„Technologisch waren die 80er einzigartig“

Im Internet un auch in klassischen Medien sind die 80er Jahre derzeit präsent wie selten. Die Retro-Welle rund um das Zeitalter von modischen Fehltritten (Schulterpolster!), Synthie-Musik, Walkman und Nachrüstung schwappt hoch. MEEDIA sprach mit den Machern des Weblogs Medienzeitmaschine, Tom Hillenbrand und Björn Eichstädt, die sich vor allem mit Medien, Werbung und Technik der 80er Jahre befassen, über die Faszination und die stilprägende Elemente dieses Jahrzehnts.

Anzeige

Wie kamen Sie auf die Idee, ein Weblog über die 80er Jahre zu machen?

Björn Eichstädt: Es begann eigentlich mit einer Betrachtung des Jahres 2010 – einer Zeit, in der viele Medienschaffende permanent online sind, sich ein Leben ohne Google, RSS-Feeds, Xing, Twitter und Facebook nicht mehr vorstellen können. Da haben wir uns gefragt, wie die Leute eigentlich früher ohne all diese Hilfsmittel arbeiten konnten. Die Zeit vor 25 Jahren bot sich an, weil viele der damaligen Protagonisten noch befragbar sind und weil zu dieser Zeit beispielsweise schon Videorekorder etc. existierten, so dass noch eine Menge an Material erhalten ist, das über das Netz auffindbar und verbreitbar ist.

Was macht den Reiz, die Faszination der 80er Jahre aus?

Tom Hillenbrand: Die 80er per se sind sicherlich nicht viel interessanter als andere Jahrzehnte – dass da die Musik oder die Mode toller war als zu einer anderen Zeit, ist meines Erachtens vor allem eine Selbstwahrnehmung der Leute, die damals 15 waren. Aber technologisch waren die mittleren Achtziger schon einzigartig. 1985 kam das Kebelfernsehen …

Björn Eichstädt: … Mobiltelefone wurden erstmals in Serie gebaut, Computer hielten Einzug in Privathäuser und Unternehmen, die CD wurde auf breiter Front eingeführt. Man könnte von einer ersten digitalen Revolution in der Medienwelt sprechen. Und einer breiten Widerstandsfront gegen diese Veränderungen, wie wir sie auch heute wieder sehen können.

Welche Leser-Reaktionen erleben Sie bei Ihrem Blog?

Tom Hillenbrand: Es gibt zwei Gruppen, die bei den Reaktionen besonders heftig ausfallen. Auf der einen Seite die Generation, die die 80er aktiv im Berufsleben miterlebt hat: die erinnert sich mit Nostalgie an diese Zeit und freut sich, dass solche Themen noch einmal hervorgeholt werden.

Björn Eicnstädt: Zum anderen sind interessanterweise gerade diejenigen, die nach 1985 geboren wurden – die Digital Natives – sehr interessiert. Die können sich tatsächlich nicht vorstellen, dass man Medien ohne Internet machen konnte.

Unterscheiden sich die 80er Jahre im Rückblick von den 70ern oder 60ern?

Björn Eichstädt: Ja, natürlich. Die 60er, gerade die zweite Hälfte, waren ein Jahrzehnt der großen Visionen. Die 70er – man denke an Ölkrise oder RAF-Terror – waren ein viel dunkleres Jahrzehnt. Und die 80er bäumten sich dann noch einmal mit einer kapitalistischen Version der Visionen, einem bunten Glamour-Ansatz gegen den großen Feind, den Kommunismus, um ihn am Ende des Jahrzehnts tatsächlich zu besiegen. Sie waren aber auch ein Jahrzehnt der großen Ernüchterung, in dem erstmals Themen zu Massenbewegungen wurden, die uns noch heute beschäftigen: Umweltverschmutzung, Privatheit, Angst vor dem Digitalen.

Was verbinden Sie selbst mit den 80er Jahren?

Björn Eichstädt: In den mittleren 80ern war ich etwa 10 Jahre alt. Mein erstes Videospielsystem, das NES von Nintendo, mein erster Rechner, der Atari ST, und die Musiksendung Formel Eins in der ARD haben mich sehr geprägt. Die Musik dieser Zeit hat mich eher kaltgelassen. Da war ich eher ein Anhänger der 70er.

Tom Hillenbrand: Ich erinnere mich mit Schaudern an die Klamotten, die ich getragen habe. Daran, dass geschmacksverstärkter Iglo-Fertigfraß aus der Tiefkühltruhe total okay war. Ein ganz seltsame Erinnerung ist die an das Fernsehen. Du diskutiertest morgens in der Schule über "Ein Colt für alle Fälle" vom Vorabend. Und alle konnten mitreden. Weil alle es gesehen hatten.

Was glauben Sie: Warum gibt es noch keine Retro-Welle zu den 90er Jahren? Oder kommt die erst noch?

Björn Eichstädt: Die 90er Jahre waren schon mitten in der Ära der Postmoderne. Sie waren geprägt von der Idee des Remixes auf der einen Seite und der Trivialität der Techno-Bewegung. Feiern bis zum Umfallen oder Zitieren. Deshalb hat dieses Jahrzehnt wenig Originäres mit sich gebracht. Was genau sollte denn Inhalt eines 90s-Revivals sein? Techno? Seltsame Animated-GIF-Websites?

Tom Hillenbrand: Da bin ich etwas anderer Ansicht als Björn. Ich glaube, dass jedes Jahrzehnt, in Fragmenten oder in seiner Gesamtheit, früher oder später wiederkehrt und überhöht wird. Dann werden die Leute sagen: Wow, Filme wie "Matrix", Grungemusik von Cobain, das Arschgeweih, die Dotcomwelle – ein einzigartiges Jahrzehnt, sowas gab’s nie wieder.
War in den 80ern die Welt "noch in Ordnung"?

Björn Eichstädt: Ist sie heute nicht in Ordnung?

Tom Hillenbrand: Nein. Alle erinnern an das Jahrzehnt des Glamour und des "Enrichissez-vous" war. Gleichzeitig hatten die Menschen aber Angst vor dem Atomkrieg. "Russians" von Sting ist von 1985.

Was war ihrer Meinung nach prägend für den Stil der 80er im Film?

Björn Eichstädt: Jugendliche Leichtigkeit ….

Tom Hillenbrand: … genau, ohne das Bratpack sind die 80er nicht vorstellbar.

… in der Musik?

Björn Eichstädt: die peitschende Snare-Drum und der Gitarren-Synthie.

Tom Hillenbrand: Die Musiker haben als erste kapiert, was für Möglichkeiten Computer bieten. Depeche, Trent Reznor usw. Die Musikindustrie hat es hingegen bis heute nicht geschnallt.

… im Fernsehen?
Björn Eichstädt: Lindenstraße, Schwarzwaldklinik und der große Weihnachtssechsteiler im ZDF.

… in der Werbung?

Björn Eichstädt: Like Ice in the Sunshine! (Kino-Werbespot für Langnese Eis, Anm. d.Red)

… in der Mode?

Tom Hillenbrand: Die Erkenntnis, dass Türkis durchaus eine Farbe für Anzugstoffe sein kann.

… in der Technik?

Björn Eichstädt: Commodore 64, Nintendo Entertainment System, Mac

Verfolgen Sie eigentlich die ganzen anderen 80er-Jahre Websites und Facebook-Aktivitäten?

Björn Eichstädt: Eher sporadisch, da wir uns in unserem Blog ja nicht per se mit den 80s befassen, sondern mit dem medialen und technischen Aspekt dieser Ära.

Tom Hillenbrand: So massiv wie die 80s-Welle derzeit ist, kann man sich dem ja auch außerhalb des Netzes kaum entziehen. Gestern kamen mir zwei Jungs mit Föhnfrisuren und Schnallenstiefeln entgegen, die müssen aus irgendeinem frühen Spandau-Ballet-Video rausgefallen sein. So sahen wir auch mal aus. Das ist einem dann schon ein bisschen unheimlich.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige