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„Tatort“: Schoko-Mord im Schönheitstempel

Die Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) ermitteln im Botox-Milieu. Spa-Besitzerin und Diät-Fan Konstanze Schiller (Tatjana Alexander) wird in einem Schokoladenbad ermordet. Die Spur führt ins familiäre Umfeld, wo längst nicht alles so sorgenfrei ist, wie die Stirn der Toten glauben zu machen scheint. Der Münchner Tatort "Unsterblich schön" spart zwar nicht an symbolischer Ironie und bissigem Wortwitz, aber an etwas ganz Entscheidendem: Spannung.

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Batic und Leitmayr stellen schnell fest, dass beim Familienclan Schiller schon länger die Fassade bröckelt. Die dümmlich wirkende Dorothea Jahn (Victoria Trauttmansdorff) versucht seit Jahren, aus dem Schatten ihrer schönen Schwester Konstanze zu treten – jedoch vergeblich. Sowohl bei ihrer Mutter Rita (Gudrun Landgrebe) als auch bei ihrer Jugendliebe Andreas (Robert Atzorn) ist Dorothea nach Konstanze nur die zweite Wahl. Als sie dann auch noch ihren Ehemann Jürgen (Peter Davor) an ihre begehrenswerte Schwester verliert, scheint der Plan für einen mörderischen Rache-Akt perfekt. Doch so einfach ist es nicht. Auch der frisch von Konstanze verlassene Andreas und ihre neue Eroberung Jürgen hätten ein Motiv.  
Die Episode "Unsterblich schön" zeigt in allen Facetten die Absurdität des Schönheitswahns auf, was sie eher in die Kategorie Krimi-Komödie einordnen, denn als gewöhnlichen "Tatort" durchgehen lässt. Dies liegt zum einen an der Dramaturgie, zum anderen an der Besetzung des Ensembles.
Regisseur Filippos Tsitos arbeitet mit – für einen Tatort untypischen – Rückblenden. Eine gute, weil auch ästhetisch gelungene Idee, die Aussagen der potenziellen Mörder durch eigene Filmchen darzustellen. Allerdings treiben sie die Geschichte nicht voran, wodurch diese wiederum enorm an Spannung verliert – und die ist für einen gut gemachten Krimi nun mal das A und O.
Robert Atzorn, der frühere Hamburger Kommissar, spielt die Rolle des in die Jahre gekommenen, dennoch brusthaarlosen Männermodels, dem nur der Job als Testimonial für ein Anti-Aging-Bier bleibt, um – welch Ironie – seine Botox-Spritzen finanzieren zu können. Selten hat man den 65-Jährigen in einer solch lächerlichen Figur gesehen, ist Atzorn doch eher in der Darstellung von starken Charakteren zuhause. Heiner Lauterbach wäre da wohl der bessere, weil überzeugendere Schönling gewesen.
Großartig hingegen ist Victoria Trauttmansdorff in der Besetzung des hässlichen Entleins. Das aufgesetzte Lächeln von Dorothea ist eine große Show, kocht sie doch innerlich vor Eifersucht und Selbstmitleid, weil sie nicht in das Schönheitsschema ihrer Mutter reinpasst. Die alterslos wirkende Gudrun Landgrebe bleibt dagegen im wahrsten Sinne des Wortes blass.
Leider kommt das Thema Schönheit nicht ohne eine Überladung an Klischees aus. Die Szene, als die vier top-gestylten Freundinnen der Toten (gespielt von Cornelia Corba, Isabella Hübner, Kathrin Höhne und Tanja Kuntze) im Revier erscheinen und die grauhaarigen Kommissare nahezu von Schönheit geblendet wirken, ist so beispielhaft wie albern, dass man nach dem Gähnen am liebsten zur Fernbedienung greifen will, würde sich an dieser Stelle nicht der Knackpunkt in der Geschichte offenbaren. Einzig der pointierte und bissige Wortwitz von Leitmayr und Batic hält den Münchner Tatort in der oberen Sympathie-Liga der ARD-Krimis. Meine Damen und Herren, es darf gelacht werden.

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