Stayalive.com: auf dem Friedhof nix Neues

Gestern hat Focus-Herausgeber Helmut Markwort gemeinsam mit dem Internet-Unternehmer Matthias Krage das neue Sterbeportal Stayalive.com in München vorgestellt. Nutzer können dort virtuelle Gedenkstätten anlegen und sich mit anderen, Lebenden oder Toten, vernetzen - eine Art Facebook für Tote. Markwort selbst fungiert passenderweise als Business-Engel und hat sich mit 16,6 Prozent beteiligt. Der Community-Ansatz und das Thema Tod wollen aber nicht so Recht zueinander kommen.

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Da werden echte Gedenkstätten und Friedhöfe via Google Maps vernetzt, da kann man für 499 Euro ein “Eternity Paket” kaufen, da wird man erst einmal aufgefordert seine Handy-Nummer für eine Registrierung einzugeben. Das wirkt alles ziemlich geschäftsmäßig und gerade so, als habe man hier alle Spielarten von Marketing und  Social Networks auf das Thema Tod und Trauer übertragen wollen.

Bei Social Networks geht es um das sehr flüchtige Hier und Jetzt. Heute wird ein Link verschickt, der morgen vergessen ist. Eine Minute wird ein Online-Spiel gespielt, die nächste Minute wird etwas kommentiert. Es wird munter kontaktiert und “entfreundet”. Alles ist im Fluss und nichts ist mehr so, wie noch vor ein paar Sekunden. Ausgerechnet diese Technik der digitalen Unverbindlichkeit soll nun so etwas wie “Ewigkeit” und “Unsterblichkeit” im Internet vorgaukeln. Das kann nicht funktionieren. Das beginnt schon bei den sprachlichen Widersprüchen bei der Registrierung. Tot ist tot, da kann meinen keinen Verstorbenen nachträglich “unsterblich machen” – auch nicht digital.

Ganz und gar irdisch und unvirtuell sind übrigens die Friedhofsgebühren, die Stayalive.com erhebt. Nach Ablauf einer kostenlosen, sechsmonatigen Probezeit, die man hoffentlich überlebt, kostet die Grabstätte dort knapp 20 Euro im Monat, bzw. 499 Euro für die so genannte “Ewigkeit”. Oder, wie FAZ bereits süffisant anmerkte: “… zumindest für die Lebensdauer des Unternehmens.”

Die Methoden, die Stayalive.com anwendet, sind von Dutzenden bereits bestehenden Trauerportalen bekannt: Man kann Fotos hochladen, Videos, Dokumente, Stammbäume erstellen, die Lieblingsmusik- und -Rezepte des Verstorbenen einpflegen usw. Auf dem Friedhof nix Neues. Nicht zuletzt ähnelt das Konzept sehr der Website Emorial.de des ehemaligen Focus-Mitarbeiters Martin Kunz, der seinen Ex-Boss Helmut Markwort ganz offenbar bei dessen Werdegang zum Business-Engel inspirierte. Das Neue, das Stayalive.com hinzufügt, sind die Facebook-Elemente. Das Suchen nach realen Friedhöfen und das verknüpfen mit anderen virtuellen Gedenkstätten hat aber etwas Morbides an sich, das sich schwer beschreiben lässt. Der Tod ist eben in letzter Konsequenz doch eine sehr einsnullige Angelegenheit.

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