Wie der Zeit-Chef die Merkur-Leser begrüßt

Ende September kam das Aus für den Rheinischen Merkur als selbstständiges Wochenblatt: Die katholische Bischofskonferenz entschied, den defizitären Titel vom Markt zu nehmen. Doch es gibt ein Leben nach dem Zeitungstod, zumindest für die 35.000 Abonnenten. Die erhalten einen "Merkur Light" künftig als Beilage im Bundle mit der Zeit. Deren Chefredakteur Giovanni di Lorenzo wirbt in der aktuellen Ausgabe für die Kooperation und erklärt, warum er den Glauben an den Merkur nicht verloren hat.

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Das Konstrukt der Zusammenarbeit, die im Januar startet, ist dabei nicht ganz einfach: Der Rheinische Merkur wird weiterhin eigenständig produziert und nicht von der Zeit-Redaktion verantwortet. Daher ist der Beitrag di Lorenzos – der im eigenen Blatt erst vor kurzem das Ressort Glauben und Zweifeln eingeführt hatte – auch kein Editorial, sondern ein Gastbeitrag.
MEEDIA dokumentiert die Kolumne in Auszügen:
"Ich gehöre zu denjenigen, die die bevorstehende Kooperation zwischen Rheinischem Merkur und Zeit vorangetrieben haben. Obwohl jeder Chefredakteur auch die ökonomischen Realitäten im Blick behalten muss, war mein Motiv dabei kein kommerzielles. Mein Antrieb war grundsätzlicher Art; ich habe mir, als die Frage nach der Zukunft des RM aufkam, diese Zusammenarbeit von Herzen gewünscht. Warum? Weil ich überzeugt davon bin, dass die Stimme des Rheinischen Merkur in der Berliner Republik nicht verstummen darf. Deshalb will Die Zeit künftig die alten Stärken des Rheinischen Merkur in neuer Form zur Geltung bringen: Abonnenten des RM werden jede Woche Die Zeit erhalten, ergänzt um ein sechsseitiges Zeitungsbuch, das den Titel „Christ und Welt/Rheinischer Merkur“ trägt. Im Mittelpunkt dieser Beilage werden Geistliches und Geistiges stehen.

Einige Leser, vielleicht auch Sie, mag das Zusammengehen von RM und Zeit merkwürdig berührt haben. In den Leserbriefen, die der RM in der vergangenen Woche abgedruckt hat, tauchte jedenfalls immer wieder die Frage auf: Was haben diese beiden Blätter gemeinsam? Meine Antwort: Mehr, als manche meinen. Zunächst einmal stehen beide Blätter für große, prägende Traditionslinien der Bundesrepublik. Das ist, angesichts des dramatisch beschleunigten Medienwandels der heutigen Zeit, keine selbstverständliche Gemeinsamkeit mehr. Und wenn zwei derartige Qualitätsblätter eine Kooperation eingehen, ist das auch ein Signal gegen die in manchen neuen Medien anklingenden Abgesänge auf 200 Jahre deutsche Zeitungstradition, wie sie der Spiritus Rector des Rheinischen Merkur, Joseph Görres, zu Napoleons Zeiten in hervorragender Weise mitbegründet hat.

Ich weiß, dass beide Blätter oft auch konträre Positionen eingenommen haben. Doch ob es eine Marion Gräfin Dönhoff auf der einen oder ein Otto B. Roegele auf der anderen Seite war – der Rheinische Merkur und Die Zeit sind sich als maßgebliche deutsche Autorenblätter stets mit einem Grundstock an Respekt begegnet, man hat die jeweilige Tradition und die Beweggründe der anderen Seite geachtet. In diesem Geist gehen beide Häuser nun ihre Kooperation ein.

Das heißt aber eben auch: Die Unterschiede bleiben bestehen, und sie sollen bestehen bleiben. Der christliche Blick auf die Welt hat den Rheinischen Merkur seit seiner Neugründung im Jahr 1946 bestimmt. Redaktion und Leserschaft kennen die Vorgänge in der römisch-katholischen, aber auch der evangelischen Kirche, und sie haben auf diesem Gebiet eine einzigartige Urteilskraft. Die neue RM-Redaktion wird sich deshalb vor allem der Diskussion um die Entwicklung der großen Kirchen in unserer Gesellschaft widmen: Brauchen wir eine weitere Öffnung der Kirchen zur Welt hin – oder ist die mancherorts zu beobachtende Selbstprofanisierung des Glaubens zum Schaden für uns alle, Gläubige wie Zweifler?

Weil wir für solche Debatten ein Forum brauchen, und weil die christliche Traditionslinie der deutschen Publizistik nicht einfach verschwinden darf, deshalb muss es den Rheinischen Merkur und Christ und Welt weiterhin geben. Aus diesem Grund unterstütze ich die Kooperation der beiden Qualitätsblätter. Ich bin mir sicher, dass Sie in der Zeit künftig auch auf Meinungen und Standpunkte stoßen werden, die Ihnen nicht behagen oder die Sie nur teilweise unterstützen können. Bitte glauben Sie mir: Das geht mir als Chefredakteur manchmal genauso. Sie sollen aber wissen, dass es uns nicht darum geht, die Unterschiede zwischen beiden Blättern und Traditionen zu nivellieren: Auch in der Kooperation mit der Zeit wird und muss der Rheinische Merkur von seiner inneren Unabhängigkeit und geistig-gedanklichen Eigenständigkeit leben.

Ich kann Ihnen daher eine Vielfalt an Inhalten und Meinungen in Aussicht stellen, die die Lektüre – und Ihr Abonnement – immer wieder zu einem Gewinn machen werden. Qualität und Wahrhaftigkeit werden „Christ und Welt/Rheinischer Merkur“ auch in der neuen Form auszeichnen, so wie Die Zeit ihrem Anspruch ebenfalls treu geblieben ist. Sie hat zwar ihr Aussehen aufgefrischt und neue Ressorts eingeführt, sich dabei aber allen Moden und Mätzchen verweigert. Nach wie vor orientieren wir uns an dem Credo für Qualitätsjournalismus, das Marion Gräfin Dönhoff einst formuliert hat: Wir wollen unseren Lesern die Mittel an die Hand geben, die sie brauchen, um sich eine eigene Meinung zu bilden (…)

Mit ihrer Entscheidung vom 20. September hat die Deutsche Bischofskonferenz den Rheinischen Merkur in eine neue Zeit entlassen. Das bedeutet auch: Der Rheinische Merkur gehört jetzt mehr denn je Ihnen, seinen Lesern. Er ist angewiesen auf Ihre Treue, Ihre Kritik und Ihre Empfehlung. Ob Sie nun seit Jahrzehnten zu den Lesern des Rheinischen Merkur zählen oder erst neu dazugekommen sind, ob Sie den RM im Abonnement lesen oder sich in den letzten Jahren vielleicht sogar von ihm abgewandt haben, ich bitte Sie alle: Geben Sie uns und „Christ und Welt/Rheinischer Merkur“ die Chance auf einen zweiten Anfang!"

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