Die Pixelbomben-Polemik von Jeff Jarvis

Google-Prophet Jeff Jarvis hat ein Thema für ein neues Buch und viele neue Vorträge und Kongress-Auftritte gefunden: Die Privatsphäre-Debatte in Deutschland im Allgemeinen und die hierzulande herrschende Hysterie um Google Streetview im Speziellen. Jarvis verkündete jetzt in bei Zeit Online, sein nächstes Buch werde “Public Parts in the U.S. – and das Deutsche Paradoxon” heißen. In dem Artikel vergaloppiert sich der Web-Visionär Jarvis allerdings gewaltig mit einer völlig überzogenen Pixelbomben-Polemik.

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Worum geht es? Es geht darum, dass rund 244.000 Häuser in der deutschen Version von Google Streetview unkenntlich gemacht wurden, weil die Besitzer bei Google gegen das Zeigen ihres Hauses im Internet Widerspruch eingelegt haben. Na und? Klar, die verpixelten Häuser in Googles Streetview sehen nicht schön aus und ziehen so digital vermatscht vielleicht noch mehr Aufmerksamkeit der virtuellen Flaneure auf sich, als wenn die ohnehin gesichtslosen Neubau-Fassaden unverändert zu sehen gewesen wären. Aber das ist nun mal die Entscheidung der Hausbesitzer und nicht weiter der Rede wert.

Außer für eine Gruppe radikaler Vorkämpfer für einen wie auch immer gearteten Zwang zur digitalen Öffentlichkeit, zu deren Sprachrohr sich Jeff Jarvis macht. Um den banalen Vorgang der Verpixelung einiger Häuser in einem Internet-Navigationsdienst zu beschreiben, bemüht Jarvis Worte wie “Katastrophe” und “Pixelbomben”. Ein “gefährlicher Präzedenzfall” werde da geschaffen. “Stasileute und Nazis” hätten so ein Verpixelungsrecht auch gut gefunden, fabuliert Jarvis, die ganze Verpixelung von mutmaßlich hässlichen Häuserfronten ist für ihn ein “deutscher Wahnsinn”.

Er nutzt die willkommene Gelegenheit, um seine steilen Thesen in ein neues Buchprojekt zu gießen. “Public Parts in the U.S. – and das Deutsche Paradoxon” soll das Werk heißen, wie er bei Zeit Online schreibt. Dabei bezieht sich Jarvis auf einen abenteuerlichen Vergleich, den er vor einiger Zeit auf einem Internet-Kongress angestellt hatte. Das “Deutsche Paradoxon” laut Jeff Jarvis besteht darin, dass Deutsche gerne nackt in eine Sauna gingen, ihre Häuserfronten aber nicht im Internet herzeigen wollen. Dass in Saunas keine Google-Fotografen hocken, hat er offenbar übersehen.

Dass sich viele Deutsche von der medial geschürten Streetview-Hysterie haben anstecken lassen, kann man doof finden oder peinlich. Aber eine Katastrophe und “Bombardierung der Öffentlichkeit” darin zu sehen, ist schon reichlich überzogen. Jarvis sollte stattdessen dankbar sein für die angebliche Google-Angst der Germanen – hat sie ihm doch frei Haus eine neue Buchidee beschert. Mit seinem neuen Werk über die Privatsphäre kann Jarvis nun wieder für ein bis zwei Jahre Kongresse und Vorträge in Deutschland bestreiten.

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