Yuno: Der kleine Stern ist wieder da

Die Macher von Yuno bringen die Stärken des Jugendmagazins schon auf dem Cover auf den Punkt. Und gleichzeitig auch seine Schwächen. Yuno sei “der stern für Dich”, heißt es. Das ist das Jugendmagazin von der ersten bis zur letzen Seite: ein Stern für Kinder. Mit starken Bildern und kurzweiligen Erklärstücken. Allerdings stellt man sich nach der Lektüre die Frage: Sind das die Geschichten und Themen, die die Jugend interessieren? Oder sind es vielmehr Geschichten über Jugendliche, für die sich Erwachsene interessieren?

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Ein Hoch auf die Fernsehnation: Die zweite Ausgabe von Yuno macht mit einer Typologie der Serien auf und versucht zu erklären, wie TV-Geschichten Fragen zu Identitätsfindung und Selbstwert behandeln, die gerade junge Menschen universell bewegen. Im Vergleich zu einer Bravo oder YoungMiss ist das lobenswert tiefgründig. In einer weiteren großen Geschichte verrät ein Tierfilmer, wie es ihm gelingt, an gefährliche Wildtiere wie Krokodile oder Grizzly-Bären heranzukommen. Yuno wagt sich sogar ans Politische: Ein 14-Jähriger erklärt, warum er gegen Gorleben demonstrieren will. Für Kinder mit Öko-Bewusstsein liegt ein Faltposter anbei, das die Hotspots des weltweiten Stromverbrauchs bei Nacht zeigt. Das bildungsbürgerliche Pendant zum Bravo-Starschnitt also.

Der kleine Stern
Die Aufmachung erinnert stark an den Stern. Zwar ist alles ein wenig krachiger, die Schrift größer und die Kästen bunter. Aber der Stil des Mutterhefts ist überall zu erkennen. Yuno setzt auf große, gut gemachte Bilder, gepaart mit kleinen und mittellangen Texthappen. Bei so viel Häppchenjournalismus bleibt aber eine Kernkompetenz der Stern-Redaktion auf der Strecke: ausführliche, menschelnde Reportagen. Nur Eine findet sich auf 100 Seiten. Stern-Autorin und Stern.de-Kolumnistin Cornelia Fuchs besucht britische Problemkinder. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Autoren der Meinung sind, dass Jugendliche keine Lust haben, lange Geschichten zu lesen.

Das Bildungsbürgertum lässt grüßen
Apropos Problemkinder: Warum eine Geschichte über englische Jugendliche, die mit einem Bein im Knast stehen? Nach der monatelangen Debatte über Integration hätte sich eine Geschichte über Vorurteile deutscher und türkischer Jugendlicher geradezu angeboten. Die Kinder im Yuno-Heft heißen aber nicht Murat, Özil oder Aiche. Sondern Paulina, Louise, Tilmann, Julius, Jonathan, Solvejg, Jasper, Oskar, Emil und Dada. Das Bildungsbürgertum lässt grüßen.

Trotzdem gelingt den Yuno-Machern ein solider Themenmix. Ein wenig Sport, ein wenig Politik, ein wenig Musik und eine gehörige Portion jugendlicher Herzschmerz. Allerdings wirken einige Geschichten – vermutlich dem Dasein als Testausgabe geschuldet – zu zeitlos. Flagfootball wird als angeblich neuer Trendsport unter Jugendlichen angekündigt. Dabei gibt es Flagfootball-Weltmeisterschaften schon seit 2002. Auch der Aufmacher wirkt zeitlich entwas entrückt. Die Redaktion geht der Frage nach, was den Sog von Serien wie "Gossip-Girl", "Doctor’s Diary" und "Two and a Half Men" ausmacht. Doch irgendwie wirkt die Geschichte, als hätte sie schon länger in den Archiven des Sterns gelegen.

Alte Serien im neuen Heft
Wie sonst ist zu erklären, dass dort Serien wie "Doctor’s Diary" und "Gossip Girl" in der Typologie auftauchen? Die RTL-Arztserie lief 2009 aus, seit April 2010 wird neu gedreht, erst 2011 kommt die neue Staffel. Auch "Gossip Girl" läuft momentan nicht im Fernsehen. Die zweite Staffel wurde vom März bis zum August ausgestrahlt. Auch ein anderer angeblicher Serienliebling verwundert in der Auswahl: die US-Sitcom “Two and a Half Men” mit Charlie Sheen in der Hauptrolle. Die Serie ist ohne Frage populär, aber keineswegs geeignet für eine Zielgruppe, die mit zehn bis 14 Jahren gerade einmal in die Pubertät kommt. Immerhin dreht sich die Story um Sex, Alkohol, Glücksspiel und einen chauvinistischen Hausherrn.

Die neue Zeitschrift wurde in der Stern-Redaktion konzipiert. Entwickler und Redaktionsleiter ist Florian Gless, Stern-Ressortleiter "Deutschland und Gesellschaft". Als Art Director kümmerte sich Andreas Nyland um den Magazin-Nachwuchs. Ansonsten gestaltet er die Line-Extension "Stern Gesund leben". Entstanden ist das Projekt im Rahmen des von Gruner + Jahr intern ausgeschriebenen Wettbewerbs "Grüne Wiese" 2009. Mit einer Druckauflage von 175.000 Exemplaren war der jüngste Stern-Zögling eigentlich als One-Shot konzipiert. Jetzt soll die zweite Ausgabe zeigen, ob im Markt der Jugendzeitschriften noch Platz ist. Bleibt Yuno bei seiner Ausrichtung, könnte es durchaus den Kampf mit Bauers Bravo aufnehmen. Denn Liebe, Sex und Zärtlichkeit sucht man bei Yuno vergeblich. Dafür gibt es Kurzweiliges aus dem Leben gut gebildeter Youngster.

Fazit: Ein gut gemachtes Heft für interessierte Jugendliche mit hohem Bildungsniveau. Allerdings sind die nur ein Teil unseres Nachwuchses. Mehr Reportagen und weniger Bildungsbürgerkinder wären wünschenswert.

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