‚Tatort‘-TV Kritik: im Porsche zum Sozial-Fall

Rechtlos, schutzlos, heimatlos: "Die Unsichtbare" wirft die Frage auf, wie menschenwürdig die Abschiebepraxis ist. Damit widmet sich der Schwaben-Krimi einem großen Thema, das eigentlich typisch für die Kölner Kollegen gewesen, und dort auch besser aufgehoben wäre. Vergeblich wird zwischen Cop-Klischees im unterkühlten Stuttgart versucht, mit theatraler Musik und derben Sprüchen ("Ohne Papiere sind wir Scheiße und müssen die Scheiße von den Anderen wegwischen"), das Herz des Zuschauers zu erweichen.

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Im Ländle ist längst nicht mehr alles Friede, Freude, Spätzlepfanne: Auch wenn "Super"-Richy Müller als Kommissar Thorsten Lannert nach wie vor im Porsche von Fall zu Fall saust und die Frisur von Kollege Sebastian Bootz (Felix Klare) wieder einmal perfekt sitzt – in diesem Stuttgarter Fall wird Sozialkritik laut. Und zwar so laut, dass sie auch für den letzten Zuschauer unüberhörbar ist: Frauen verkaufen sich, Kinder weinen, und Polizisten stellen sich gegen das Gesetz.
An einem verschneiten Seeufer wird eine Frauenleiche gefunden. Beim Klären der Identität, der zunächst namen-, da papierlosen Toten kommt heraus, dass es sich um eine illegal in Deutschland lebende Ukrainerin handelt. Die Kommissare wenden sich an die Ausländerbehörde, doch dort ist sie unbekannt – behauptet zumindest Dienststellenleiter Jürgen Stiller (Karl Kranzkowski).
In einer Bar stößt Lannert auf die Ukrainerin Nadja Bilanow, die ihn bei den Ermittlungen unterstützt. Sie lebt ebenfalls illegal in Stuttgart. Ihr droht die Abschiebehaft, sollte der Kommissar seine Pflicht tun und sie melden. Gerührt von der Lage der verzweifelten "Illegalen", verspricht er erst einmal zu schweigen – was zum Streit mit seinem Kollegen führt. Doch Lannert will sich "nicht zum Handlanger einer irrsinnigen Abschiebepraxis" machen. Über Nadja kommen die Ermittler den Unterstützern und möglichen Mördern der Toten auf die Spur. Sie erfahren zudem von deren beiden Kindern, die sich aus Angst vor der Abschiebung versteckt halten und womöglich in Lebensgefahr schweben.
"Die Unsichtbare" ist sicherlich ein gut gemeinter Versuch, ein wichtiges Thema aufzugreifen. Doch schon Tucholsky wusste: "Das Gegenteil von Gut ist nicht Böse, sondern gut gemeint." Der Fall kriegt den Zuschauer weder über die Spannung, noch über die Emotionalität, die der gesellschaftspolitische Stoff eigentlich bietet. Zu kitschig werden die traurigen Augen der Kinder, die zu allem Überfluss auch noch mit einer Herzkrankheit zu kämpfen haben, inszeniert. Zu eindimensional bleibt der Charakter Lannert, dem man seine Betroffenheit nicht so Recht abnehmen mag. Allzu gern wäre der Kommissar ein zwiegespaltener Held wie Jack Bauer in der US-Serie "24", der zwischen dem Gesetz und der eigenen Überzeugung steht. Doch klischeebeladene Sätze wie "Reden Sie keinen Scheiß und kommen Sie zur Sache" mögen aus dem Mund eines wutentbrannten Kiefer Sutherland funktionieren, bei Richy Müller nicht, sondern sorgen für unfreiwillige Komik.
Ein Gutes hat dieser Schwaben-Krimi jedoch: Felix Klare wächst immer mehr aus dem Popularitäts-Schatten Müllers heraus. Zurecht wird dessen Rolle Bootz endlich als nahezu gleichwertiger Partner an der Seite Lannerts etabliert – was dem Ermittlerduo mehr als gut tut.
Für Fans von Klare: Im Rahmen eines Zuschauerpreis-Wettbewerbs wiederholt 3sat am heutigen Sonntag um 22.25 Uhr den Scientology-Film "Bis nichts mehr bleibt", mit dem sich der 32-Jährige in diesem Jahr auch außerhalb des Tatorts einen Namen machte.

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