dapd: Die Lehren aus der ARD-Kritik

ARD-Journalisten greifen die Verlässlichkeit des dapd an: Mehrere Nachrichtenchefs riefen zu "größtmöglicher Wachsamkeit bei der Verwendung von dapd-Meldungen" auf. Diese Mahnung schießt jedoch deutlich über das Ziel hinaus. Die ARD kaschiert damit nur eigene Mängel. Die Warnung stößt zudem andernorts auf wenig Zustimmung. Bloß: Wie sollen Journalisten mit Agenturmaterial umgehen? Antworten im MEEDIA-Tickerblog.

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Viel schlimmer hätte es für Cord Dreyer, den Multifunktions-Chef der aus ddp und AP-Deutschland hervorgegangenen neuen Nachrichtenagentur dapd, nicht kommen können. Kunden, die für die Verwendung der Inhalte seiner Redaktion zur Vorsicht aufrufen, wie es nach einem Bericht von DWDL nun mehrere Nachrichtenchefs der ARD getan haben, ist ein klares Misstrauensvotum gegen den Markenkern einer Nachrichtenagentur: ihre Verlässlichkeit.
Natürlich hat der dapd zuletzt tief daneben gegriffen als er exklusiv und in ein "Thema des Tages" gekleidet die Standortflucht des bisher deutschen Schraubenimperiums Würth in die Schweiz vermeldete, sich dies nach wenigen Stunden aber als kompletter Fehler herausstellte. Aber hat nach der "Bluewater"-Affäre des Platzhirschen dpa auch nur ein Chefredakteur bei Zeitungen oder Sendern seine Leute systematisch dazu aufgerufen, den Inhalten der dpa grundsätzlich zu misstrauen?
Und auch wenn Dreyers Krisenmanagement im Fall "Würth" schlichtweg erbärmlich war, weil er – anders als sein Konkurrent Wolfgang Büchner in der Causa "Bluewater" – seine Kunden nicht offensiv über die Fehlerkette im eigenen Haus informierte und so auf einen notwendigen Akt der Vertrauensbildung verzichtete, arbeitet Dreyer offensichtlich daran, die internen Probleme zu beheben. Ein Mangel an Selbstkritik kann ihm inzwischen jedenfalls niemand mehr vorwerfen.
Hinzu kommt, dass zwar an der Spitze des dapd bisweilen knallharte Investoren stehen. An den Schreibtischen in der Berliner dapd-Zentrale aber sitzen noch immer vielfach ordentlich ausgebildete Journalisten. Es darf deshalb sehr wohl angenommen werden, dass die Fehlerquote im dapd-Material auch künftig nicht exorbitant steigt, zumal auch die jungen neuen Kräfte des dapd, auf die Dreyer verstärkt setzen musste und die teils noch an das Agentur-Geschäft herangeführt werden müssen, rasch dazulernen dürften. Auch Agenturjournalismus ist schließlich kein Hexenwerk.
Das Mailing, das unter anderem im Hessischen Rundfunk (HR) verbreitet wurde, lenkt vielmehr von den eigenen strukturellen Fehlern einiger ARD-Angebote ab. So lässt sich leicht beobachten, wie insbesondere Hörfunkjournalisten das Material der Agenturen nicht nur als Rohstoff für eigene Recherchen übernehmen, sondern es häufig eins zu eins wiedergeben. Im Programm tarnen sie diese Berichte vielfach sogar als eigene Stücke, Schalten zu lediglich verlesenden Reportern inklusive. Für diese ernüchternde Erkenntnis sei allein der Abgleich der Ticker-Meldungen mit den aktuellen Sendungen auf SWR1 empfohlen.
Kunden von Agenturen dürfen freilich prinzipiell davon ausgehen, dass ihnen von dapd & Co. glaubwürdige Berichte zugestellt werden. Blindes Vertrauen aber ist auch hier nicht angebracht. Dass bei dieser Art, Journalismus zu betreiben, ein Fall "Würth" in der Wahrnehmung der Zuschauer auf die Sender zurückfällt und nicht auf die Agenturen, ist bei dieser Vorgehensweise immerhin vorprogrammiert.
Nach "Würth" hielt Dreyer seinen Leuten vor, dass es "ganz und gar unwahrscheinlich ist, dass die Verlegung des Konzernsitzes eines ‚prominenten‘ Unternehmens in die Schweiz auf diesem Weg – ohne eigene Mitteilung des Unternehmens (man denke an die Folgen für die Mitarbeiter) – bekannt wird". So anstrengend das unter gewissen Umständen wie Zeit- und Konkurrenzdruck auch sein mag: Vor einem solchen Plausibilitäts-Check darf sich auch ein Redakteur auf Kundenseite nicht drücken, will er im besten Sinne ein Dienstleister für seine eigenen Kunden sein, seine Leser, Hörer, Zuschauer. Hinter dem Verzicht darauf kann nur mangelnder Sachverstand oder aber – noch viel schlimmer – Bequemlichkeit stehen.
Diese Anforderung gilt insbesondere für Medienhäuser mit Milliarden im Hintergrund, die mit üppig besetzten Fachredaktionen operieren. Wie die ARD-Anstalten. Wenn sich – wie jetzt per Mailing geschehen – Nachrichtenchefs der ARD darüber erstaunt zeigen, dass der dapd im Dienst zunächst gemeldet habe, Marcel Reich-Ranicki sei über den Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa "tief enttäuscht", nach 40 Minuten allerdings nachschob, Reich-Ranicki habe ihn "als sehr erfreulich gelobt", dann haben sie zweifelsohne Recht. Vor allem, weil der dapd hier nicht formell korrigierte, sondern die Einordnung in einer Zusammenfassung kommentarlos platzierte – was leider gängige Praxis bei vielen Agenturen ist, die so Berichtigungen kaschieren wollen.
Die Entrüstung darüber legt allerdings auch offen zutage, dass das Kulturressort eines Senders keine Ahnung davon hat, wo die Stärken des dapd liegen: nicht in der Kulturberichterstattung. Das ist vielmehr sein bisher schwächstes Angebot und sollte daher auch tunlichst nicht für bare Münze genommen werden. Auch das Wissen über die Stärken und Schwächen seiner Zulieferer sollte folglich zum Handwerkszeug eines Redakteurs bei Zeitungen, Sendern und Online-Diensten zählen. Hier würde eine regelmäßige gezielte Auswertung und Kritik des Materials in den Kundenredaktionen der Agenturen womöglich Wunder bewirken.
Von "der ARD" kann zumindest bei dem besagten Mailing keine Rede sein. Wie MEEDIA erfahren hat, war dieses Rundschreiben unter anderem nicht mit ARD-aktuell abgestimmt. Redakteure von "Tagesschau", "Tagesthemen" und "tagesschau.de" wurden jedenfalls nicht vor dapd-Material gewarnt. Aus der Chefredaktion ist zudem zu hören, sie sei von dem Vorgang selbst überrascht und sehe für die Kritik auch keinen Anlass. Selbst ARD-Chefredakteur Thomas Baumann hat sich für dieses äußerst knappe Rundschreiben einiger Landessender nicht verwendet.
Auch anderorts bleibt die Zustimmung für den Warnschuss aus. So sagte Elmar Theveßen, der als stellvertretender Chefredakteur im ZDF die Hauptredaktion "Aktuelles" leitet, zu MEEDIA, die Schelte an den Diensten des dapd sei in seinen Redaktionen "bisher kein Thema". Er verwies vielmehr darauf, dass "jede Agentur mit professionellem Sachverstand" geprüft werde, bevor sie auf den Sender gehe.
Dazu passt, dass ohnehin keine Agentur frei von Fehlern ist – wie das hervorragende Korrektur-Blog "Good, Bad and Ugly" von Reuters zeigt, dem hiesige Dienste wenigstens mit einer geschützten Version für ihre Kunden durchaus nacheifern könnten. Deutsche AFP-Kunden wiederum rümpften noch vor einigen Monaten die Nase, weil sich eine Zeit lang just nach Eilmeldungen Korrekturen häuften. Das waren Fehler, die insbesondere in der Nacht beim Übertragen aus dem internationalen Angebot entstanden. Auch hier wurde rasch nachjustiert, mit Erfolg. Diese Lernfähigkeit darf – bei aller Schadenfreude für die "Würth"-Panne – auch dem dapd zugetraut werden.
Bei Spiegel Online, das einst im eigenen Angebot zu viele Korrekturen unterbringen musste, haben sie ob der Fehler ihrer News-Dienstleister längst klare Spielregeln eingeführt. Rüdiger Ditz, von MEEDIA auf das ARD-Papier angesprochen, sagte dazu: "Wir fühlen uns immer wohler, wenn wir unsere Berichterstattung auf mehrere Quellen stützen können. Das gilt auch für Agenturen."
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