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„Man kann nie sagen, wir haben es geschafft“

Ob Web, Print oder Mobil: Der Guardian gilt als einer der modernsten und innovativsten Inhalte-Produzenten. Chefredakteur Alan Rusbridger fordert ein radikales journalistisches Umdenken. "Nicht Print oder Online ist wichtig, sondern die Geschichte, auf welcher Plattform auch immer sie gelesen wird". Im MEEDIA-Interview spricht er sich gegen "Massennews" aus, mit denen Google-News immer stärker überschwemmt wird. Stattdessen setzt der Chefredakteur auf Meinung und innovative Erzählweisen.

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Sie haben einmal gesagt, Sie sind jemand, der eine Leidenschaft für gedruckte Zeitungen besitzt. Würden Sie sehr traurig sein, wenn das letzte gedruckte Exemplar des Guardian erscheint?
Ja, ich liebe Zeitungen. Ich bin mit ihnen aufgewachsen. Sie sind wundervoll, erfüllen viele Funktionen, die das Web nicht nachahmen kann. Aber ich kann es selbst ja nicht ändern, deswegen verschwende ich keine Zeit mit diesen Gedanken. Es gibt eine junge Zielgruppe, die mit neuen Medien groß geworden ist und Journalismus auf andere Art und Weise konsumieren wird. Klar, werde ich traurig sein, wenn es die Zeitung nicht mehr gibt. Wir sollten uns aber lieber darauf konzentrieren, wie es mit dem Journalismus weitergeht. Sollten uns mit den Werten des Journalismus auseinandersetzten, als uns immer wieder den Kopf zu zerbrechen, auf welcher Plattform dieser erscheint.
Wie viele Jahre wird es denn noch dauern, zehn oder zwanzig, bis die gedruckte Zeitung verschwindet?
Ich habe keine Ahnung. Wir haben vor sechs oder sieben Jahren ein paar neue Druckerpressen gekauft und damals hatte ich schon das Gefühl, dass dies unsere letzten sein werden. Aber Druckerpressen sind ja auch sehr langlebig. Man kann diese zwanzig, dreißig Jahre in Betrieb halten. Ich glaube, dass der Tod der gedruckten Zeitung früher eintreten wird. Aber wie schon gesagt, ich sitze nicht herum und zerbreche mir den Kopf darüber.

Was waren die größten Veränderungen, die Sie in den letzten Jahren beim Guardian vorgenommen haben?
Es gab zwei große Revolutionen. Die eine war natürlich das Web selbst. Die zweite war die Geburt der sozialen Medien. Viele Zeitungen dachten zu diesem Zeitpunkt, sie hätten den Sprung ins digitale Zeitalter geschafft. Sie dachten, so etwas wie Facebook hat nichts mit ihnen zu tun. Aber nein, wir alle mussten noch einmal neu lernen, wie man Journalismus im Web 2.0 gestaltet. Und jetzt sagen darüber auch schon viele, dass sei Schnee von gestern, wir müssen uns über Journalismus auf mobilen Plattformen Gedanken machen. Also man kann nie wirklich sagen, wir hätten es geschafft.  

Wo setzen Sie denn gerade Ihre Prioritäten? In die Entwicklung von mobilen Inhalten oder den Ausbau der Internetredaktion?
Mobile Inhalte, das finde ich gerade sehr wichtig. Aber die Gefahr besteht, dass man sich in dieser kleinen Blase verfängt, in der man denkt, Zeitungen seien ja so außergewöhnlich. Wenn man mit Leuten von Google spricht, ich habe öfters Eric Schmidt getroffen und der sagte mir, der Guardian muss mobil werden. Ich glaube, Zeitungsmacher sollten diese Stimmen ernst nehmen. Und das heißt: Investieren in iPads, iPhones, Android Phones, Blackberries, Samsung. All diese mobilen Endgeräte werden die Märkte in den nächsten Jahren mehr und mehr erobern. Sind wir darauf vorbereitet? Wissen wir, wie unser Journalismus darauf aussehen wird? Geht es dabei nur um das Design und die Technologie und oder erfordert das auch einen anderen Journalismus? Das sind die dringlichsten Fragen, die wir uns stellen müssen.

Also investieren Sie gerade viel in Apps oder grübeln Sie noch, wie man die Printjournalisten mit den Onlinejournalisten zusammenbringt und eine Kultur der Zusammenarbeit entwickelt?
Man kann natürlich jetzt auch nicht plötzlich damit aufhören, eine gedruckte Zeitung zu produzieren, das wäre verrückt! Man kann jetzt auch nicht weniger in die Webseite investieren. Aber wenn man sich momentan nicht gleichzeitig wild darauf konzentriert, Apps zu entwickeln, dann läuft man Gefahr, seine Leserschaft zu verlieren. Und es gibt nur eine kleine Anzahl von Leuten, die wissen, wie man Apps produziert, wie wir gerade feststellen müssen. Und die lassen sich dafür auch gut bezahlen. Dazu kommt, dass viele Medienunternehmen jetzt wach werden und denken, dass Apps unsere Zukunft sein könnten.

Was müssen Sie bei diesen Hausforderungen gerade zwangsläufig vernachlässigen?
Wir haben gelernt, dass nicht jeder Journalist jede Story schreiben muss. Wenn ein Flugzeug in Amsterdam abstürzt, dann war das eine Geschichte, zu der wir früher einmal einen Guardian-Journalisten hingeschickt hätten. Jetzt würden wir sagen: Lass das lieber jemand anderes machen! Der amerikanische Internetguru Jeff Jarvis sagt: "Tu, was du am besten kannst, und verlinke zu dem Rest." Und daran halten wir uns. Es geht weniger darum, ob man sich auf Print oder das Internet konzentriert. Es geht wirklich darum, herauszufinden, was wir als Guardian am besten können und dann zum Rest zu verlinken. Früher hätten wir Storys geschrieben mit denen wir uns heute nicht mehr beschäftigen würden, weil jemand anderes sie sowieso schreibt. Ein Link zu setzen und hinzuzufügen, dass man dem Geschriebenen zustimmt, dauert eine Minute. Indem man offen und kollaborativ ist, spart man eine Menge Zeit.

Wie viele Journalisten haben Sie denn nach Chile zur Rettung der Bergarbeiter geschickt?
In Chile hatten wir anderthalb Journalisten, einen Korrespondenten und einen Stringer, die für uns gearbeitet haben.
Warum haben Sie denn nicht zu der Berichterstattung verlinkt? Es gab doch nun wirklich Tausende von Journalisten aus aller Welt vor Ort, die darüber berichtet haben?
Es gibt einige Storys, die sind so groß und stoßen auf ein so großes Interesse, das man sie machen muss. Für uns war wichtig, wie wir an die Story rangehen. Wir haben die Story als Liveblog gemacht und haben uns damit komplett von den anderen unterschieden. Wir haben jede Minute live gebloggt und damit zwei Millionen Leser in drei Tagen gehabt. Auf unsere ganz spezielle Art haben wir damit eine große Leserschaft gewonnen. Also wenn es um die Frage geht, was wir als Guardian im Moment am besten können, dann ist es die Erfindung des Livebloggens als neue journalistische Form.

Auf was verzichten Sie sonst noch in ihrer Berichterstattung?
Das, was man heute mit dem fürchterlichen Wort Massennews bezeichnen würde. Diese Mainstream-News findet man heutzutage im Internet überall. Die meisten Leuten nutzen Google, um nach solchen Nachrichten zu suchen, und wenn man die hundertste Version einer Geschichte schreibt, die überall zu lesen ist, hat man wenig Mehrwert geschaffen, weder in journalistischer noch in monetärer Hinsicht. Wir machen also weniger von diesen üblichen Geschichten, die es überall zu lesen gibt. Wir widmen uns stattdessen mehr diesen Geschichten, in denen wir entweder unsere Meinung einbringen oder innovative Erzählweisen rund um die sozialen Medien anwenden können, um uns von den anderen abzuheben.

Was muss ein Journalist in der heutigen Zeit im Gegensatz zu früher für Qualifikationen mitbringen? Was muss er anders machen?

Auch hier gilt es, offen und kollaborativ zu sein. Journalisten müssen für  verschiedene Plattformen arbeiten können. Sie müssen herausfinden können, wer da draußen besser Bescheid weiß als sie selbst. Und es gibt immer welche, die besser Bescheid wissen und helfen können. All diese Fähigkeiten sollten genutzt werden. Es reicht nicht aus, nur ein traditioneller Reporter zu sein. Technologie und das wissen darüber spielt eine immer größere Rolle.

Hört sich an, als ob er mehr ein Netzwerker sein muss als ein guter Schreiber.
Ja, so könnte man das auch bezeichnen. Der Journalist, der die Informationen von außen nutzen kann und als Teil eines Netzwerkes arbeitet, redigiert, schreibt, Kontakte und Informationen sammelt, ist für diesen Beruf gut gewappnet. Auch das Interview, das ich ja gerade mit Ihnen führe, ist sehr interessant. Sie nehmen das mit einem Aufnahmegerät auf, zusätzlich sind noch zwei Kameras aufgestellt. Ihr Kollege macht währenddessen Fotos. Vor zehn Jahren wäre dies undenkbar gewesen, man hätte Toningenieure, Beleuchtungstechniker engagieren müssen. Heute ist das alles einfacher. Das ist ja auch ein Beispiel dafür, wie reich der Journalismus heute geworden ist.

Wie weit geht Ihre Idee vom Crowdsourcen des Journalismus?
Ich denke, es gibt da keine Limits. Und es gibt viele positive Beispiele dafür, wie investigative Reporter Crowdsourcing für ihre Arbeit genutzt haben. Wir haben zum Beispiel die Idee gehabt, die 400.000 Dokumente, auf denen die Ausgaben der britischen Parlamentarier dokumentiert waren, offen zu legen. Kein Journalist kann 400.000 Papiere durchforsten. So haben wir unsere Leser gefragt, ob sie uns dabei helfen könnte, Relevantes von Unrelevantem auszusortieren. 23.000 Leser haben sich als freiwillige Helfer engagiert. Ein anderes Beispiel ist unsere gute Zusammenarbeit mit Wissenschafts- oder Umweltbloggern.

Wir schreiben nicht alles über diese Themen. Die Leute, die das da draußen machen, kennen sich damit viel besser aus. Wir müssen sie integrieren, mit ihnen zusammenarbeiten. Sie bekommen dafür eine große Leserschaft von über 30 Millionen Nutzern, wir können mehr und mehr Einnahmen mit ihnen teilen und für uns ist das auch großartig, denn wir profitieren von ihren Inhalten. Jeder gewinnt dabei.

 
Teilen sie jetzt schon Einnahmen mit den Bloggern oder ist das nur eine Zukunftsvision?
Nein, wir machen das jetzt schon. Es passiert gerade etwas sehr Interessantes. Einige Journalisten verlassen gerade die Mainstreammedien. Sie sind redundant geworden oder gehen von selbst und starten einen Blog. Die besten von ihnen können gerade mal davon leben. Sie haben wenig Traffic. Und ich glaube, wenn Medienorganisationen mehr und mehr mit ihnen zusammenarbeiten und ihnen mehr Traffic bieten und sie an ein Werbenetzwerk anschließen, dann können sich da Summen anhäufen, von denen diese Menschen leben können. Wir müssen mehr über diese positiven Entwicklungen reden, denn wenn Journalisten nur umherlaufen und von Untergang reden, warum sollte sich dann die Werbeindustrie noch für unsere Arbeit interessieren?

Doch was macht dann die Identität ihrer Zeitung überhaupt noch aus, wenn Ihre Zeitung mehr und mehr aus einer Kollaboration von Bloggern besteht?
Der Guardian ist eine fantastische Marke – ich hasse dieses Wort „Marke“ – aber es ist nun mal eine Marke mit einer großen Leserschaft weltweit. Der Guardian steht für verschiedene Werte, einen eigenen Stil. Es steht für etwas. Das wird auch nicht dadurch verwässert, dass wir beispielsweise sechs Blogger ausfindig gemacht haben, die nun Teil unseres Netzwerkes geworden sind. Man braucht immer eine visuelle Abgrenzung, die dem Leser verdeutlicht, wann es sich um Inhalte von Bloggern und wann es unsere eigenen journalistischen Inhalte handelt, sodass die Leser nicht irritiert sind. Aber es ist eine überholte Vorstellung, dass man damit den Guardian schwächt.

Sie sagen, der Guardian steht für etwas, was ist es denn?
Wir sind eine sehr ernstzunehmende, liberale Medienorganisation mit ethischen Standards und Werten. Wir haben eine 190 Jahre alte Tradition im Engagement für politische Belange und spezieller Berichterstattung darüber. Das ist doch fantastisch. Und das verwässert nicht, sondern wächst. Das erreicht heute eine Leserschaft, von der der Guardian vor 20 Jahren nur hätte träumen können.

Wie viele Journalisten, die sie heute noch beschäftigen, werden bald zu Bloggern, mit denen sie nur noch kooperieren? Sie sagten, sie müssten kurzfristig ihr Personal reduzieren.
Ich glaube, alle Medienorganisationen verkleinern sich, sogar die BBC als meist gesichertes Unternehmen. Wir gehen damit realistisch um und die Journalisten wissen das. Wenn man sich öffnet, muss man auch weniger selbst produzieren. Wenn wir die geeigneten Modelle zur Verteilung unserer Einnahmen finden, dann sind wir auf dem richtigen Weg.   

Das von Ihnen immer wieder genannte Beispiel für Leserkooperation sind die Veröffentlichung der Dokumente mit den exorbitanten Ausgaben britischer Parlamentarier. Inwieweit war das eine gelungene Marketingaktion und in welchem Ausmaß hat Ihnen diese Leserkooperation wirklich neue Erkenntnisse gebracht?
Das war nun wirklich ein sehr einfaches Vorgehen. Keine Medienorganisation, die ich kenne, hätte sich durch 400.000 Dokumente durcharbeiten können. Wir haben einfach nur ein kleines Tool ins Leben gerufen und den Lesern die Dokumente zur Verfügung gestellt und sie um ihre Meinung gebeten. Es waren wirklich 23.000 Leser, die uns dabei geholfen haben, das Relevante auszusortieren, so dass nur noch wenige Hundert Dokumente übrig blieben. Damit haben wir noch nicht einmal die Weisheit der Massen genutzt, sondern lediglich die Arbeitkraft der Massen.

Ein anderes Beispiel für die Kooperation mit unseren Leser war der Tod eines Demonstranten beim G20 Protest, wo wir unsere Leser aufgefordert haben mitzuwirken und sie gefragt haben ob sie journalistische Beweise für den brutalen Polizeieinsatz auf ihren Handykameras oder Fotoapparaten haben. Ein weiteres Beispiel sind Berichte zum Thema Steuern. Wir schreiben darüber, sind aber keine Experten auf diesem Gebiet. Dann fragen wir einfach unsere Leser: „Hier ist ein Dokument, das wir nicht verstehen, können Sie uns dabei helfen?“ Das ist ein Beispiel, wo wir wirklich auf die Weisheit der Massen gesetzt haben.

Steht diese Haltung nicht auch ein wenig im Widerspruch mit den traditionellen Werten des Guardians – seiner Geschichte, seiner journalistischen Kompetenz – wenn Sie als Bittsteller beim Leser journalistisches Know-How nachfragen?
Nein, das war immer so. Wenn man auf das 19. Jahrhundert zurückschaut, gab es einen Mangel an Wissen. Da konnte man als Journalist leicht behaupten, dass man über alles am besten Bescheid weiß. Aber weiß ein Gerichtsreporter mehr als ein Richter? Oder ein Medizinjournalist mehr über Herzchirurgie als ein Chirurg? Ein Buch, das im Jahre 2000 veröffentlicht wurde, heißt "Sie wissen mehr als wir“. Das war ein neues Mantra für den Journalismus. Wenn man dieses Wissen für den Journalismus verwerten kann, warum muss man sich dann bezüglich der Autorität unter Druck setzen?

Sie wirken sehr entspannt, was die Zukunft des Guardian anbetrifft, obwohl sie rote Zahlen schreiben. Hängt das damit zusammen, dass der Guardian von einer Stiftung finanziert wird?
Das Stiftungsmodell räumt uns ein wenig mehr Zeit ein und nimmt uns den Druck. Es ist viel Geld vorhanden und mein Job ist es natürlich, dieses Geld nicht all zu schnell zu verbrennen. Es gibt uns den Komfort, journalistisch zu denken. Ich glaube, je verzweifelter man ist, sofort Geld verdienen zu müssen, desto größer ist die Gefahr, dass man journalistisch die falschen Entscheidungen trifft. Man kann sich in der heutigen Zeit nicht von diesen Entwicklungen abschneiden. Das würde einen von der Leserschaft und all den Informationsquellen abschneiden.

Also was ist besser, jetzt schnell ein wenig Geld zu verdienen und dafür aber die Leser zu verlieren oder sich einzugestehen, dass man noch nicht das Geschäftsmodell gefunden hat, aber dafür das schlagende Herz einer neuen Entwicklungen geworden ist? Für uns ist die Antwort klar. Aber das gilt natürlich nur für den Guardian. Ich will niemand anderen belehren, was generell das Beste sei.

Was ist Ihre Vision für den Guardian?
Ich möchte, dass der Guardian auch in Zukunft in seiner Tradition als liberales Blatt mit internationaler Ausrichtung verstanden wird. Mit allen ethischen Standards, für die wir immer standen. Ich würde mir wünschen, dass die Bürger das Gefühl haben, dass auch sie zu unserem Journalismus beitragen können, dass sie Communitys um unsere journalistischen Inhalte herum bilden, dass sie in der Lage sind, etwas zu sein. Sie sind eine wichtige Informationsquelle. Ich würde mir wünschen, dass der Guardian und seine Leser gemeinsam etwas darstellen, was weder die BBC, noch die New York Times, noch Wikipedia ist, sondern eine neue Medienorganisation von großem Wert sein könnte.

Hat Rusbridger recht? Diskutieren Sie mit bei Facebook.com/meedia.de

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