„Einige haben mich mit Bellheim begrüßt“

Es war einer seiner raren öffentlichen Auftritte: Bei der Präsentation der Neuerungen, die das Handelsblatt zuletzt vollzogen oder für den Jahreswechsel geplant hat, saß auch Dieter von Holtzbrinck auf dem Podest des Konferenzraumes in der Frankfurter Zweigstelle des Wirtschaftsblatts. Der 69-Jährige begründete vor Fachjournalisten seine Entscheidung, Jahre nach dem Rückzug aus allen operativen Ämtern wieder als "Jungunternehmer" ins Verlagsgeschäft eingestiegen zu sein. Ein denkwürdiger Auftritt.

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Es war einer seiner raren öffentlichen Auftritte: Bei der Präsentation der Neuerungen, die das Handelsblatt zuletzt vollzogen oder für den Jahreswechsel geplant hat, saß auch Dieter von Holtzbrinck auf dem Podest des Konferenzraumes in der Frankfurter Zweigstelle des Wirtschaftsblatts. Der 69-Jährige begründete vor Fachjournalisten seine Entscheidung, Jahre nach dem Rückzug aus allen operativen Ämtern wieder als "Jungunternehmer" ins Verlagsgeschäft eingestiegen zu sein. Ein denkwürdiger Auftritt.
Der Mann, zu dessen großen Erfolgen der Aufbau der Handelsblatt-Gruppe wie die Sanierung des von vielen schon abgeschriebenen Hamburger Zeit-Verlags gehören, beschreibt zunächst die Umstände seines Comebacks als Verleger: "Der Gesellschafterwechsel kam auch für mich überraschend. Ich war immer überzeugt davon, dass die Nachfolge in einem Unternehmen rechtzeitig geregelt werden muss, und ich hatte mir fest vorgenommen, mit 60 aus der Geschäftsführung auszuscheiden und spätestens mit 65 auch den Aufsichtsrat zu verlassen."
Dass er mit diesem Prinzip gebrochen hat, erklärt er so: "Vor knapp zwei Jahren kam mein Bruder auf mich zu und sagte, dass er Teile des Zeitungs-Portfolios verkaufen will." Ihn selbst muss das tief getroffen haben. Dieter von Holtzbrinck formuliert es anders, er sagt "Für mich war das ein gewisser Schock", und man kann die interfamiliäre Dynamik und konträre Bewertung der unternehmerischen Zukunft an dieser Stelle nur ahnen, die schließlich zur Aufspaltung des Unternehmens führte.
Nie würde er öffentlich ein Wort der Kritik über Stefan von Holtzbrinck äußern, aber er verschweigt auch die Unterschiede zu dem eine Generation jüngeren Bruder nicht: "Er wollte auch in der Krise seine Strategie und seine Ziele unverändert weiter verfolgen." Und diese Ziele lägen für Stefan von Holtzbrinck mehr im Bereich der Wissenschaft und Forschung sowie den Internet-Beteiligungen: "Ich war dagegen, die Handelsblatt-Gruppe an Dritte zu veräußern." Über die Einigung sagt er lediglich: "Die Familie hält zusammen, und wir haben uns auf ein Tauschgeschäft geeinigt."
So fiel dem Aussteiger auf Zeit die Düsseldorfer Wirtschaftsgruppe, die operative Führung und ein 50-Prozent-Anteil an der Zeit sowie am Berliner Tagesspiegel zu. Eine Risiko-Entscheidung für einen, der über hohe jährliche Garantiezahlungen aus dem Verlagsgeschäft eigentlich in der Krise abgesichert und fein raus war. "Börsianer hätten mir von dem Deal abgeraten", sagt Dieter von Holtzbrinck, "selbst Freunde haben mir gesagt, dass ich mir das unsichere Geschäft nicht antun soll."
Doch vier Jahrzehnte Verlagserfahrung haben ihre eigenen Maßstäbe geschaffen und eine Urteilskraft, die unabhängig von Medienmoden ist. "Meiner Meinung nach", sagt der 69-Jährige fast bescheiden, "gibt es ein großes Missverständnis im Markt." Klassische Medienhäuser seien bei den Analysten "eher unterbewertet". Dass ihn nach seiner Entscheidung "einige mit Herr Bellheim begrüßten", irritierte ihn nicht: "Ich glaube, es geht nicht um Print gegen Digital, sondern um die Frage, ob es im Markt einen Bedarf an Qualitätsjournalismus gibt, unabhängig vom Kanal, über den dieser vertrieben wird." Dieter von Holtzbrinck beantwortet diese Frage nicht, für ihn ist sie rhetorisch.
Mit Krisen, sagt der Verleger, werde man "mit der Zeit fertig, wenn man sich mit Augenmaß dagegenstemmt und nicht zu viele Fehler macht". Seine Bilanz nach gut zwölf Monaten der Sanierung ist ordentlich, er spricht von "einem guten Break-Even" im laufenden Jahr und einer Rückkehr in die Gewinnzone 2011. Möglich wurde dies durch eine Kostensenkung, der im Verwaltungs- und Vermarktungsapparat eine deutlich dreistellige Zahl von Stellen zum Opfer fiel. In der Handelsblatt-Redaktion, deren Chefredakteur er austauschte, wurden keine Stellen gekürzt, sondern hier und da sogar die eine oder andere neu geschaffen.
Die Zukunftsvision des Alt-Verlegers hat viel mit Qualität zu tun, mit dem Wunsch, den "Milliarden von wertlosen Informationen im Internet" etwas Nachhaltiges entgegen zu setzen. Das erfordert hohen Aufwand, und das kostet. Da spart dann auch der Schwabe nicht, der sonst mit Blick auf die Branche stets eine "Wirtschaft der Vernunft" anmahnt. Und der ohne Arroganz, sondern dem Gewicht der Autorität seines Lebenswerks auch Wettbewerber kritisiert, wie an diesem Tag Gruner + Jahr für die Entscheidung, allen Wirtschaftstiteln eine Zentralredaktion zu verordnen: "Ich habe das immer für falsch gehalten. Die Titel verlieren so auf Dauer ihre Identität."
Ob seine Erwartung und Hoffnung in Erfüllung geht, über Tablet-Computer und neue digitale Vertriebswege dauerhaft lukrative Geschäftsmodelle jenseits des Zeitungs-Business zu finden, ist offen. Dieter von Holtzbrinck jedenfalls glaubt daran, genau so wie an seinen neuen Chefredakteur Gabor Steingart. Den ehemaligen Spiegel-Mann wie seine Geschäftsführer will er behutsam führen: "Ich sehe mich als Sparringspartner, halte ihnen den Rücken frei und ermuntere sie auch, Risikos einzugehen." Es ist der Runde anzumerken, dass die Chemie in Düsseldorf derzeit stimmt, und auch das abschließende Statement des Verlegers überrascht am Ende im Publikum niemanden: "Ich bin sehr glücklich, dass ich wieder eingestiegen bin."

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