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Steingarts Spitzen gegen Gruners FTD

Aufbruchstimmung beim Handelsblatt: Am Mittwoch präsentierte Chefredakteur Gabor Steingart in Anwesenheit von Verleger Dieter von Holtzbrinck den Maßnahmenkatalog, der die Düsseldorfer Unternehmenssparte nachhaltig aus der Krise führen soll. Kernpunkt: Für die neue Produktgruppe mobiler Endgeräte und Tablets soll ein innovatives Sortiment an Bezahldiensten geschaffen werden. Dabei wurde auch erstaunlich offen Kritik am G+J-Wettbewerber Financial Times Deutschland geübt.

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Das begann schon damit, dass Dieter von Holtzbrinck in seinen einleitenden Worten sein Comeback als Verleger auch damit begründete, dass er einen Verkauf des Handelsblattes an das Hamburger Medienhaus Gruner + Jahr habe verhindern wollen. "Die waren damals interessiert", sagte der 69-Jährige, und meinte dazu: "Ich habe es immer für falsch gehalten, mehrere verschiedene Titel von einer zentralen Redaktion erstellen zu lassen." Genau nach diesem Prinzip wird inzwischen bei den G+J-Titeln FTD, Börse Online und Capital verfahren. Dieter von Holtzbrinck: "Unter diesen Umständen verlieren Titel auf Dauer ihre Identität."
Bei G+J habe man, so der Verleger, zunächst alles zusammengepfercht und versuche seinem Eindruck nach dies nun unterhalb der Chefredaktion wieder "krampfhaft" zu separieren: "Ich glaube nicht, dass das ein erfolgreiches Konzept ist."
Auch Handelsblatt-Chefredakteur Gabor Steingart fand deutliche Worte. Der 47-Jährige, der die Wirtschaftszeitung seit dem Frühjahr führt, erklärte, dass es "unter rein wirtschaftlichen Aspekten betrachtet", auf dem deutschen Markt letztlich keine zwei Wirtschaftszeitungen gebe. Dass die Financial Times Deutschland überhaupt noch existiere, sei Folge eines "konzerninternen Planwirtschaftsverfahrens" bei Gruner + Jahr: "Die FTD hat vom Start weg nur rote Zahlen geschrieben, und nach zehn Jahren kann wohl keiner mehr davon sprechen, dass man sich noch in der Seed-Phase befindet."
Verleger Dieter von Holtzbrinck merkte darüber hinaus an, dass eines der Probleme der FTD sei, dass dort nur noch "wenig Financial Times drin ist", da die englische Pearson-Group als Gesellschafter ausgestiegen ist und der Lizenzvertrag bald auslaufe. Ob es zu einer Verlängerung komme, sei unklar.
Klare Ansagen an Gruners Wirtschaftsmedien, die sich mit Blick auf die Düsseldorfer Aktivitäten wohl auf einen ungemütlichen Winter einstellen müssen. Steingart und sein Team haben während der vergangenen Monate eine ganze Reiche von Ideen zur Konzeptreife gebracht. Während sowohl der Chefredakteur als auch Geschäftsführer Tobias Schulz-Isenbeck mit der wirtschaftlichen Entwicklung und den seit eineinhalb Jahren am Printprodukt vorgenommenen Änderungen zufrieden sind, konzentriert sich das Interesse nun auf das Digitalgeschäft.
Steingart kündigte im Rahmen der Präsentation in der Frankfurter Handelsblatt-Repräsentanz einen Relaunch der Website für Dezember an. Die neue Homepage soll in der Optik opulenter werden, mehr Tiefgang bieten und auch verstärkt Bewegtbild-Angebote liefern. Ein neues Element sind auch News-Videos, in denen dreimal am Tag Wirtschaftsnachrichten in 99 Sekunden im Schnelldurchlauf präsentiert werden. Hierfür hat der Verlag mit Aline von Drateln eine TV-erfahrene Moderatorin verpflichtet. Alle neuen Projekte werden nach Steingarts Vorgabe der 24/7-Befeuerung konzipiert. Interessant ist dabei neben einer komplett überarbeiteten iPad-App, die Anfang kommenden Jahres verfügbar sein soll, auch ein Nachrichtenaggregator. Dieser erlaubt eine individuelle Zusammenstellung von Themen und Ressorts und soll mithilfe eines General-Sponsors zunächst gratis erhältlich sein und später eine ganze Reihe von Bezahldiensten etablieren.
Verleger und Chefredakteur betonten, dass sie das Produkt-Portfolio ausbauen und zu einer Markenfamilie machen wollen. Vorbild ist hier die erfolgreiche Strategie des Hamburger Zeit-Verlags. Steingart sprach dabei von einer "Info-Kaskade", deren Leitwährung der Leser sei.
Im laufenden Jahr ist das Handelsblatt nach Angaben des Verlegers auf dem Weg zu einem "guten Break-Even". 2011 soll die Gruppe dann wieder Gewinne einfahren. Auch für Steingart steht bei allem journalistischen Ehrgeiz das Thema Profitabilität ganz oben: "Für die Redaktion ist es eine Frage der Ehre, gegenüber dem Verleger nicht dauerhaft Verluste abzuliefern." Ob er auch das mit Blick auf den Hamburger Rivalen meinte, sagte er nicht.  

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