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‚X Factor‘: neuer Maßstab für Castingshows

Mit einem Gesamt-Staffel-Quotenschnitt von 11,4 Prozent in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen liegt die Casting Show "X Factor" deutlich über dem Vox-Senderschnitt von 7,8 Prozent. Das gestrige Halbfinale war ebenso bemerkenswert, wie die Qualität der gesamten Staffel. Mit Jury-Mitglied George Glueck und Moderations-Newcomer Jochen Schropp zeichnen zwei eher leise Menschen mitverantwortlich für den Erfolg. Nun müssten andere Bereiche der RTL-Gruppe diese hausinterne Referenz nur noch nutzen.

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Äpfel und Birnen zu vergleichen, gilt als unprofessionell.
Da wir im MEEDIA-Text zum Start von "X Factor" Casting Shows mit Suppen verglichen haben, folgen wir dennoch dieser Linie: Apfel oder Birne – irgendwie ist ja beides Obst, und egal, was man isst oder auf Mattscheiben sieht: Letztlich kommt in Mägen und Köpfen von Zuschauern alles irgendwie zusammen. Zum Thema Know-How-Transfer hätte man der RTL-Gruppe diese Fähigkeit zur Verbindung gewünscht. Die große Mutter RTL hätte – was Qualität und Glaubwürdigkeit von Formaten angeht ("Das Medium“) – durchaus von der kleinen Schwester Vox zu lernen. Mit "X Factor“ existiert diesbezüglich eine belastbare Referenz im eigenen Haus.
Nach soliden Brechreizen im Zusammenhang mit "Das Medium" (RTL) bot das gestrige Halbfinale der Vox–Casting-Show "X Factor" professionelle Erholung auf ganzer Linie: Wer – über reine Unterhaltung hinaus – Freude an einer bedachten und liebevollen Produktion von Formaten hat, wer Sendungen im Fernsehen verfolgen möchte, bei denen sich Personen, Rollen, Kandidaten und Stil so durch die Mattscheibe vermitteln, dass Interesse, Bedachtsamkeit und Herzblut spürbar werden, der ist bei "X Factor" gut aufgehoben.
Das beginnt bei den talentierten Sängern und Sängerinnen und setzt sich fort über eine auch in Details konsequent auf Verbindung zum Zuschauer ausgerichtete Produktion – beides ist prinzipiell selbstverständlich und doch eine erwähnenswerte Seltenheit.
Die Jury, die im Gegensatz zu anderen Jurys nicht nur Bewertungsrollen abbildet, sondern zusätzlich (jeder für seine Kategorie) Mentorenrollen im Wettbewerbsstatus einnimmt, beantwortet in sehr natürlicher und beziehungsvoller Weise das Spannungsfeld zwischen Kooperation und Wettbewerb.
Neben Frontfrau Sarah Connor und dem hervorragenden Trompeter Till Brönner repräsentieren zwei Personen die Qualität des Formates, die auf den allerersten Blick nicht zwingend in der ersten Reihe zu stehen scheinen: George Glueck, Jury-Mitglied und Mentor der verbliebenen – vocal phantastischen – Gruppe Big Soul und Moderatoren-Newcomer Jochen Schropp. Um es vorwegzunehmen: Beide sind Benchmark. Beide sind außerordentlich.
Jochen Schropp bewegt sich im Rahmen seiner ersten, großen Show-Moderationsrolle in einem von vielen Profis langjährig vorbestellten Feld mit engen Räumen: Die Marco Scheyls, die Gottschalks dieser Welt haben Spuren hinterlassen. Erwartungen, Bilder und Eindrücke, an denen es sich zu messen gilt. Dort als Newcomer einen eigenen Stil zu finden, dort Pflöcke zu setzen, die nicht ungelenke Kopien anderer sind und gleichzeitig ein völlig ungewohntes Terrain zu betreten, ist eine wirkliche Herausforderung.
Nach mehreren Shows, nach dem Halbfinale und eine Woche vor dem Ende der aktuellen Staffel, kann folgendes Fazit gezogen werden: Schropp hat in einer ganz eigenen, sehr natürlichen, glaubwürdigen Art diesen Raum besetzt und ist ein wirklicher Gewinn. Er ist unaufdringlich und in gutem Sinne nett, ist humorvoll und unkonventionell, ohne zu überzeichnen.  Wenn Schropp nervös ist – etwa beim Verlesen der Staffel-Entscheidungen – zittern seine Hände im Close-Up. Wenn er Kandidaten umarmt und sich freut, wird echte Freude deutlich. Selbst, wenn ein kleiner unangemessener Scherz einen leichten Rüffel der Jury mit sich bringt, kartet Schropp nicht nach, wie Marco Schreyl, wenn er Dieter Bohlens Unmut über sich ergehen lassen muss.
Man darf mit Jochen Schropp – glücklicherweise – einen Moderatoren erleben, der weit, weit weg von den Verbiegungen jahrelanger, professioneller Deformation einfach natürlich ist, und von dem viele seiner Kollegen eine ganze Menge lernen könnten: Glaubwürdigkeit zum Beispiel.
Schropp verzichtet auf neurotische Autoritätsduelle mit der Jury, nimmt und gestaltet seine Rolle, ohne jene Konkurrenzen aufzusuchen, wie sie in den Kombinationen Bohlen/Schreyl oder auch Raab/Opdenhöfel immer wieder einmal aufflackern. Wie für das gesamte Format "X Factor“, kann über Schropps Gesellenstück des Starts in eine neue Rolle mit Recht gesagt werden: Das ist wirklich eine bemerkenswerte Leistung.
Mit George Glueck hat die Jury von "X Factor" nicht nur einen hervorragenden, langjährigen Profi gecastet: Der 1950 in Transsylvanien geborene Weltenbürger ging 1978  nach London, managte und verlegte in den 80ern unter anderem Rio Reiser, die Rainbirds, Stephan Remmler. International kümmerte er sich als Verleger um Künstler wie Prince, Madonna und ZZ Top. 1993 gründete Glueck sein Label X-cell. Seit 1998 produziert und verlegt Glueck Künstler wie Sarah Connor, Ich+Ich und andere und kann auf über 50 Gold- & Platin-Awards im In- & Ausland zurückblicken.

Als Person und Jury–Mitglied ist George Glueck der eindringlichste Beweis dafür, dass künstlich festgefahrene Jury-Rollen anderer Formate nicht das Ende der Berührbarkeit bedeuten müssen. Berührbar ist George Glueck. Und er berührt. Seine spürbar herzliche Freude an Musik, sein leise ungelenk, fast aristrokratisches Werben um die eigenen Kandidaten: All dies wirkt menschlich, herzlich und verzichtet auf die werbewirksame Produktion gängig gewordener Plastikgefühle. Glueck repräsentiert in seiner leisen, liebevollen Art einen spürbaren Rest von Haltung und Werten, die im Scipted-WeißderGeierwas-TV längst verloren geglaubt schienen. Ohne Pathos, ohne den Drang, sich gegen andere in den Vordergrund schieben zu müssen. Menschen wie Glueck zeichnen ein ganz besonderes und leises Bild von Autorität.
So ist Glueck ein echter Gluecks-Fall. Menschen, wie ihn muss man im TV lange suchen, und man wird sie in den aktuellen Jurys von Castings-Shows nicht noch einmal finden.
Im gestrigen Halbfinale traten alle Kandidaten und die gesamte Jury (!) vor der Zuschauer-Entscheidung miteinander auf und bewegten sich zusammen "über den Regenbogen": In dieser Kombination einmalig. Brönner blies Trompete, Sarah Connor sang mit den Kandidaten. Selbst George Glueck rasselte den Schellenring, und die gesamte Gruppe hatte einfach ehrliche Freude an diesem gemeinsamen Moment.
Nun macht Musik alleine unsere Welt nicht besser, und so mündete auch dieser Moment gemeinsamer Freude an "Over The rainbow" im Ausscheiden des Sarah Connor-Kandidaten Mati Gavriel.
Auch hier bot "X Factor" im Vergleich zu Wettbewerbsformaten einen besonderen und beziehungsvollen Umgang mit Niederlage und Trennung: Nach der Einspielung der Staffel-Highlights vom ausgeschiedenen Gavriel erhielt dieser vor Jury, Konkurrenten und Publikum seinen Abschiedsauftritt und sang einen letzten Song. Kein Wettbewerbsformat geht so mit Verlierern um. Das ist ebenso wertschätzend und beziehungsvoll, wie beachtlich.
Man kann sicher insgesamt über Fragen von Qualität sehr unterschiedlicher Meinung sein. Beim Produkt "X Factor" haben von Beginn an Menschen unterschiedlicher Professionen miteinander konsequent ein Ergebnis auf die Straße gebracht, welches qualitativ viele Aspekte berücksichtigt, die in anderen Produkten verlorengegangen zu sein scheinen. So scheint für uns bemerkenswert, was eigentlich die Regel sein sollte.
Am kommenden Dienstag verabschiedet sich mit seinem Finale ein Format von den deutschen Mattscheiben, welches in seiner Gesamtheit aus vielerlei Gründen das auszeichnet, was im Titel beschrieben wird:
Der X Factor.

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