„Journalismus hat glänzende Möglichkeiten“

Der Zeitpunkt ist geschickt gewählt: Wenige Tage nach der vermeintlichen Erfolgsmeldung über die positive Kunden-Entwicklung der frisch hinter einer Bezahlschranke verschlossen Times und einen Tag vor den neuen IVW-Onlinezahlen beschäftigt sich Springer-Chef Mathias Döpfner im Handelsblatt mit Paid-Content und der Reichweitenmessung von Off- und Online-Medien. In einem doppelseitigen Interview prognostiziert er das Ende der Kostenloskultur im Internet.

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Aufhänger für das Gespräch ist eine große Titelgeschichte der Wirtschaftszeitung zum Thema Paid-Content. Zeile: "Rückkehr zur Normalität". Eine Zustandsbeschreibung, der Döpfner nur Zustimmen kann. Er sagt: "Die Phase der kindlichen Begeisterung für die neue Technologie rund um das Internet geht erkennbar zu Ende. Es beginnt eine neue Phase, in der alle sich auf eines besinnen: Inhalte sind der entscheidende Erfolgsfaktor. Gute Inhalte bedeuten einen Aufwand. Sie stellen einen Wert dar und müssen daher bezahlt werden. Das ist in der Tat die Rückkehr zur Normalität."

Für die vermeintliche Abkehr der Norm sind nach Meinung des Verlags-Managers vor allem US-Technologie-Firmen, wie Google, aus den Silicon Valley verantwortlich. In ihrem Interesse soll es vor allem liegen, dass möglichst viele, qualitativ hochwertige Inhalte kostenlos ins Web gestellt werden. Die Logik dahinter: Auf je mehr Top-Content die Suchmaschinen verlinken können, um so glücklicher sind die Kunden der Web-Companys – im Gegensatz zu den Verlagen.

Als "extrem ermutigend" und "spektakulär" bezeichnet Döpfner die jüngst von Rupert Murdoch veröffentlichen Zahlen, zur neuen Bezahlschranke der Times. Die Engländer sollen in wenigen Monaten 105 000 reine Online-Abonnenten gewonnen haben. Allerdings sind die Zahlen nicht so eindeutig, wie Döpfner das gerne hätte. Bereits in der vergangen Woche hatte sich Medienberater Thomas Knüwer mit ihnen beschäftigt. Unklar ist, ob es sich um 105.000 Einzel-Abonenten handelt oder ob es Print-Kunden sind, die jetzt auch einen Online-Zugang zur Webseite haben oder sogar nur Transaktionen sind. Heißt: Hat ein Kunde zehn Artikel gekauft, wurde er zehn Mal als Kunde gezählt.

Unabhängig von der Zahlendiskussion, geht Springer schon länger einen konsequenten Paid-Content-Weg. Das Ergebnis: "Wir gewinnen zahlende Leser zusätzlich. Wir haben die Gesamtreichweite beim „Hamburger Abendblatt“ sogar zweistellig gesteigert."

Weitere Steigerungsraten sind noch nötig, denn Döpfner verrät, dass sein Medienhaus "sieben Jahren die Hälfte unserer Umsätze im digitalen Bereich machen. Derzeit entwickelt sich alles so dynamisch, dass wir dieses Ziel schneller erreichen können. Vielleicht in fünf Jahren."

Zweites wichtiges Anliegen des Berliners ist eine Änderung der Leser-Messung der IVW. "Uns interessiert nicht mehr die einzelne Zeitungsauflage oder die Reichweite einer Web-Site. Uns interessiert die multimediale Reichweite einer Marke und ihrer Inhalte auf allen Plattformen. So muss man Journalismus heute betrachten." Zudem verrät der Vorstandschef, dass man sich bereits in Gesprächen mit der Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern befinde. "Ich bin sicher, dass wir bald zu einer guten Lösung kommen, denn auch die Werbekunden sind an der multimedialen Reichweite interessiert."

In dem Gespräch mit der Wirtschaftszeitung outed sich der 47-Jährige zum wiederholen Mal vor allem als großer Freund der schreibenden und recherchierenden Zunft: "Der Journalismus hat durch die neuen digitalen Vertriebskanäle glänzende Möglichkeiten. Wenn wir es richtig machen, können wir von diesen hoch attraktiven neuen Verbreitungsformen profitieren. Der Pessimismus ist falsch", sagt der 47-jährige Konzernlenker.

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