Die Niedertracht von “Bauer sucht Frau”

Im Oktober lag der Marktanteil von RTL in der jungen Zielgruppe bei knapp 20 Prozent. Ein Grundstein für den gigantischen Erfolg sind Formate wie “Bauer sucht Frau”. Die Dokusoap um Landwirte auf Freiersfüßen ist ein sicherer Quotenhit und hat schon in der zweiten Folge der neuen Staffel über acht Millionen Zuschauer erreicht. RTL betreibt mit dieser Show ein mediales Ausschlachten von Emotionen in nie gekannter Perfektion. Die Gefühle beim Zuschauen reichen von Mitleid übers Fremdschämen bis hin zum Grusel.

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Im Oktober lag der Marktanteil von RTL in der jungen Zielgruppe bei knapp 20 Prozent. Ein Grundstein für den gigantischen Erfolg sind Formate wie “Bauer sucht Frau”. Die Dokusoap um Landwirte auf Freiersfüßen ist ein sicherer Quotenhit und hat schon in der zweiten Folge der neuen Staffel über acht Millionen Zuschauer erreicht. RTL betreibt mit dieser Show ein mediales Ausschlachten von Emotionen in nie gekannter Perfektion. Die Gefühle beim Zuschauen reichen von Mitleid übers Fremdschämen bis hin zum Grusel.

Der Begriff “Fremdschämen” trifft es für die meisten Zuschauer wohl am besten. Wenn man mit anderen zusammen “Bauer sucht Frau” anschaut, ist der Effekt oft der gleiche: erstaunte Ausrufe (“Das gibt’s ja nicht!”, “Oh mein Gott!”, “Ich halt’ das nicht mehr aus!”) – man windet sich auf dem Sofa und starrt doch weiter auf den Schirm. Das dort Gezeigte ist oft schwer zu ertragen. RTL zeigt Männer, die offenbar teils massiv kontaktgestört sind, bei ihren unbeholfenen Annäherungsversuchen an die auserwählten Frauen.

Wenn dann die dicke Imbiss-Köchin dem riesenhaften Rinder-Bauern die grobe Leberwurst in den Mund stopft, weiß man gar nicht so recht, was man denken oder fühlen soll: Mitleid? Ekel? Scham? RTL und die stets breit grienende Moderatorin Inka Bause tun immer so, als sei das alles ganz normal, was man da sieht. Sind doch nur ein paar lustige Landwirte auf Brautschau, hihi, holladrio usw. Es ist aber nicht normal. “Bauer sucht Frau” schaut tief in menschliche Abgründe und macht daraus einen Witz. Das Lachen über die tumben Bauern und ihre seltsamen Frauen blieb einem in der zweiten Folge spätestens im Halse stecken, als der unsichere Schweinebauer seiner Flamme sein Jugendzimmer zeigte, in dem er auch heute noch schläft.

Die Frau war irritiert, “sieht aus wie Zimmer von Kind”, sagte sie in gebrochenem Deutsch. Das stimmte. Später las sie dem 44-jährigen Mann ein naives Gedicht aus einem kleinen "Bärchen-Büchlein" der Sorte vor, wie man sie als 08/15-Mitbringsel an Verkaufsständern von Autobahn-Tankstellen findet. Der “charmante Schweinebauer”, wie die Redaktion den schüchternen Mann nennt, war ergriffen. Noch nie habe ihm jemand etwas vorgelesen, sagte er in die Kamera. Die kargen, altbackenen Einrichtungen der Häuser mit dem ganzen billigen Furnier, den Neonlampen und der wild gemusterten Bettwäsche wirken wie Spiegelbilder des Seelenlebens ihrer einsamen Bewohner. Das alles ist eigentlich nicht lustig, sondern einigermaßen traurig. Die Produktionsgesellschaft versucht trotzdem, aus jeder Szene auch noch den letzten Witz herauszukitzeln.

Die handelnden Personen werden mit leicht zu merkenden, lustigen Etiketten versehen: “die tätowierte Fleischfachverkäuferin”, “der rüstige Hühnerwirt”. Es werden Musiktitel aus dem Harry-Potter-Soundtrack oder der schrägen Adams Family eingespielt, die die romantischen Stolpereien der Landwirte mal mehr mal weniger subtil ins Lächerliche ziehen. Der Unterschied zur “Adams Family” ist freilich, dass es sich bei den “Bauer sucht Frau”-Protagonisten um echte Menschen handelt, denen mutmaßlich nicht bewusst ist, dass sie gerade von RTL öffentlich als Quotenvieh gemolken werden.

Bei keinem anderen deutschen TV-Format stehen das ständige Strahle-Wetter und die penetrante Gute-Laune-Moderation in einem solchen Kontrast zu den menschlichen Abgründen, die da grell ausgeleuchtet werden. Das Erfolgs-Prinzip dieser Sendung ist die Niedertracht. Bei “Bauer sucht Frau” sind die armen Schweine nicht im Stall zu finden, sondern vor der Kamera.

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