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Neue Welt: Peters killt das Mittelmaß

Behutsam, aber gründlich: Welt-Chefredakteur Jan-Eric Peters und seine Art Directorin Anja Horn haben Springers blaues Flaggschiff kielgeholt und präsentieren die Zeitung in einem neuen Design mit zeitgemäßer Architektur. Neben modernerer Typo, klarerer Blattstruktur und eleganterer Optik ändert sich das Erzähltempo, das künftig lange Texte länger macht und mittellange zu Meldungen schrumpft. Trotz der gravierenden und ansprechenden Neuerungen erklärt Peters im MEEDIA-Interview: Don't call it Relaunch.

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Die Welt schreibt ein neues Kapitel der Blattentwicklung, und das in einer neuen Schrift…
Bisher haben wir die Franklin als Brotschrift benutzt und die altehrwürdige Times für die Headlines, jetzt kommt mit der Freight eine erst 2006 entwickelte und damit frischere und modernere Typo. Aber wir haben nicht nur eine neue Schrift, wir setzen sie auch einen Punkt größer, weil wir die Zeitung noch lesbarer machen und damit einen Wunsch vieler Leser erfüllen wollen. Aus dem gleichen Grund haben wir den Satzspiegel von sieben auf sechs Spalten reduziert, so dass jede einzelne Spalte breiter wird und es seltener Trennungen gibt. Die Welt liest sich künftig viel entspannter.

    Mehr Lesekomfort: Neue Typo und weniger Spalten

Die Sechsspaltigkeit kommt aber auch Anzeigenkunden entgegen, die ihre Vorlagen nun nicht mehr für die Welt anpassen müssen.
Mit der Anzeigenvermarktung hat diese Verbesserung ursächlich nichts zu tun,  aber wir freuen uns natürlich über den Nebeneffekt, durch den wir Sonderanfertigungen bei den Druckunterlagen künftig vermeiden und Standardgrößen anbieten können.

Für Hobby-Rechner: Wie viel Text geht bei der vergrößerten Schrift in den Artikeln verloren?

Es wird gar kein Text verloren gehen, im Gegenteil: Die Texte werden länger. Wir werden zwar, das haben Sie als Hobby-Rechner richtig erkannt, auf den Quadratzentimeter gerechnet weniger Buchstaben haben, denn auf die gleichen Fläche passt ja erst einmal rund 10 Prozent weniger Text. Aber gleichzeitig, und das ist entscheidend, verändern wir die Seitenarchitektur der Welt und konzentrieren uns auf größere Stücke. Bislang hatten wir sieben, acht, neun oder manchmal sogar zehn Themen pro Doppelseite, während es nun drei bis höchstens fünf Geschichten auf dem gleichen Raum geben wird. Die großen Texte werden also, um es mal nicht für Hobbyrechner, sondern ganz klar zu sagen: länger! Wenn bislang ein Aufmacher um die 200 Zeilen hatte, dann werden es in Zukunft schnell mal 300 Zeilen werden. Dazu kommen mehr Kurzmeldungen als bisher, die wir auf den Nachrichtenkern konzentrieren.

      Titelseite: Klassischer Look im digitalen Zeitalter

Was bedeutet die neue Architektur für die Bildsprache? Auf den ersten Blick wirkt der Umgang mit Fotos behutsamer.
Absolut. Die Zeitung wird insgesamt eleganter, dichter und moderner in der Anmutung, auf der anderen Seite – auch wenn das wie ein Widerspruch klingt – klassischer, weil Typo eine größere Rolle spielt und wir die Zahl und auch die Größe der Bilder reduzieren. Eine Doppelseite wird meist nur noch von einer Optik getragen.

Was bezwecken Sie damit?
In einer Welt, die immer digitaler und bunter wird, wollen wir ganz bewusst einen Kontrapunkt setzen und zeigen: Das ist die klassische Zeitung mit ihren Stärken und dabei auch optisch betonen, dass wir Meinung, Hintergründe, Einordnung und Analysen liefern, die in den schnellen digitalen Medien so nicht zu finden sind.

Was ändert sich noch?
Die Zeitung beginnt mit unserer Meinungs-Doppelseite auf den Seiten zwei und drei, wir steigen also mit der Kommentierung ins Blatt ein. Das ist durchaus als Statement zu verstehen. Wir machen jetzt auch optisch deutlich, welchen Stellenwert wir den kommentierenden Stücken beimessen. Für Welt Kompakt, die vor allem auf Nachrichten setzt, gilt diese Änderung aber nicht, die  entwickelt sich in ihrer bisherigen Struktur ganz hervorragend. Allerdings werden wir auch dort wie auch bei der Welt am Sonntag und Welt Aktuell die neuen Schriften einführen und damit auf den ersten Blick signalisieren, dass alle Titel zur selben Familie gehören.

Welche inhaltlichen Ziele verfolgen Sie mit den Neuerungen?

Wir gestalten optisch neu, weil wir inhaltlich Neues erreichen wollen. Zum einen steht das Thema Meinung im Vordergrund, das andere ist die Berichterstattung selbst, die sich verändern wird. Wir unterscheiden sehr viel klarer zwischen Groß und Klein, setzen mehr Schwerpunkte. Damit wird die Berichterstattung sehr viel hintergründiger und analytischer. Wir wollen auch unsere Auslandskorrespondenten intensiver nutzen, die dann eben nicht mehr nur ein paar Mal im Monat 80-Zeiler platzieren können, sondern die Chance erhalten, wirklich eine Geschichte zu erzählen. Darüber hinaus wird die Wissenschaftsberichterstattung künftig erweitert und unter dem Titel „Fortschritt & Wissen“ prominent auf der Rückseite eines Buches zu finden sein. Und wir werden von Montag bis inklusive Sonnabend die gleiche Struktur haben, alles wird sich also immer am gleichen Platz befinden, was aus meiner Erfahrung sehr wichtig für die Leser ist. Das heißt, es wird anders als bisher auch am Sonnabend ein Kulturbuch geben und zusätzlich die Literarische Welt mit acht statt sieben Seiten.

Das neue Layout ermöglicht Standardgrößen bei Anzeigen

Also de facto eine Umfangserweiterung?
Am Wochenende ja, ansonsten bleibt der Umfang gleich bei in der Regel 28 Seiten. Mit Sparen haben die Änderungen jedenfalls nichts zu tun, sie kosten im Gegenteil Geld. Wir investieren eben nicht nur in digitale Projekte, sondern aus Überzeugung auch in Print.

Was ändert sich für die Leser der Welt am Sonntag?
Dort haben wir schon in den vergangenen Monaten einige Veränderungen vornehmen können, zusätzliche Seiten eingeführt, eine Seite für Zeitgeschichte, eine Tierseite, und wir haben den Kulturteil sowie den Stilteil erweitert. Jetzt kommt noch ein zusätzliches Angebot: ein neues zweites Buch, das „Titelthema“ heißt und acht Seiten umfasst. Auf den letzten drei Seiten stehen die vermischten Nachrichten, aber die ersten fünf sind neu. Dort wird immer eine herausragende Geschichte zu finden sein, die sich mit einem besonderen Thema befasst. Geschichten, die in der Regel über 1000 Zeilen haben werden. Das, denke ich, hat der Welt am Sonntag noch gefehlt. Unser Blatt ist ja regelmäßig mehr als 100 Seiten dick, neulich haben wir mit 160 Seiten sogar einen neuen Rekord aufgestellt, es gibt also immer sehr viel Raum für viele Geschichten, aber einen Platz, an dem man eine Geschichte richtig groß erzählen kann, den schaffen wir jetzt.

Worum könnte es dort gehen?
Die Aufschlagseite wird immer magazinig mit einer großen Optik gestaltet werden, auf den weiteren Seiten wird die Geschichte dann meist durchgeschrieben erzählt. Die Spannbreite an Themen wird groß sein. Es wird hoffentlich viele Geschichten vom unserem im September gegründeten Investigativ-Team geben, exklusive Kurzgeschichten, die uns Schriftsteller liefern oder ein ganz außergewöhnlich langes Interview. Wir wollen uns da gar nicht auf bestimmte Formen oder Themen beschränken. Entscheidend ist, dass es eine besondere Geschichte ist, die es wert ist, hier zu stehen.

Ist das der Schritt weg von der Zeitung, hin zum Magazin?

Ich würde nur sehr ungern Magazin sagen, denn das klingt so wenig aktuell. Nennen wir es doch eine Liebeserklärung an die klassische, gedruckte Zeitung. Wir haben bei der Welt natürlich weiter  den Anspruch, die Aktualität täglich abzubilden. Gleichzeitig wollen wir den Lesern aber darüber hinaus etwas bieten, das sie so bei Welt Online so nicht finden, hier haben wir ja jeden Tag mehr als eine Million Nutzer. Wir wollen einen Mehrwert schaffen und hervorragend recherchierten Geschichten mehr Raum geben. Das ist ein hoher Anspruch, und natürlich habe ich davor auch Respekt, schließlich erscheint die Welt mehr als 300 Mal im Jahr, und wir machen daneben noch mehr als ein halbes Dutzend weiterer Titel, da können wir kein Monatsmagazin auf Tagesbasis machen. Trotzdem bin ich mir sicher, dass die Qualität der Inhalte und einzelner Texte durch einen solchen Schritt steigen wird.

Der Focus kooperiert seit einiger Zeit mit dem britischen The Economist. Wäre es für Sie ein gangbarer Weg, Inhalte mit ausländischen Zeitungen zu tauschen oder Texte von diesen zu übernehmen?
Prinzipiell hätte ich nichts dagegen, gute Texte nehme ich immer gern. Andererseits ist unser Korrespondentennetz in der Welt-Gruppe groß, wir können selbst viel auf die Beine stellen. Die Reaktion unserer Reporter im Ausland auf das neue Konzept war schon beinahe euphorisch. Die Korrespondenten haben jetzt ein Spielfeld gefunden, auf dem sie sich zeigen können. Ich habe so viele Themenvorschläge für große Geschichten bekommen, dass der Platz schon wieder knapp wird…  Schauen wir mal, wie sich das entwickelt.

Rechnen Sie auch mit Negativ-Reaktionen der Leser?

Wir sind natürlich überzeugt von unseren Ideen. Aber der ein oder andere Leser wird zunächst auch irritiert sein. Eine Zeitung ist ja wie ein Wohnzimmer, da kennt man sich als Leser aus, da hat alles seinen festen Platz. Wenn dann nach 12 Jahren und dem Relaunch des damaligen Chefredakteurs Mathias Döpfner erstmals richtig renoviert wird, muss man sich erst an die neue Ordnung gewöhnen. Vor allem bei der Meinungs-Doppelseite vorn rechne ich schon mit Reaktionen. Aber ich bin mir sicher, unsere Leser fühlen sich dann auch sehr schnell wohl und erkennen die Veränderungen als Verbesserungen.

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