Auf der Medienpreis-Galerie

Beim Betrachten der Bambi-Verleihung musste ich dauernd an Franz Kafkas Parabel "Auf der Galerie" denken. Hier der ebenso anmaßende wie unbeholfene Versuch einer Neufassung: Wenn irgendeine angejahrte, grell geschminkte Seriendarstellerin auf der Bühne einer kalt ausgeleuchteten Halle, angestachelt von einem hohen Geldbetrag Begeisterung heuchelte, müde beklatscht von einem gelangweilten und Augen verdrehenden Publikum, ohne Unterbrechung […]

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Beim Betrachten der Bambi-Verleihung musste ich dauernd an Franz Kafkas Parabel "Auf der Galerie" denken. Hier der ebenso anmaßende wie unbeholfene Versuch einer Neufassung:
Wenn irgendeine angejahrte, grell geschminkte Seriendarstellerin auf der Bühne einer kalt ausgeleuchteten Halle, angestachelt von einem hohen Geldbetrag Begeisterung heuchelte, müde beklatscht von einem gelangweilten und Augen verdrehenden Publikum, ohne Unterbrechung schlecht übersetzte Plattitüden absondernd, sich mehrmals umziehend, und wenn die Parade an peinlichen Auftritten, frei erfundenen Preiskategorien, gestammelten und gelallten Ansprachen in einem immerfort sich wiederholenden, nicht enden wollenden Betroffenheitsgesuhle unter dem ständigen Aufstehen und Hinsetzen der abgestumpften Menge sich Stunde um Stunde hinzöge – vielleicht eilte dann ein junger TV-Zuschauer den langen Weg von der hohen Couch hinab, kröche auf die entfernte Fernbedienung auf dem Tischchen zu, drückte den Knopf: Aus! Mitten im Aufbrausen der im Stile des Kaufhaus-Bombasts komponierten Hymne.
Da es aber nicht so ist; eine wunderschöne, von allen bewunderte Stil-Ikone hereinfliegt, das weltläufige und prominent besetzte Publikum charmant begrüßt, die Stars und Künstler zitternd der Entscheidung der ebenso kompetenten wie kritischen Jury harren, die Laudatoren ergriffen von der Festlichkeit des Moments sich kaum entschließen können, den Umschlag zu öffnen, schließlich in Selbstüberwindung es doch tun, die Ausgezeichneten in klaren Worten, knapp und präzise formulieren, die Menge die auftretenden Musiker enthusiastisch begrüßt und mit offenem Munde anfeuert, auch noch das Letzte zu geben, Wissenschaftler und Künstler sich für Benachteiligte einsetzen, Kinder auf die Bühne strömen und die mächtigen Entscheider mit Gesang und Engagement bezaubern, talentierte Comedians treffsicher Pointe um Pointe den befreit auflachenden Zuschauern präsentieren, dabei stets menschlich bleiben und am Ende der strahlende Moderatorin selbst die höchste Ehre zuteil wird, womit niemand im Saal, am allerwenigsten sie selbst, je gerechnet hätte und sie mit bescheidener Geste, Dankesworte murmelnd die Auszeichnung an sich drückt und ihr Glück mit der ganzen Festgesellschaft teilen will – da dies so ist, lehnt der TV-Zuschauer sich in sein Kissen und, in der aufwühlend komponierten Schluss-Hymne wie in einem schweren Traum versinkend, weint er, ohne es zu wissen.
Das zeitlos geniale Original "Auf der Galerie" von Franz Kafka gibt es hier.

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