damit deutlich Marktanteile gewinnen.

Welches sind die besten Portale aus Vermarktersicht?

Die Umsatzsteigerung erfolgte relativ gleich verteilt über die ca. 50 vermarkteten Portale. Branding im Internet ist nach der Finanzkrise wieder stark gefragt und dafür besitzen wir einfach den richtigen Mix im Portfolio. Insgesamt vermarktet Tomorrow Focus nun knapp zehn Milliarden Werbeplätze pro Monat in England und Deutschland und wird einen Netto-Außenumsatz von über 50 Millionen Euro im Displaysegment überschreiten. Auch die beiden neuen Portale Finanzen100 und das Ärztebewertungsportal Jameda entwickeln sich auf der Reichweitenseite gut. Wir erwarten hier in den nächsten 12 bis 18 Monaten jeweils Breakeven. Im Übrigen sind wir uns sicher, mit Oliver Eckert als neuen Geschäftsführer der Tomorrow Focus Media zusammen mit Geschäftsführer Martin Lütgenau deutliche Synergien im Portalgeschäft heben zu können. Erklärtes Ziel für das Portalgeschäft in 2011 ist es, neben dem bereits profitablen Vermarktungsgeschäft in der Summe über alle Aktivitäten nachhaltig profitabel zu werden.

Welche Reaktionen von Werbekunden hatten Sie denn auf die Äußerungen von Burda Vorstand Welte, dass das Internet als Vermarktungskanal nur begrenzt funktioniert – das war doch sicher wenig hilfreich?

Durch das Timing dieser Aussage unmittelbar vor der wichtigsten Vermarktermesse dmexco hatten unsere Verkäufer jede Menge zusätzlichen Erklärungsaufwand bei den Kundengesprächen. Aber wie Sie an der Umsatzentwicklung in Q3 sehen können, hat unser Geschäft darunter in keiner Weise gelitten. Im Gegenteil: Wir wachsen nach unseren Berechnung im Displaysegment derzeit deutlich schneller als der Markt. Wir als Tomorrow Focus AG glauben ganz fest an die Zukunft des digitalen Vermarktungskanals. Durch weitere Zukäufe im Advertisingsegment und die Gewinnung weiterer Vermarktungsmandate wollen wir spätestens 2012 das Ziel erreicht haben, Deutschlands größter Display-Vermarkter zu sein.

Wo wollen Sie als nächstes konkret zukaufen – gibt es schon Pläne?

Wir planen in den nächsten zwölf Monaten mindestens zwei größere Akquisitionen und haben dazu Gespräche mit über 50 Unternehmen geführt. Der Suchradar beinhaltet im Schwerpunkt Unternehmen, die bereits profitabel arbeiten und ein starkes Umsatzwachstum im Segment Advertising oder E-Commerce zeigen. Mit zwei Unternehmen führen wir derzeit bereits konkretere Gespräche. Unser ambitioniertes Ziel für 2015 lautet, unsere Erlöse auf 250 Mio. Euro zu steigern und ein EBIT von 30 bis 40 Mio. Euro zu erzielen. Rund 200 Mio. Euro Umsatz wollen wir organisch erreichen und den Rest durch gezielte Akquisitionen ergänzen.

Wie stehen Sie zu journalistischen Inhalten im Netz – sind die gut zu vermarkten oder sind das teuer produzierte Ladenhüter?

Journalistisch getriebene Portale sind kein Selbstzweck, sondern müssen die Profitabilität kurzfristig erreichen können oder alternativ als Marketingsites einen Beitrag zur Markenstärkung der Muttermarke leisten. Portale, die eine signifikante Reichweite in einem werberelevanten Segment erzielen, sind in 2010 sehr gut zu vermarkten. Sie müssen allerdings prominente, großflächige Werbeplatzierungen beinhalten, auf denen die Werbungtreibenden ihre Branding-Werbung ausspielen können. Beispiel: Nach dem Relaunch von Focus Online im Sommer sind die Umsätze spürbar angezogen – die großformatigen Homepageplatzierungen bis zum Ende des Jahres sind nahezu ausverkauft.

Hätten Sie den Playboy gerne bei der ToFo behalten?

Jürgen Feldmann hat die gut profitable deutsche Playboy Publishing GmbH hervorragend entwickelt, den Lizenzvertrag jüngst um zehn Jahre verlängert und neue Internet-Geschäftsmodelle gestartet. Allerdings passt Playboy mit ca. 70 Prozent Printumsatz strategisch besser in das Verlagsgeschäft von Hubert BurdaMedia. Somit haben wir unsere Anteile zu einem fairen Wert abgegeben und können die Mittel für weitere Internet-Akquisitionen nutzen.

Die Wettrennen um Klicks und Page-Impressions werden immer bizarrer. Was kommt nach dem Click?

Clicks und Page Impressions sollten aus unserer Sicht in der Display-Vermarktung nur noch eine untergeordnete Rolle bei Mediaplanungsentscheidungen besitzen: Der Page Impression ist durch Social-Community-Traffic und Bilderstrecken ohne die Hinzuziehung von Nettoreichweitendaten relativ aussagelos. Noch kritischer sehen wir den Click als Display-Währung: Comscore hat jüngst nachgewiesen, dass 85 Prozent der User in einem Monat auf kein einziges Werbemittel mehr klicken – Tendenz steigend. Wir überprüfen gerade intensiv, welche neuen Währungsdimensionen eine sinnvolle Größe sind, um Brandingwirkung besser zu messen. Bisher fließen nur etwa fünf Prozent der Werbegelder für Brandingwerbung in das Internet. Wenn es uns gelingt, den Werbekanal Internet noch stärker als Brandingkanal zu positionieren, werden wir die Möglichkeit haben, insbesondere aus TV Budgets noch deutlich stärker shiften zu können. Daran arbeiten wir derzeit!

Was halten Sie von einer Multimedia-Reichweite wie sie von Matthias Döpfner gerade gefordert wurde?

Grundsätzlich ist die Information spannend, welche Reichweite eine Marke über verschiedene Ausspielungsplattformen, wie Internet, Mobile, Print und TV, erzielt. Allerdings interessiert den Werbekunden für seine Media-Entscheidung natürlich insbesondere eine gewisse Zielgruppenhomogenität auf den verschiedenen Devices einer Medienmarke: Beispielsweise haben “Stern-TV” und der Stern als Zeitschrift wenig Zielgruppengemeinsamkeiten. Das wird bei Bild im Hinblick auf Bild-Zeitung und Bild.de vermutlich ebenfalls der Fall sein, so dass die direkte Planungsrelevanz solcher Multimedia-Reichweiten zumindest fragwürdig erscheint.

Wie entwickelt sich das Geschäft mit Apps und welche Rolle spielen Apps außerhalb der Apple-Welt für die ToFo?

Mit unserer Tochterfirma Cellular in Hamburg besitzen wir einen der größten App-Enabler in Deutschland und sehen auch hier sehr starkes Umsatzwachstum. Die zunehmende Bedeutung von Android spürt auch Cellular in der Form, dass iPhone- iPad- und Android-Apps inzwischen meist gleich parallel beauftragt werden. Apps bzw. Mobile Applications haben für unsere E-Commerce Plattformen HolidayCheck und ElitePartner sowie für Portale wie Finanzen100 und Jameda eine ganz entscheidende zukünftige Bedeutung.

Zugpferd der ToFo-Bilanz ist nach wie vor der E-Commerce. Wie entwickelte sich dort das Geschäft?

Im E-Commerce Segment konnten wir unseren Umsatz in den ersten neun Monaten um 41 Prozent auf 65,7 Mio. Euro steigern und einen EBIT-Beitrag von 16,5 Mio. Euro erzielen. Wenn Sie bedenken, dass wir dieses Segment erst im Jahre 2005 mit dem Eintritt von Stefan Winners als CEO durch die Akquisition von HolidayCheck und später ElitePartner gestartet haben, ist dies sicher eine sehr, sehr erfreuliche Entwicklung. Es zeigt sich nun nachhaltig, dass der Mut, in neuartige Geschäftsmodelle zu investieren, belohnt wurde.

Welcher Anteil des Umsatzes der Tomorrow Focus AG entfällt denn auf die besonders starken E-Commerce-Websites HolidayCheck und ElitePartner?

HolidayCheck und Elitepartner vereinen zusammen den Großteil des E-Commerce-Umsatzes und -Ergebnisses. HolidayCheck verkaufte in Spitzenzeiten im Sommer mehr als 1.500 Reisen pro Tag und ist das mit Abstand größte Reisebewertungsportal im deutschsprachigen Raum. ElitePartner hat sich nach unseren Schätzungen im vergangenen Quartal zu Deutschlands umsatzstärksten Partnervermittlungsportal entwickelt. Insgesamt hat das E-Commerce Geschäft einen Anteil von 70 Prozent am AG-Umsatz und beschäftigt 377 der ca. 700 Mitarbeiter der Tomorrow Focus AG.

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