„X Factor“-Kritik: Das Team war der Star

Die Casting-Show “X Factor“ fand gestern im Finale ihre Siegerin: Edita Abdieski gewann gegen Big Soul. Beurteilt man alle drei Finaltitel, ist dies eine gerechte Entscheidung. Big Soul versemmelte den möglichen Sieg durch eine strategisch falsche Entscheidung in ihrem Duett mit Shakira. Der beste Act des Abends jedoch wurde von keinem beider Finalisten alleine gesungen, sondern von den Top-9-Acts der Show, die eindrucksvoll bewiesen, wie viel musikalische Substanz in dem Format vertreten war.

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Seit heute hat ein Kölner Lokal eine Mitarbeiterin weniger:  Edita  Abdieski ist Gewinnerin von “X Factor“ und künftig Sony Music-Vertragspartnerin. Ihr Leben wird sich verdientermaßen ändern. Der von ihr gesungene Siegertitel  "I’ve Come To Life" steht bereits in allen Download-Portalen zur Verfügung und liegt ab Freitag in den Regalen der Händler.
Edita Abdieski bot insgesamt eine sehr gute Leistung, und ihr Sieg ist verdient. Den Solotitel  Titel "Run" von Leona Lewis  sang sie gut, vielleicht sehr gut: Von der außerordentlichen Qualität einer Leona Lewis allerdings blieb selbst ihre gute und gefühlvolle Interpretation des Titels noch ein ganzes Stück entfernt. Leona Lewis ist eben ein wirkliche Ausnahmekünstlerin, die diesem Titel an Stellen neue Höhen verleiht, an denen Zuhörer bereits längst mit dem qualitativen Ende der Fahnenstange gerechnet hatten. Das erreichen – weit über Edita Abdieski hinaus- auch ganz andere nicht.
Highlight der Finaltitel war der Auftritt der Schweizerin mit Xavier Naidoo. Seinen Titel "Wo willst Du hin" gestalteten beide auf Augenhöhe innerhalb eines  wirklich sehr gelungenen Duetts. Abdieski bekam und nahm sich ihre Bühne. Im Übrigen boten beide eine gemeinsame, künstlerische Performance, die sich noch einmal deutlich von Naidoos Solo-Auftritt mit seinem aktuellen Song "Bitte hör nicht auf zu träumen" abhob. Der zeigte im Gegensatz zum gemeinsamen Duett mit Abdieski eher die endlose Redundanz eines stoisch wiederholten Refrains. Musikalisch in Ordnung, aber langweilig.
Big Soul, also Nadine (28), Alexandra (32), Michelle(35) und Martina (32) wirkten weniger entspannt als im MEEDIA-Interview angekündigt. Mit George Glueck am Klavier zeigten sie mit dem den Dionne Warwick – Song:  "That’s What Friends Are For" eine gute Leistung.  Der qualitative Einbruch kam durch eine strategisch falsche Entscheidung der Präsentation ihres Duettes mit der phantastischen Shakira: Als eingespielt wurde, wie sich Shakira und Big Soul beim Üben des Titels "Underneath Your Cloth" erstmalig begegneten, fragte Shakira: "Und, welchen Part soll ich singen?" Durch die mit dieser Frage geöffnete Tür allerdings ging das Quartett nicht: So sah die Finalperformance dieses Titels eine beeindruckende Shakira mit vier ordentlichen Background-Sängerinnen, die vergessen zu haben schienen, dass dieser Finalsong eben auch ihre Bühne war. Das war unverständlicherweise verschenkter Raum, und musikalisch war bereits an dieser Stelle des Finales der Wettbewerb entschieden. Wenn man so will, auch ein strategischer Management-Fehler des außerordentlich sympathischen Mentors George Glueck: Man hätte wissen und berücksichtigen können, dass auch Duette mit Stars im Kontext eines Finales eben primär die Bühne für Kandidaten abbilden.
Die musikalische Highlights des Finales allerdings boten andere: Sarah Connor begleitete die emotionalsten Staffel-Momente mit "Break My Chaines" gefühlvoll und auf musikalisch allerhöchstem Niveau. Der alte Take That-Gassenhauer "Back For Good" sah kurz vor der Entscheidung noch einmal die Top-Neun der Kandidaten und zeigte die musikalische Klasse des Formates. Beides waren musikalisch wirklich gute Momente des gestrigen Final-Abends.
Gewinner der Staffel sind auch die Zuschauer – nicht nur als Empfänger eines an primär an musikalischen Fachaspekten orientierten Produktes, sondern auch als Entscheider, die – über Fanbase und Identifikation hinaus- mit Edita Abdieski als  Gewinnerin eine leistungsgerechte Entscheidung trafen. Das ist durchaus nicht Standard und kann nicht bei allen Final-Entscheidungen in Casting-Shows beobachtet werden.
Was bleibt an Wünschen für die Zukunft?
Die Fortsetzung von “X Factor“ ist beschlossen, und man darf sich wünschen, dass sie in derselben Jury-Kombination und vor dem Hintergrund einer ähnlichen Haltung stattfindet, wie sie die diesjährige Produktion aufwies.  "X Factor" bei Vox hat Lust auf mehr gemacht.
Ein weiterer Wunsch wird wohl Illusion bleiben: Man könnte auch in einem Finale durchaus darüber nachdenken, Kritisches zu den Auftritten zu äußern: Die beliebte Argumentation, die Zuschauer entschieden ohnehin, und beim letzten Step eines langen Weges wolle man allen Finalisten bewusst denselben Respekt entgegenbringen, könnte durchaus ein kleines Stückchen mehr Mut zur Offenheit erfahren. Auch, wenn es schwierig erscheinen mag, könnte dieser Impuls im Rahmen der Weiterentwicklung selbstauferlegter Beißhemmung ein gutes Format noch ein wenig glaubwürdiger machen.

Mehr über den Autor unter www.lesko.ch


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