US-Forscher suchen Twitter-Bomben

Forscher der US-Universität Indiana haben das Truthy-Projekt ins Leben gerufen. Damit wollen sie so genannte Twitter-Bomben und Manipulationsversuche via Twitter aufspüren und öffentlich machen. Mit Twitter-Bomben wurde in den USA nachgewiesenermaßen bereits versucht, Stimmung bei Senatoren-Wahlen zu machen. Mit Hilfe der Truthy-Technik könnte Twitter aber auch als Prognose-Instrument an Bedeutung gewinnen. Die Forscher nutzen dafür Algorithmen und verschlagworten Tweets mit Schlüsselbegriffen.

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Wie die FAZ in ihrem Wissenschaftsteil berichtete, wurde im US-Bundesstaat Massachusetts Anfang des Jahres ein Nachfolger für den verstorben Senator Edward Kennedy gewählt und eine so genannte Twitter-Bombe sorgte dabei für Furore. Kurz vor der Wahl wurde eine Schmäh-Website gegen die demokratische Kandidatin Martha Coakley anonym ins Netz gestellt. Kurz darauf wurden verschiedene Twitter-Konten angelegt, die mutmaßlich über ein Programm im Sekundentakt Tweets und Retweets zu dieser Website produzierten. Die Wissenschaftler Panagiotis Takis Metaxas und Eni Mustafaraj vom Wellesley College haben die programmierte Stimmungsmache bei der Senatoren-Wahl nachgewiesen.

Der Fall brachte Wissenschaftler an der University of Indiana auf die Idee, das Truthy-Projekt zu gründen, um solche Manipulationsversuche systematisch aufzudecken. Das Wort “Truthy” ist dabei eine Wortschöpfung des TV-Komikers Stephen Colbert, der einmal sinngemäß gesagt hat, es gehe in Wahlkämpfen nicht mehr um die Wahrheit (“truth”), sondern nur noch, darum dass sich Argumente und Behauptungen “wahr anfühlen” (“truthy”).  Solche Twitter-Manipulationen haben sogar schon einen eigenen Fachnamen: Astroturfing. Astroturf ist der Namen eines populären Kunstrasens in den USA, also eines Rasens, der nur vorgibt echtes Gras zu sein. Genauso täuschen Twitter-Bomben im Netz vor, dass es ein echtes Grassroots-Movement gibt, also eine Graswurzel-Bewegung aus vielen Individuen, die sich gleichzeitig zu einem Thema äußern.

In Deutschland gab es bei den Twittereien rund um das umstrittene Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 auch Mutmaßungen, dass einige der Online-Proteste und Gegen-Proteste von interessierter Seite gesteuert wurden. Beweise gab und gibt es hierfür freilich keine. Die Truthy-Leute visualisieren auf ihrer Website den Kommunikationsfluss zu bestimmten Twitter-Themen oder prominenten Twitterern wie US-Präsident Barack Obama oder der republikanischen Politikerin Sarah Palin mit Grafiken, die zeigen, wer wieviele Nachrichten weiterleitet. Mit Hilfe von speziellen Algorithmen werden Tweets zudem auf bestimmte Schlüsselwörter hin ausgewertet. Auf diese Weise soll eine Art Psychogramm der Twitter-Sphere erstellt werden. Die Forscher sind sogar der Meinung, dass sich mit ihren Instrumenten Prognosen über die Zukunft erstellen lassen.

So hat einer der Truthy-Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen der verstärkten Zuordnung von Tweets zu dem Schlüsselwort  “Gelassenheit” und einem Anstieg des Aktienindex Dow Jones nachgewiesen. Dafür analysierte er knapp zehn Millionen Tweets von knapp drei Millionen Twitter-Nutzern mit Hilfe von Algorithmen. Damit konnte man angeblich mit einer Genauigkeit von fast 88 Prozent bestimmen, ob der Dow Jones Industrial Average Index in den nächsten drei bis sechs Tagen steigt oder fällt. Die Untersuchung bezog sich jedoch auf einem Zeitraum im Jahre 2008. Sozusagen ein Rückblick auf die Zukunft der Vergangenheit.

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