„Irgendwie zwischen Taz und Greenpeace“

Sechs Jahre Netzpoltik.org: Das erfolgreichste deutsche Blog feiert Geburtstag. Im Interview mit MEEDIA spricht Gründer Markus Beckedahl (34) über den Alltag als Blogger, blickt zurück auf die Zensursula-Debatte und warnt vor Googles und Verizons Angriff auf das offene Netz. Der 34-Jährige ist Mitveranstalter der Blogger-Konferenz re:publica und gilt als einer der einflussreichsten deutschen Internetaktivisten: "Für unsere Grund- und Freiheitsrechte kämpfen lohnt sich immer."

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Wie sieht Ihr Tag als bloggender Netzaktivist aus?
Das kommt drauf an, was gerade passiert. Einerseits bin ich meist online und verfolge Nachrichtenflüsse, um Informationen zu verarbeiten und auch zu entscheiden, was für mich und das Blog relevant ist und was nicht. Das sind ja klassische redaktionelle Filteraufgaben. Und wenn etwas relevant ist und ich gerade Zeit und Lust habe, blogge ich darüber. Dazu führe ich viele Hintergrundgespräche mit Journalisten und Politikern, um Zusammenhänge zu erklären. Und dann treffe ich noch oft andere Menschen, um mich auszutauschen und Projekt zu planen. Dazwischen arbeite ich noch an Kundenprojekten.
Mit Kundeprojekten meinen Sie ihre Arbeit bei der newthinking communications GmbH – eine Beratungs-Agentur für Open-Source-Strategien, die Sie neben Netzpolitik.org auch noch betreiben. Wie kriegen Sie beides unter einen Hut?
Das wird immer schwerer, je mehr Zeit Netzpolitik.org und die damit verbundenen Aktivitäten einnehmen. Ich bin froh über das Verständnis meiner Kollegen, die mich unterstützen, denen das Thema auch wichtig ist und die mich entlasten. Die Firma profitiert aber auch etwas davon: Wir finden sehr gute und motivierte Mitarbeiter durch unsere vielen Aktivitäten für ein offenes Internet und der Unterstützung diverser Open-Source-Communities. Dazu veranstalten wir zusammen mit Spreeblick.com die re:publica-Konferenzen und wir beraten Organisationen und Unternehmen, wie diese neuen Öffentlichkeiten im Netz und ihre Mechanismen funktionieren –dabei hilft es in der Beratung, wenn wir auf erfolgreiche praktische Erfahrung verweisen können und nicht nur darüber reden, was wir uns irgendwo angelesen haben.
Das klingt alles nach einem sehr langen Arbeitstag.
Ich muss mich häufig entscheiden: Kundenprojekte managen oder für Netzpolitik.org in den Bundestag gehen, um eine wichtige Anhörung zu bloggen. Oft bedeutet es aber tatsächlich zwölf Stunden-Tage und wenig freie Wochenenden, um beide Jobs in Einklang zu bringen. 
Wie würden Sie Netzpolitk.org beschreiben?
Netzpolitik.org steht zwischen vielen Stühlen. Älteren Menschen erkläre ich immer: “Irgendwie zwischen Taz und Greenpeace einordnen, nur für Netzpolitik und im Netz”. Wir sind ein Medium, aber noch viel wichtiger einfach nur ein Knotenpunkt in einem riesigen Netzwerk mit einem Schwerpunkt darauf, wie Politik das Internet verändert und wie das Internet gleichzeitig Politik, Kultur und Gesellschaft verändert. Und Netzpolitik.org ist auch ein großes Labor, um neue Technologien und Mechanismen auszuprobieren und mit sozialen Medien rumzuspielen.
Was heißt rumspielen?
Wir sind eine Mischung aus journalistischem Angebot und Netzwerk für politische Kommunikation. Und wenn es dann ein neues Kommunikationswerkzeug wie Twitter gibt, probieren wir natürlich aus, wie es unser Netzwerk ergänzt. Twitter war für uns wirklich ein sehr erfolgreiches Tool. Andere mit denen wir experimentiert haben, haben weniger gut funktioniert.
Neben Ihnen haben rund 20 Andere einen Schreibzugang bei Netzpolitik. Wie entscheiden Sie, wer mitbloggen darf?
Die Vergabe eines Schreibzugangs erfolgt immer über Vertrauen. Wenn ich jemandem vertraue und das Gefühl habe, dass er oder sie etwas Sinnvolles beitragen kann, dann vergebe ich einen Schreibzugang. Dafür muss ich in Einzelfällen die Person nicht mal unbedingt kennen.
Nicht einmal kennen?
Jörg Olaf Schäfer, der relativ viel am Blog mitschreibt, kannte ich beispielsweise nur über Mailinglisten. Vor zwei Jahren habe ich ihn dann einmal ganz kurz ,physisch‘ getroffen.
Wie hat Netzpolitik begonnen und wie sieht es heute aus?
Ganz am Anfang um 2002/2003 herum nutzte ich die Domain und eine Blog-Software, um über meine Lobbyaktivitäten im Rahmen eines UN-Weltgipfels zur Informationsgesellschaft und gegen die drohende Einführung von Softwarepatenten auf europäischer Ebene in einer Tagebuch-Form zu dokumentieren. Seit sechs Jahren gibt es die jetzige Form, die weniger Tagebuch und mehr redaktionelles Medium und Filter geworden ist. Mit den Jahren kamen ein paar Autoren hinzu, andere gingen mangels Zeit und das Netzwerk wurde immer größer. Momentan haben wir rund eine Million Besucher im Monat und mehr als vier Million Seitenabrufe, wobei bei letzterem unser Full-RSS-Feed wohl dabei ist.
Seit 2009 ist die Seite auf dem ersten Platz der Blogcharts und hat diesen bis jetzt nie mehr abgeben müssen. Wie erklären Sie sich den Erfolg?
Das Interesse verwundert mich immer noch, weil wir über ein Nischenthema schreiben und dazu auch noch über Politik. Vielleicht liegt es daran, dass wir kontinuierlich seit Jahren dieselben Themen jeden Tag aufs Neue bearbeiten, dabei auch immer besser werden und die Netzwerke einfach mitwachsen. Und das Thema Netzpolitik ist ja auch erst gerade populär geworden, als wir anfingen, interessierte das eine kleine Nische. 
Viel Aufmerksamkeit bekam Netzpolitik bei der Zensursula-Debatte. Die Seite war erste Anlaufstelle im Netz. Hat sich der Kampf rückblickend gelohnt? Gab es einen Gewinner?
Für unsere Grund- und Freiheitsrechte kämpfen lohnt sich immer, auch wenn man nicht jedes Mal Erfolg hat. Bei der Debatte rund um das Zugangserschwerungsgesetz haben wir in der Verlängerung etwas unerwartet einen Teilerfolg erzielt. Jetzt muss der Druck weiter groß bleiben, sodass die Bundesregierung, die aktuell auf Eis gelegten Pläne, nicht wieder auftaut. Die Zensursula-Debatte hat zusätzlich den Einfluss der neuen Öffentlichkeiten im Netz auf die politische Agenda gezeigt. Das Thema Netzpolitik wird auf einmal von allen Parteien Ernst genommen, was hoffentlich zu besseren Rahmenbedingungen für die digitale Gesellschaft führt.
Gab es schon einmal heikle Geschichten bei deren Veröffentlichung Sie Angst hatten? Sie haben schließlich keinen Redaktions-Apparat mit Rechtsabteilung im Hintergrund, der Sie schützt.
Bei ein paar Geschichten hab ich vorher befreundete Anwälte konsultiert, um nach dem 4-Augen-Prinzip zu schauen, ob ich mich angreifbar mache. Und die Auseinandersetzung mit der Deutschen Bahn AG im vergangenen Jahr über bei uns geleakte Hintergrunddokumente zu ihrem Mitarbeiter-Überwachungsskandal hat gezeigt, dass ich im Falle einer Auseinandersetzung auf die Unterstützung von großen Netzwerken vertrauen kann. Insofern hab ich keine Angst über Themen zu bloggen, die mir wichtig sind und meine Meinung zu vertreten.
Wie finanziert sich das Blog? Können Sie davon Leben?
Ohne die Querfinanzierung durch meine Firma wäre es vermutlich schwer, soviel Zeit in das Projekt zu stecken und ich müsste mir überlegen, was aus Effizienzgründen gar nicht gehen würde. Ansonsten halte ich Lehrveranstaltungen an verschiedenen Hochschulen und ich werde auf Konferenzen eingeladen, um dort Vorträge zu halten oder an Diskussionsrunden teilzunehmen. Etwas Werbung, Flattr und Artikel und Kolumnen für traditionelle Medien runden den Finanzierungsmix ab.
Auf Netzpolitik.org findet man allerdings fast keine Werbung. Warum?
Wir lehnen Werbung nicht per se ab, aber in der Regel passen die Werbeangebote nicht zu uns oder sie sind inakzeptabel in den Preisvorstellungen. Wir wollen nicht dabei mitspielen, die Werbepreise immer weiter in den Keller zu drücken und dabei noch das Blog wie eine Dauerwerbesendung erscheinen zu lassen.
Hat Flattr als neue Einnahmequelle spürbar etwas gebracht?
In den letzten beiden Monaten haben wir jeweils rund 600 Euro über Flattr eingenommen. Das ist mehr, als ich erwartet habe und insofern bin ich positiv überrascht. Trotzdem bleibt abzuwarten, wie nachhaltig der Dienst angenommen wird und ob Flattr eine feste Säule in einem Finanzierungsmix werden kann.
Derzeit starten Google und Verizon einen Angriff auf die Netzneutralität. Wie schätzen Sie diese Debatte ein?
Die Debatte ist wichtig und notwendig. Was Google und Verizon als Regulierungsidee präsentiert haben, steckt voller Tücken und Gefahren für ein offenes Netz – auch wenn die Debatte derzeit eher auf die USA beschränkt ist.
Und wie sieht es in Deutschland aus?
Auch hiesige Konzerne wie Telefonica und die deutsche Telekom wollen die Netzneutralität einschränken und da müssen wir uns fragen, was wichtiger ist: Ein offenes Netz, Meinungsfreiheit und diesen unglaublichen Innovationsraum für Alle zu erhalten oder die Interessen einiger weniger Unternehmen berücksichtigen.
Was werden die netzpolitischen Themen der nächsten Monate sein?
Das drohende Leistungsschutzrecht gefährdet Presse- und Informationsfreiheit im Netz und die Diskussion um eine gesetzliche Verankerung der Netzneutralität hat gerade erst begonnen – auch wenn ich mir die Debatte schon im vergangenen Jahr gewünscht hätte, als dies auf europäischer Ebene diskutiert wurde. Zudem wünscht sich CDU/CSU die Vorratsdatenspeicherung zurück und das Zugangserschwerungsgesetz schwebt weiterhin als Damoklesschwert über der deutschen Politik.
Und die seit Jahren im Raum stehende Urheberrechtsproblematik?
Das ist natürlich ein Dauerbrenner. hier brauchen wir dringend Reformen, so dass das Uhrheberrecht den gesellschaftlichen Realitäten angepasst wird und dass nicht der zum scheitern verurteilte Versuch unternommen wird, gesellschaftliche Realitäten mit Mitteln der Strafverfolgung und der absurden Ideen wie der Entziehung des Internetzugangs an das Urheberrecht anzupassen.

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