„Überall wollen Bürger Teil der Medien sein“

Brooklyn schreibt für Brooklyn: Lonnie Isabel lehrt an der City University of New York. Als Dozent der Graduate School of Journalism rief er gemeinsam mit der New York Times das Bürgerjournalismus-Blog "The Local" ins Leben. Auf der Hyperlocal-Plattform berichten Studenten zusammen mit Einwohnern darüber, was ihre Nachbarschaft bewegt. An der Hamburg Media School verriet der frühere Vize-Chef der New Yorker Zeitung Newsday, was den Leser im Big Apple am meisten interessiert: Wo gibt es den besten Kaffee?

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"Ich glaube nicht, dass Journalismus tot ist. Aber die Leute sehen ihn heute auf eine andere Art: Sie wollen beteiligt und integriert werden. Und das Medienbusiness muss darauf reagieren", sagt Lonnie Isabel. Er kennt und beschreibt die amerikanische Zeitungskrise. Er weiß auch, wie schwierig es ist, guten Journalismus zu finanzieren. "Journalisten sind zu Fundraisern geworden. Für mich ist das sehr hart, denn als Journalist liegt mir so etwas nicht in den Genen. Aber ich denke, wir müssen auch solche Wege nutzen, damit wir guten Journalismus bezahlen können."  Dennoch bleibt er optimistisch. Isabels Lieblingssatz am Abend in der Hamburg Media School (HMS) lautet: "Der Himmel ist noch nicht eingestürzt."
In seinem Vortrag "Bürgerjournalismus in New York City – Ein Beispiel für Hamburg?" im Rahmen der Reihe "USA Today", der HMS und des Hamburger US-Generalkonsulats spricht Isabel vor allem von einer neuen Art, Journalismus zu betreiben, die, wie er selbst sagt, so neu gar nicht ist: "Bürgerjournalismus gab es schon immer. Aber heute haben wir ganz andere Möglichkeiten diesen zu nutzen."
Um Business-Modelle geht es dem Direktor des International Reporting Program der City University of New York (CUNY) dabei erst einmal weniger. Zwar erklärt er: "Klar, versuchen wir unseren Studenten auch zu zeigen, wie man mit eigenen Seiten Geld verdient." Allerdings, so glaubt Isabel, ginge es einem Journalisten nicht darum, möglichst viel Geld zu machen, sondern genügend Mittel für gute Arbeit zu haben. Ohnehin könne man hochwertigen Journalismus nicht kaufen. "Die New York Post und viele andere Zeitungen, die Rupert Murdoch gehören, machen keinen guten Journalismus – und er hat eine Menge Geld", scherzt Isabel.
Auch wenn das Bürgerjournalismus-Blog "The Local" in Kooperation mit der New York Times betrieben wird, arbeiten Isabels Studenten weit entfernt von großen Medienkonzernen. Ihr journalistischer Mikrokosmos bewegt sich zwischen Fort Greene und Clinton Hill. Zwei Wohngegenden im Stadtteil Brooklyn. Die Themen oder gleich ganze Texte kommen von Bankern, Hausfrauen, Rentnern.
An das Nachrichtenportal ist eine Community angeschlossen, wo die Bürger diskutieren, Themen vorschlagen oder sich selbst als Nachbarschafts-Reporter melden können. Unter "Assign the Journalist" können die Fort-Greene- und Clinton-Hill-Bewohner als Tippgeber agieren und die Studenten auf eine Geschichte stoßen, über die berichtet werden sollte. "Be the Journalist" bedeutet hingegen, selbst in Wort und Schrift aktiv zu werden. Die Blog-Betreiber verteilen dann Aufträge, wie den Besuch lokaler Events, und redigieren die Artikel. Bezahlung gibt es keine, dafür aber ein Training zu journalistischen Grundfertigkeiten. Zur Zusammenarbeit der Studenten mit den lokalen Bloggern erklärt Isabel: "Es sind zwei Welten, aber beide lernen voneinander. Die Studierenden erfahren mehr über ihre Nachbarschaft und die Blogger darüber, wie Journalismus funktioniert."

Verantwortlich für die Inhalte sind die Blog-Betreiber. "Die professionellen Journalisten müssen weiterhin die Maßstäbe setzen. Ethische Grundsätze müssen gewahrt werden und natürlich muss garantiert sein, dass die Leute uns die Wahrheit erzählen." Auch für ein gewisses Sprachniveau sollte gesorgt sein. "Wir wollen kein LOL in den Texten. Journalismus muss eine Sprache verwenden, die alle verstehen."
Hyperlocal-Formen sind für Isabel ein Konzept mit Zukunft, da die Leute immer interessiere, was in ihrer Nachbarschaft passiert. "Sie wollen wissen, was mit dem Müll in ihrer Straße ist oder in welchem Coffee-Shop sie den besten Kaffee bekommen." Ob man das Modell aus New York eins zu eins auch auf deutsche Städte übertragen kann, dazu gab der Journalist letztlich keine eindeutige Antwort. Isabel ist sich jedoch sicher: "Überall wollen Bürger Teil der Medien sein."

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