Klaut AFP Foto von Schifftanker-Fan?

Eine Nachricht ohne Bild läuft nicht – dachte sich ein Mitarbeiter der AFP. Als jüngst der 120 Meter lange Tanker YM Uranus vor Frankreich mit einem anderen Frachter kollidierte, zog sich der Redakteur ein Foto der Uranus aus dem Netz. Wie eine MEEDIA-Anfrage ergab: AFP hat dabei eine Urheberrechtsverletzung bewusst in Kauf genommen. Außerdem: AFP sticht dapd-Tochter in einem gigantischen Pitch der EU aus, Bloomberg zielt auf die US-Politik und dapd startet Kommentare.

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Eine Nachricht ohne Bild läuft nicht – dachte sich ein Mitarbeiter der AFP. Als jüngst der 120 Meter lange Tanker YM Uranus vor Frankreich mit einem anderen Frachter kollidierte, zog sich der Redakteur ein Foto der Uranus aus dem Netz. Wie eine MEEDIA-Anfrage ergab: AFP hat dabei eine Urheberrechtsverletzung bewusst in Kauf genommen. Außerdem: AFP sticht dapd-Tochter in einem gigantischen Pitch der EU aus, Bloomberg zielt auf die US-Politik und dapd startet Kommentare.
Es gibt Webseiten, die ihre Betrachter ins Staunen versetzen können. Das Portal Vesseltracker gehört zweifelsohne dazu. Schifftanker-Fans dokumentieren dort die weltweite Flotte der Schwergewichte unter den See-Logistikern. Ein Verzeichnis aus mehreren zehntausend Einträgen ist das, das neben Angaben zu den Namen, den Beflaggungen und den Positionen der erfassten Schiffe vor allem mit einem aufwartet: Fotos der Tanker. Ein Service für alle, die sich für diese Materie begeistern können. Und für Medien, die bei Katastrophen rasch an Bildmaterial kommen wollen.
Der 8. Oktober war so ein Nachrichtentag, an dem manch ein Journalist händeringend nach einem Portrait suchte – oder genauer gesagt: nach dem der YM Uranus. Die stieß an jenem Morgen mit einem anderen 100-Meter-Tanker zusammen. Und weil das just vor der französischen Atlantikküste geschah, die gut ein Jahrzehnt zuvor von der Ölkatastrophe um den Frachter Erika heimgesucht wurde, avancierte der Zusammenprall flugs zum Top-Thema der französischen Medien. Ein Zustand, der im Heimatdienst der Agence France-Presse (AFP) offensichtlich zur Hemmungslosigkeit führte, zumindest in einem Fall. Immerhin bloggt das Team der besagten Vesseltracker: "AFP is using our photos – but they dont license them".
Die Seitenbetreiber führen gleich zwei Übernahmen an, beide Male auf französischen Nachrichten-Webseiten. Und beide Male ist die YM Uranus unter AFP-Credit abgebildet. Das Problem: Das Bild deckt sich exakt mit der Einstellung wie sie bei Vesseltracker.com zu sehen war. "We ask them for a comment, but because they are big and arrogant they dont need to react on this", mokieren sich die Schifftanker-Fans.
Nachdem MEEDIA bei AFP anfragte, reagierte die französische Agentur. In einem Schreiben, das die Foto-Chefredaktion des internationalen und damit vom deutschen Ableger völlig getrennten Dienstes am 13. Oktober an die Macher von Vesseltracker schickte, räumt die Agentur einen krassen Urheberrechtsverstoß ein. So heißt es, AFP wolle Copyrights sehr wohl beherzigen. In diesem Fall sei es ihr indes nicht gelungen, den Fotografen der verwendeten Aufnahme zu erreichen. Der Urheber des Schnappschusses, den AFP lediglich in Frankreich verbreitet hatte, sei allerdings mit den Bildverweisen des Nichterreichten verbreitet worden.
Die AFP gibt ferner an, sie sei bereit, ein Standardhonorar zu bezahlen. Man möge doch bitte Kontakt zum Fotografen herstellen, wenn möglich. Vor allem aber weist die Agentur überdies darauf hin, dass das kopierte Bild gar nicht von Vesseltracker abgegriffen worden sei, sondern anderorts im Netz – es sei bei der Suche gleich mehrere Male aufgetaucht. So oder so zeigt AFP hier allerdings ein seltsames Verständnis für Urheberrechte auf. Die Vesseltracker-Macher notieren dazu dann auch: " We hope that AFP will treat others as they would like to be treated in the future."
AFP wird PR-Dienstleister der Europäischen Union
Positive Nachrichten hat AFP hingegen auf einem ganz anderen Feld zu vermelden: Der international agierende News-Dienstleister hat eine Ausschreibung der Europäischen Union gewonnen und steigt damit zu einem üppigen PR-Dienstleister der EU auf. Den mit einer einzigen Mitteilung arg unterverkauften bisherigen Angaben zufolge wird die AFP für einen zweistelligen Millionen-Betrag in den nächsten vier Jahren Image-Material produzieren, auf das dann alle TV-Sender kostenfrei zurückgreifen können. Vom 1. Oktober an will die AFP also das Geschehen in den EU-Institutionen abbilden sowie EU-Aktivitäten in aller Welt.
Dieser Zuschlag für die AFP ist zugleich ein schwerer Schlag für die deutsche Nachrichtenagentur dapd. Deren PR-Dienstleister ddp direct um Wolfgang Zehrt hatte sich ebenfalls um den Auftrag beworben. Der in Leipzig ansässige dapd-Ableger hatte dafür bereits im Mai mehrere Dutzend freie Mitarbeiter in aller Welt anwerben wollen. Betreff des entsprechenden Mailings: "Nachrichtenagenturgruppe ddp sucht SOFORT europaweit TV-Journalisten; feste Aufträge über 3 Jahre". Pustekuchen!
Mit der AFP bekam zudem ausgerechnet jener dapd-Konkurrenz den Zuschlag, der mit ihm im Clinch liegt: Noch immer ist bei der EU-Kommission eine Prüfung anhängig. Der dapd-Vorläufer ddp hatte in diesem Frühjahr das Prozedere selbst angestrengt, weil er in den jährlich etwa 100 Millionen Euro umfassenden Bezügen der AFP-Dienste seitens französischer Stellen illegale Subventionen vermutet. Da aus der Kommission drängt, dass ihre Prüfung kurz vor dem Abschluss steht, für die auch die Bundesregierung um eine Stellungnahme gebeten wurde, steht schon bald erneut eine EU-Entscheidung an in der es heißen wird: für oder gegen AFP?
Das MEEDIA-Tickerblog wollte übrigens mit der AFP gerne über die Frage reden, wie sich ein opulenter PR-Auftrag der Europäischen Union mit der Unabhängigkeit des journalistischen Geschäfts einer Nachrichtenagentur verträgt. Paris ignorierte dieses Anliegen allerdings bisher eisern. Immerhin: Die Aktivitäten mit Unternehmen, Verbänden und Institutionen hat AFP nach eigenen Angaben sauber in eine Tochterfirma ausgelagert.
Bloomberg startet "Bloomberg Government"
Geschäfte mit der Politik strengt hingegen der Finanzdienst Bloomberg im großen Stil an. Die Agentur, die sich vor allem mir Reuters um die Gunst der Börsenprofis schlägt, baut einen Dienst "Bloomberg Government" aus. Wie die New York Times ausführlich berichtet, will der Infobroker politischen Entscheidern alle relevanten Informationen liefern, die für den politischen Prozess nötig sind. Jahres-Abopreis pro Nutzer: 5.700 US-Dollar. Neben ständig aktualisierten Kontaktdaten der Abgeordneten inklusive ihrer Experten sowie den Interessensverbänden ist Teil dieses webbasierten Services auch der klassische Tickerdienst sowie eine Datenbank aus Gesetzestexten. Das eindeutige wie selbstbewusste Ziel des neuen Angebots, für das gleich mehrere Dutzend Spezialisten eingestellt werden: "Our aspiration is to be the most influential news organization in the world."
dapd startet Kommentardienst
In das Geschäft mit dem Politischen auf ganz andere Art ist wiederum die hiesige dapd in dieser Woche eingestiegen: Seit Montag kommentiert der dapd-Basisdienst vorerst täglich zwei Themen. Zu sehen ist das zunächst nicht im klassischen Tickerangebot, das in die Redaktionssysteme der Kunden bei Zeitungen, Sendern und Online-Portalen einläuft, sondern in der Rubrik "dapd kommentiert" auf newsplaner.de, dem Kunden-Portal des Dienstes um Cord Dreyer. Den Auftakt machte Gerhard Kneier, Chef des Landesdienstes Hessen, der sich über das Anheizen der Integrations-Debatte durch CSU-Chef Horst Seehofer mokierte.
Peter Zschunke, der vor dem Übergang der AP-Deutschland in den dapd noch der dortige Auslandschef war und jetzt Chefreporter der dpa-"Netzwelt" ist, kommentiert die Entwicklung auf seiner Seite agenturjournalismus.de wie folgt: "Die möglichst nüchterne, möglichst meinungsfreie Nachricht ist Voraussetzung für die Meinungsbildung. Darüber hinaus stellen Nachrichtenagenturen bestimmte Sachverhalte in namentlich gekennzeichneten Korrespondentenartikeln in einen größeren Zusammenhang, zeitlich, kausal und durchaus auch kritisch einordnend. Wenn der Nachrichtendienst von echten Meinungsbeiträgen begleitet wird, wirft dies etliche Fragen auf, nach der Unabhängigkeit der täglichen Nachrichtenauswahl wie nach dem Bemühen um Objektivität im einzelnen Nachrichtenbeitrag."
Aktualisierung 14. Oktober, 10:30 Uhr: Die Angaben zu den PR-Aktivitäten der AFP für die EU wurden um Angaben zum Geschäftsmodell ergänzt. Demnach ist der millionenschwere Auftrag bei einer Tochterfirma gelandet, die getrennt vom Ticker-Geschäft operiert.

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