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Ist Steve Jobs auf dem Rückzug?

Apple-Boss Steve Jobs lieferte einen erstaunlichen Auftritt bei der gestrigen "Back to the Mac"-Veranstaltung. Er überließ die Bühne weitestgehend anderen, Manager und Entwickler durften die Neuheiten vorstellen. Macht da jemand Platz für potentielle Nachfolger? Der Zeitpunkt für einen Rückzug wäre ideal: Die Zahlen stimmen, die Produkte verkaufen sich und mit Apple TV wird das Unternehmen auch die Wohnzimmer erobern. Blogger Dirk Kunde fragt sich, ob Steve Jobs auf dem Rückzug ist.

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Apple-Boss Steve Jobs lieferte einen erstaunlichen Auftritt bei der gestrigen "Back to the Mac"-Veranstaltung. Er überlies die Bühne weitestgehend anderen, Manager und Entwickler durften die Neuheiten rund um Lion, die achte Version des Betriebssystems OS X, iLife 11, Face Time und das neue MacBook Air vorstellen. Macht da jemand Platz für potentielle Nachfolger? Der Zeitpunkt für einen Rückzug wäre ideal: Die Zahlen stimmen, die Produkte verkaufen sich und mit Apple TV wird das Unternehmen auch die Wohnzimmer erobern.

Back to the Mac – Der Titel gab Rätsel auf, doch nun ist klar, was gemeint war. Es ist ein Kreislauf. Apple hat seit 2007, der iPhone-Einführung, viel gelernt über berühungsempflindliche Bildschirme, Fingergesten und Menüführung. Der AppStore hat einen Standard für die Mobilfunkbranche gesetzt und die Freigabe der Entwicklerwerkzeuge (SDK) für das Smarphone war die genialste Entscheidung in der Unternehmensgeschichte. Über eine Viertel Million Apps belegen dies. Die Erfahrung mit dem iPhone floß in die Entwicklung des iPads. Damit hat Apple dem Segment des Tablets einen Kick-Start verpasst. Nun fließen die Erfahrungen der beiden mobilen Geräte in das neue Betriebssystem Lion ein. Es wird einen AppStore auf den Rechnern geben und die Fingergesten auf dem Trackpad kennt der Nutzer bereits vom iOS. Steve Jobs nennt es: OS X meets iPad.

Steve macht Platz

Der Apple-Boss hielt sich auffallend zurück. Das Intro mit dem “Wir-sind-die-Größten-und-Besten” übernahm COO Tim Cook. Die Neuheiten bei iLife 11durften die Produkt-Manager bzw. Entwickler vorstellen. Scott Forstall, Chef der iPhone-Software Abteilung, durfte zwar nicht auf die Bühne, wurde jedoch mehrfach im Publikum sitzend gezeigt. Der erste Face Time-Anruf vom Mac ging erstaunlicherweise nicht an Design-Guru Jonathan Ive, sondern an Marketingboss Phil Schiller. Der smarte Ive durfte erst später in einem Promo-Video das neue MacbookAir loben.

Früher gehörte die Bühne ganz allein Jobs. Nun darf spekuliert werden. Welcher der Herren ist der Kronprinz? Macht sich Jobs wirklich Gedanken über einen Nachfolger? Tim Cook hat den Laden bestens im Griff gehabt, als Jobs krankheitsbedingt ein halbes Jahr abwesend war. Schiller und Ive fehlt jedoch das Format eines visionären Firmenlenkers. Mein Tipp ist Forstall, Jobs scheint viel von ihm zu halten. Der 41-Jährige arbeitete bereits bei NeXt mit Jobs zusammen. 1997 kehrte Jobs zu Apple zurück, im gleichen Jahr kam Forstall nach Cupertino. Der Entwickler war maßgeblich an der Entwicklung von Mac OS X beteiligt. Heute verantwortet er als Senior Vice President of iPhone Software Engineering and Platform Experience das für Apple wichtige iOS – das Herz der mobilen Geräte.

Für Mac programmieren
Falls Steve den Staffelstab wirklich übergeben sollte, bekäme der Nachfolger einen perfekt laufenden Laden. Die gerade vermeldeten Umsatzzahlen sowie der Gewinn für das Geschäftsjahr 2010 waren hervorragend. Knapp 40 Millionen verkaufte iPhones und 13,7 Millionen Rechner. Das sind drei Mal so viele Computer wie im Jahr 2005. Der Erfolg von iPhone und iPad strahlt auch auf iMacs und Macbooks ab. Jeder fünfte verkaufte Rechner in den USA stammt von Apple. Das Unternehmen betreibt 318 eigene Läden in elf Ländern. Die meisten Produkte (57 Prozent) werden außerhalb der USA verkauft.

Mit diesem Erfolg wird es plötzlich für Entwickler attraktiv, für den Mac zu programmieren. Microsoft verkauft ab dem 26. Oktober 2010 seine Office 2011-Version. Erstmals kommt Outlook auf den Mac, das komplett in Cocoa entwickelt wurde. Autodesk, einer der führenden Anbieter für CAD-Software, wird seine Programme demnächst mactauglich machen. Weitere Branchen werden folgen. Spontan fallen mir die Hotellerie und die Steuerberatungs-Branche ein, die komplett in Windows-Hand sind. Sicher gibt es noch mehr, doch Anwender in diesen Branchen werden Mac-Software verlangen.

Darum ist es ein genialer Schachzug, den AppStore auf den Rechner zu bringen. Apple hat weltweit 600.000 registrierte Entwickler für Apps. Es kommen jeden Monat 30.000 weitere hinzu. Wer mit Apps auf dem iPhone oder iPad Geld verdient, kann das nun auch auf dem Rechner.

Face Time auf dem Mac

Ebenfalls genial ist die Veröffentlichung einer kostenlosen Beta-Version von Face Time für den Mac. Damit wird Videotelefonie am Rechner möglich. Während es weltweit 19 Millionen mobile Geräte mit Face Time (iPhones und iPod touch) gibt, nutzen 50 Millionen Anwender einen Mac-Rechner. Damit sollte endlich Schwung in die Anwendung kommen. Apple hatte bewusst die Technik als offenen Standard angelegt. Facebook, Skype oder andere Anbieter hätten Face Time schon längst integrieren können. Doch bislang blieb es erstaunlich ruhig um Apples-Videotelefonie.

Den Wettbewerb bei mobilen Betriebssystemen kann Apple nicht gegen Android gewinnen. Dazu nutzen zu viele Hersteller die Google-Software. Doch mit dem AppStore und FaceTime auf Computern hat Apple einen entscheidenden Schritt für Anwender, Entwickler und die eigene Zukunft getan.

Apropos Zukunft: Apple entdeckt die Social Networks. In iPhoto (Teil von iLife 11) kann man Bilder direkt zu flickr und Facebook hochladen, selbst die Kommentare der Freunde bei Facebook werden in iPhoto angezeigt. Auch iMovie bietet Optionen, Videos zu Facebook und YouTube hochzuladen. Die Apple-Begeisterung für Facebook ist auffällig, und damit erhält die Spekulation, Jobs sei an Mark Zuckerbergs Netzwerk interessiert, neue Nahrung. Ausreichend Barreserven für Übernahmen liegen in Apples Kasse (51 Milliarden Dollar).

Ruhe in Frieden: Festplatte und Maus

Wenn Neues kommt, muss Altes gehen. Apple beerdigt zwei langjährige Weggefährten: Die Maus und die Festplatte. Beim neuen MacBook Air setzt Apple auf Fingergesten zu Steuerung der Anwendungen. Da Programme mit OS X Lion wie auf einem iPhone oder iPad bedient werden, kann der Anwender Gesten mit bis zu drei Fingern einsetzen. Es gibt verschiedene Home-Bildschirme und Ordner, wie auf den mobilen Geräten. Auch die Menüleiste der Programme verschwindet, die Anwendungen werden im Vollbildmodus angezeigt – eben wie beim iPhone. Neue Programme installiert man über den AppStore.

Gespeichert werden Software und Daten in einem Flash-Speicher. Diekonventionelle Festplatte mit rotierenden Speicherscheiben und Schreibarm hat ausgedient. Die Vorteile liegen auf der Hand: die Speicherchips sind kleiner und leichter. Sie brauchen keinen Lüfter. Sie sind robuster für den mobilen Einsatz. Der Rechner ist sofort betriebsbereit und sie schreiben Daten doppelt so schnell in ihren Speicher wie herkömmliche Festplatten.

Annäherung

Mit dem iPad wurde das iPhone größer, mit dem neuen MacBook Air wird der Laptop kleiner. Wer noch etwas zum Aufklappen und mit Tastatur möchte, bekommt mit dem gerade mal ein Kilogramm schweren und 1,7 Zentimeter dicken (an der dicksten Stelle) Laptop ein mobiles Arbeitsgerät. Mit dem Verzicht auf ein DVD-Laufwerk und dem Wechsel auf Flash-Speicher (64 bis 256 GB) setzt Apple neue Maßstäbe in der Branche.

Würde Jobs jetzt abdanken und einen Nachfolger benennen, würde er unsterblich werden – zumindest in der Firmen-Chronik. Er hat mit dem iPhone der Mobilfunkbranche gezeigt, wo der “Hammer hängt”. Das Geschäft mit den Rechnern läuft mehr als nur ordentlich und mit Apple TV zeigt er gerade, wie die Zukunft im Wohnzimmer aussieht. Eigentlich wäre es ein perfekter Zeitpunkt für den Rücktritt.

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