“Das Medium“: der Absturz des Piloten

Der Pilot des RTL-Formates “Das Medium“ liegt hinter uns. Glücklicherweise. Der wirr zerfaserte Torso unterschied sich von dem Inhalt der versendeten Promo-DVD und wirkte wie mit heißer Nadel dilettantisch zusammengestückelt. Im Abspann des Piloten wurden Szenen mit Menschen gezeigt, die zwar auf der Promo-DVD, nicht aber auf Sendung waren. Opfer mit Genickschüssen. Ein Medium mit Kopfschmerzen. Der Pilot selbst: Genickschuss. Und ein Halloween der Professionalität.

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Ginge es nach RTL und Medium Kim-Anne Jannes, wäre die Frage, ob Uwe Barschel Selbstmord beging  oder ermordet wurde, beantwortet. „Mord“.  Soweit der langweilige Teil des gestrigen Halloween-Vorabends auf RTL. Die Frage, ob das Format “Das Medium“ Zukunft hat, kann auch beantwortet werden. Hier lautet die Antwort: “Selbstmord“.
Dass Redaktionen auf Anfrage Promo-DVDs verschickt werden, ist so selten nicht. Dass Promo-DVDs die letzten, elementaren zehn Minuten des Spannungsbogens nicht enthalten, kommt schon seltener vor und hinterlässt Irritation.
Dass annähernd der gesamte Promo-DVD-Torso eine Mogelpackung ist, die so nicht gesendet wird, ist uns noch nie begegnet. Vielleicht eine neue RTL-Strategie, so dachte man, mit welcher man bösen Kommentaren über etwaige, senderinterne Innovationswiderstände intelligent entgegentreten wollte. Wenn Perfektion als langweilig gälte, wenn liebenswerte, natürliche Lebendigkeit sich auch im Mut zum Mangel zeigte: Seit gestern wäre RTL der Innbegriff eines liebenswerten, mutigen und natürlichen Senders.
Dass Mut manchmal nur schwer von Leichtsinn zu trennen ist, bewies RTL spätestens beim Abspann des Piloten: Frauen umarmten sich, die in der Sendung nie gezeigt wurden. Ein – jedem Zuschauer unbekanntes – weinendes, blondes, junges Mädchen wurde sichtbar. Relikte einer verwirrten Resteverwertung nicht gezeigter Fälle der Promo-DVD, bedeutungsschwanger untermalt von jener aufmunternden Kaufhausmusik, die Kunden zwei Tuben kaufen lassen soll statt einer, und die Karstadt an die Insolvenz-Grenzen geführt haben mochte.
Kim-Anne Jannes hatte vor der Zwischenwelt-Connection zwischen Uwe und Frey Barschel zwei weitere  Fälle zu bewältigen: Christin, die ihren Bruder David  durch Tod an einem Bahnübergang verlor, ihm bis heute noch Briefe schrieb und durch Jannes in Kontakt mit ihm geraten sollte.
Und Bierkönig Manfred Meisel, mallorquinischer Gastronom und Besitzer der größten Kneipe an der Plaja de Palma: Vor 13 Jahren mit dem Sohn und einer Angestellten  erschossen auf der Todes-Finka. Seine Lebensgefährtin Diana wollte Klarheit.  Diese beiden Fälle ersetzten die auf der DVD versendeten Fälle anderer Klienten.
Besser: Sie hätten sie ersetzen sollen. Denn mitten in der gemeinsamen, alles auflösenden  Abschlussbesprechung mit der Hinterbliebenen des zweiten – mallorquinischen – Falles, Medium Jannes und der Reiseleiterin Petra Neftel (Ex-Moderatorin der RTL II-News und in einem früheren Leben wirkliche Reiseleiterin) riss die Auflösung abrupt ab, ließ jeden Zuschauer alleine  und sprang ohne Vorwarnung und Überleitung zu Freya Barschel.
In unserem gestrigen Text vor Ausstrahlung des Piloten haben wir – trotz aller kritischen und ironischen Distanz – ernsthaft die Frage bewegt, was leise spürbare Brüche des Mediums für ein derartiges Format bedeuten mögen und haben Glaubwürdigkeit als eines der zentralen Erfolgskriterien für das Format benannt. Nach Ausstrahlung dieses Piloten scheint es überflüssig,  innerhalb dieses Textes RTL  mit einem Maß an Ernsthaftigkeit und Interesse zu überfordern, welches der Sender selbst für den Start seines  Mediums nicht aufbringen konnte.
Generell existiert ein vitaler Bezug zwischen Form und Inhalt, dem “Was“ und dem “Wie“:  Form und Präsentation des gestrigen Formates waren unterirdisch und haben das ohnehin schon dünne Eis möglichen Inhaltes noch brüchiger gestaltet. Professionell wäre gewesen zu verstehen: Je zweifelhafter, je fragiler Inhalte sind, desto sorgsamer und liebevoller muss die Form gestaltet werden.
Das Medium selbst tat ein Übriges.  Die Glaubwürdigkeit der ehemaligen Goldschmiedin Kim –Anne Jannes in ihrer Rolle als Medium bot Zwiespältiges:
Einerseits vermittelte sie überaschende Details von Situationen, hatte Atemnot oder Kopfschmerzen, wenn es zu den jeweiligen Todessituationen und -ursachen passte. Das überraschte immerhin jene,  die RTL den – überflüssigerweise mehrmaligen – Hinweis darauf glaubten, dass vorher keine detaillierten Briefings des Mediums stattgefunden hätten.
Andererseits übermittelte Medium Jannes ihre Botschaften in annähernd plappermäulig belanglosem Singsang und vermittelte so einen deutlichen Kontrast zu den behaupteten, tiefen medialen Fähigkeiten. Wer wirklich irdische und spirituelle Welten so miteinander verbinden kann, dass Verstorbene mit Lebenden sprechen können, müsste, so dachte man, nicht zwingend an der Modulation der eigenen Sprache scheitern.
Auffällig auch: Die scheinbare Harmonie zwischen Medium und den verzweifelt nach Kontakt zu Verstorbenen Suchenden kam wohl allein dadurch zustande, dass Jannes den Hinterbliebenen in einer (überaus vorhersehbaren und zunehmend peinlichen) Weise nach dem Mund redete und stets deren sehnliche Wünsche bestätigte. Im Gespräch mit Freya Barschel verriet der Gesichtsausdruck der Politikerwitwe über weite Strecken, dass diese dem Medium eher wenig zutraute, was den Blick ins Jenseits anging. Dass am Ende doch noch Tränen kullerten, war einem einfachen Psychotrick zuzuschreiben, für den es keiner telephatischen Fähigkeiten bedurft hätte. Vielleicht waren es auch Tränen der Erleichterung. Schließlich sagte Freya Barschel auch unumwunden, worum es ihr bei der Teilnahme an der Sendung gegangenen war: nämlich der TV-Nation noch einmal vor Augen zu führen, dass ihr Mann ermordet worden war – eine zeitgeschichtlich äußerst umstrittene These. Hier stellt sich die Frage, wer da möglicherweise wen instrumentalisiert…
Wir haben unserem ursprünglichen Impuls widerstanden, einen Rundruf in Notaufnahmen von Krankenhäusern zu starten. Ziel hätte sein können, einen etwaigen Anstieg jener orthopädischer Notfälle zu bilanzieren, die durch unangemessen scharfes, dauerhaftes  Schütteln des Kopfes während der Betrachtung des Piloten mit dem Notarzt eingeliefert wurden. Telefoniert haben wir dennoch, weil uns eine brancheninterne fachliche Meinung zu Außenwirkung und Glaubwürdigkeit von Medium und Format interessierte:
Sabine Görmiller, Leiterin des Mental Train Centers, Autorin  und langjährig ausgewiesene Expertin für spirituelle Lebensberatung äußerte im MEEDIA-Telefoninterview Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Formates: „Auch, wenn an der Arbeitsweise des Mediums selbst keine kritischen Aspekte feststellbar waren, sei der Eindruck, dass entgegen den Beteuerungen von RTL das Medium über wichtige Vorab-Informationen verfügte“,  auch bei Görmiller  als Spezialistin des Themas “beim Betrachten der Sendung nie ganz verschwunden.“
Dem wäre möglicherweise nicht mehr viel hinzuzufügen.
Unterstellte man allerdings ansatzweise, dass doch Substanz bestanden hätte. Unterstellte man, RTL habe – nach der Scripted Reality am Nachmittag – nicht zu Halloween und Reformationstag mit dem ersten Stein eines langen Weges der Scripted Mystery begonnen: Dann, ja dann bedeutete dieser nachlässig und lieblos produzierte Pilot nicht nur professionellem Dilettantismus, sondern wäre ein respektloser Affront gegen jene (ungebrieften) Hinterbliebenen, die aus Verzweiflung einfach Hilfe wollten. Um es unangemessen makaber zu formulieren: Dann könnten Kölner Köpfe rollen.
Wer weiß? Vielleicht zieht ja die Solingerin Kim-Anne Jannes bald zurück in die Heimat und zahlt in Deutschland Steuern, die sie als freie Mitarbeiterin eines strategischen Stabes in Kölner Sender-Zentralen verdient. Ihr Aufgabenfeld: Quoten-, Plausibilitäts- und Qualitäts-Checks.
 Vor der Produktion natürlich.

Mehr über den Autor: www.lesko.ch

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