Sat.1-Gericht: Im Namen des Schwachsinns

Gerichtsshows sind eine feste Größe im deutschen Privatfernsehen. „Richterin Barbara Salesch“ sendet mittlerweile im zehnten Jahr und holt immer noch gute Quoten - im Schnitt um die zwei Millionen Zuschauer pro Folge. Die TV-Fälle haben mit echter Gerichtsarbeit aber rein gar nichts zu tun. Laiendarsteller führen vor Gerichtskulisse eine nicht enden wollende Parade aus Mördern, Vergewaltigern, Prostituierten und Porno-Darstellern auf. Im Namen des Schwachsinns.

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Gerichtsshows sind eine feste Größe im deutschen Privatfernsehen. „Richterin Barbara Salesch“ sendet mittlerweile im zehnten Jahr und holt immer noch gute Quoten – im Schnitt um die zwei Millionen Zuschauer pro Folge. Die TV-Fälle haben mit echter Gerichtsarbeit aber rein gar nichts zu tun. Laiendarsteller führen vor Gerichtskulisse eine nicht enden wollende Parade aus Mördern, Vergewaltigern, Prostituierten und Porno-Darstellern auf. Im Namen des Schwachsinns.

Die Kolumne TV-Tagebuch in der geschätzten Ösi-Zeitung „Der Standard“ war Anlass, mal wieder eine Folge der deutschen Mutter der modernen Gerichtsshows anzuschauen: „Richterin Barbara Salesch“ (Die echte Ur-Gerichtsshow ist, glaube ich, „Das königlich bayerische Amtsgericht“). Im „Standard“ schilderte Autorin Doris Priesching eine ganz normale Handlung einer ganz normalen „Barbara Salesch“-Folge an einem deutschen TV-Nachmittag. Darin wird eine Tina erhängt im Bad gefunden. Im Verdacht: Ihr Liebhaber Rolf, der die Affäre vielleicht vor seiner Frau vertuschen wollte. Nach eine knappen Stunde Gebrülle im Gerichtssaal ist auch dieser Fall gelöst: Rolf hat zwar nicht Tina umgebracht aber ein Kind, das ihn beim Versenken von Giftmüll im Baggersee gesehen hat. Tina hat sich selbst umgebracht. Na bitte.

Hier ein kleiner Streifzug durch die Inhaltsangaben der „Barbara Salesch“ Fälle der vergangenen Tage:

– Hat die verwöhnte Arztfrau Esther ihren betrunkenen Liebhaber in seiner Achterbahn nach oben gefahren, woraufhin er 15 Meter in die Tiefe stürzte?

-Der Ex-Pornodarsteller Jonas "Cowboy" Beck findet auf dem Land nicht nur Ruhe, sondern auch handfeste Probleme, denn eines Tages steht ein vergifteter Kuchen vor seinem Haus.

– Der Außenseiter und als Exhibitionist bekannte Heiner wird beschuldigt, Janine vergewaltigt zu haben.

-Warum behauptet die 37-jährige Helen, ihren Lebensgefährten Robert mit Benzin übergossen und bei lebendigem Leib verbrannt zu haben?

– Die Enthüllung, dass Schweinebauer Herberts Frau Britney-Denise noch kurz vor der Hochzeit ein Mann war, sorgt im Dorf für einen handfesten Skandal.

– Ein winziger Schluck von einem Trinkjoghurt aus dem Supermarktregal war genug, um Mund und Rachen der Auszubildenden Stefanie zu verätzen.

Man würde nun gerne wissen, in welchem öffentlichen Verkehrsmittel oder Einkaufszentrum man auf solche Ideen gebracht wird, um diese dann großräumig zu meiden. Mit einer wie auch immer gearteten Realität in deutschen Gerichten hat „Richterin Barbara Salesch“ seit Oktober 2000 nichts mehr zu tun. Seitdem führen Laien nach Drehbuch haarsträubende Fälle vor Gerichtskulisse auf. Früher hieß die Sendung „Schiedsgericht Barbara Salesch“ und es wurden echte Vergleichsverhandlungen mit echten Prozessbeteiligten gefilmt. Höhepunkt war der Fall Regina Zindler gegen Gerd Trommer. Frau Zindler beklagte sich, dass der Knallerbsenstrauß des Nachbarn Trommer in ihren nagelneuen Maschendrahtzaun hineinwächst. Stefan Raab machte aus dem bizarren Fall den Hit „Maschendrahtzaun“, der in Deutschland auf Platz 1 der Charts kletterte und eine Medien-Hysterie um die Hausfrau Regina Zindler auslöste. Die zivilrechtlichen Fälle boten aber insgesamt zu wenig Zündstoff für eine gute Quote und so entschloss sich die Produktionsfirma Filmpool, das Konzept der Sendung komplett umzukrempeln.

Und so kann ein typischer, laut Redaktion „nachvollziehbarer“ Barbara-Salesch-Fall im Jahr 2009 aussehen, in dem sich die Zuschauer wiederfinden:

Michael soll den Ehemann seiner Geliebten Diane immer und immer wieder mit dem Auto gegen das Garagentor gequetscht haben. Nach drei Minuten wirren Tumulten vor Gericht wird die „Geliebte“ vor den Türen des Gerichtssaales von einer Laiendarstellerin gestellt, die behauptet, ihre Tochter entführt zu haben.

Die Sache fliegt auf, der Staatsanwalt ruft aus dem Gerichtssaal ein Sondereinsatzkommando herbei, das innerhalb von einer Minute die entführte Tochter Chiara via Handy ortet. Barbara Salesch lässt den Saal räumen.

In einer preiswert inszenierten Action-Sequenz („verlassenes Bahndepot“) wird die Tochter befreit und sofort als Zeugin zum Gericht gebracht. Die Entführerin entpuppt sich als Ex-Geliebte des Mordverdächtigen, die ihm hörig ist. Die Entführerin wird, weil sie nun einmal da ist, auch gleich als Zeugin vernommen und beschuldigt die Ehefrau des Getöteten, selbst den Mord begangen zu haben. Es folgt erneut minutenlange Schreierei.

Während der Sendung fallen folgende Beschimpfungen, wohlgemerkt um 11 Uhr vormittags:

„Scheiße“ 12 x

„Miststück“ 1x

„verpiss Dich“ 1 x

„dumme Kuh“ 1x

„du Kröte“ 1 x

„Arschloch“ 2x

„verarschen“ 1x

Schließlich taucht, gleichsam aus dem Nichts, ein stark Dialekt sprechender und tätowierter weiterer Zeuge namens „Ronnie“ auf. Der saß mit dem Angeklagten zusammen in U-Haft und hat gehört, wie der im Knast mit dem Mord geprahlt hat. Hurra! Fall gelöst! Lebenslänglich!

Gleich danach bei „Richter Alexander Hold“: Die Prostituierte Hella Bergmann und ihr Zuhälter Ronnie Schreiber sollen den reichen Geschäftsmann Paul Weingerber in eine Waldhütte verschleppt und dort bei Wasser und Brot gefangen gehalten haben.

Wieder so ein Fall ganz nah an der Erlebniswelt des Zuschauers. Im Namen des Schwachsinns.

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