Datenjournalismus: Tipps für Einsteiger

Data-Journalismus. Was ist das überhaupt? Wieder so ein Trend, der sich schnell selbst überflüssig macht? Wohl kaum. Denn seit Monaten debattiert die Online-Branche: Wie lassen sich Daten und Fakten sinnvoll visualisieren? Guardian.co.uk zeigte in Kooperation mit Wikileaks, wie sich Berge von Informationen sinnvoll aufbereiten lassen. Wir erklären Ihnen, wie Data Driven Journalism im Idealfall funktioniert. Und mit welchen kostenlos Tools Sie Ihre journalistische Arbeit eindrucksvoll visualisieren können.

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Kaum ein Trend fasziniert die Online-Branche derzeit so stark, wie die Möglichkeit, journalistische Recherchen zu visualisieren. Onlinejournalismus umfasst nicht mehr nur die Koexistenz von Texten und Bildern, sondern auch die grafische Darstellung von Beziehungen, Etats oder Produktionsmengen. Zeit Online hat vor einigen Wochen ein Musterbeispiel für Data Driven Journalism abgeliefert: eine Infografik‘>.

Das erschreckende Ergebnis: Mindestens 137 Menschen kamen im Zeitraum von 1990 bis 2009 durch rechte Gewalt ums Leben – etwa dreimal so viele, wie staatliche Stellen ausweisen. Für die Recherchen wurden Hunderte Lokalzeitungsartikel und Gerichtsurteile gesichtet; zu jedem einzelnen Fall wurden Opferberater, Hinterbliebene, Anwälte und Strafverfolger interviewt, wie Zeit Online im‘>t. Die Daten lassen sich auf einer Deutschlandkarte nach Alter, Geschlecht, Tatwerkzeug und Strafmaß filtern. Alle recherchierten Daten sind frei‘>.

Der Data-Journalismus-Coach Paul Bradshaw hat einen “Leitfaden‘>. Hier eine übersetzte und von unserer Redaktion um zusätzliche Anmerkungen ergänzte Zusammenfassung:

1. Arbeitsthese entwickeln
Wie bei einem Artikel, einem Radio-Feature oder einem TV-Beitrag sollte auch bei einer Grafik oder einer interaktive Karte vor allem anderen eine Frage oder Arbeitsthese stehen. Was wollen Sie damit aussagen? Ansonsten droht das Ergebnis, in einer unkritischen Ansammlung von Fakten sein Publikum vollends zu verwirren.

2. Daten auftreiben
Darin unterscheidet sich die Arbeit nicht von den sonstigen Aufgaben eines Journalisten: Zahlen und Fakten müssen recherchiert, überprüft und eingeordnet werden. Wie Sie die Daten zusammentragen, liegt ganz bei Ihnen.

3. Daten einordnen
Als Journalist sind Sie oft auf Ihr Fachwissen angewiesen. Sie müssen Fakten einordnen können. Gerade im Feld des “Data Driven Journalism” gewinnt diese Fähigkeit an Bedeutung. Fokussieren Sie sich deswegen auf Ihr Thema: Welche Daten brauchen Sie? Welche lenken nur vom Thema ab? Und was wollen Sie dem Leser eigentlich nahebringen? Daten von Regierungsorganisationen sind oft bis zur Unverständlichkeit mit Fachjargon versetzt. Ein Anruf kann Abhilfe schaffen. Ansonsten ertrinken Sie in einer Flut unwichtiger Datensätze.

4. Datenbasis erweitern
Setzen Sie die gewonnen Fakten immer in Bezug zu anderen Daten. Ein Beispiel: Sie haben entsprechende Daten an der Hand, die für einen Zuwachs an VJ-Beiträgen im täglichen Programm eines Fernsehsenders sprechen. Hat sich darüber hinaus die Zahl der Kameramänner und Redakteure verringert? Oder hat sich überhaupt nichts verändert? Eventuell treiben die neu gewonnenen Erkenntnisse Ihre Arbeit in eine neue Richtung.

5. Daten organisieren
Sichern Sie Ihre gesammelten Daten. Wenn Sie nicht alles händisch notieren wollen, sollten Sie sie übersichtlich in Tabellen oder Word-Dokumenten zusammentragen. Das erspart Ihnen nachher viele Probleme, wenn es darum geht, Ihre Datenbasis zu visualisieren.

6. Daten visualisieren
Jetzt ist Ihre Kreativität gefragt. An diesem Punkt würden Sie sonst mit dem Verfassen eines Artikels beginnen. Aber wie lassen sich die gewonnenen Daten sinnvoll visualisieren? Vielleicht auf einer Karte? Bisher war das die Arbeit von Grafikern und Progammierern. Doch frei verfügbare Tools lassen die Hemmschwellen mit der Technik sinken und werden so auch zunehmend für Journalisten attraktiv.

7. Daten vermischen
Jetzt entsteht das eigentliche journalistische Produkt. Sie haben die Daten zusammengetragen, gefiltert, ausgewertet und sich für ein entsprechendes Layout entschieden. Funktioniert alles so, wie Sie es sich vorgestellt haben? Wird die ursprüngliche Frage beantwortet? Denken Sie immer daran, dass Sie ein komplexes Thema vereinfachen sollen – und nicht die Komplexität abbilden wollen.

8. Aufräumen
Bei so viel Daten kann einem auch schnell mal ein Fehler unterlaufen. Gerade bei Infografiken und Karten steckt der Fehlerteufel im Detail. Prüfen Sie deswegen jeden Eintrag doppelt. Lassen sich Fachbegriffe vereinfacht ausdrücken? Stimmt die Formatierung? Haben Sie die Textpassagen auf Rechtschreibung geprüft?  

9. Datenbasis publizieren
Wenn Sie von der Open-Data-Bewegung profitieren, sollte Sie auch etwas zurückgeben. Am einfachsten geht das bei Word-Dokumenten und Tabellen mit Google Docs
. Öffnen Sie dazu das entsprechende Dokument und klicken Sie auf den “Share”-Button im rechten oberen Eck. Sie können sogar auswählen, ob Sie eine ganze Tabelle oder nur bestimmte Bereiche publizieren wollen. Das Dokument können Sie dann per Embed-Code in eine Webseite einbauen oder aber den direkten Link zur Datei zur Nachverfolgung Ihrer Arbeit mit der eigentlichen Grafik bzw. Karte verlinken.

Mit welchen (kostenlosen) Tools lassen sich Daten visualisieren?

Karten

Open‘> ist ein genial einfaches Werkzeug, um schnell und unkompliziert Daten in Karten zu visualisieren. Über eine Heatmap lassen sich Daten nach Häufigkeiten und Verteilungsraten sortieren. Open Heat Map verspricht eine sehr einfache Handhabung: Einfach die Tabelle hochladen, grafische Gestaltung anpassen, fertig. Voraussetzung dafür ist, dass Ihre Tabelle entsprechende Einträge mit Kontinenten, Ländern oder Städten enthält.v

Word-Clouds

Wortwolken eignen sich besonders, um die Bedeutung von bestimmten Aspekten in einem größeren Themenfeld hervorzuheben. Recht intuitiv lässt sich Wordle.net bedienen. Sie müssen lediglich einen Fließtext in ein leeres Textfeld kopieren. Danach können Sie Farbe und Form frei auswählen.

ManyEyes‚>Tableau Public ist kein Web-Service, lässt sich aber kostenlos herunterladen und ebenfalls recht einfach bedienen.

Wie schnell und gut Data-Journalismus komplexes Wissen vermitteln kann, zeigt die Homepage OffenerHaushalt.de.‘>Tactical Tools ein Informationsangebot für Bürger, Wissenschaftler und Journalisten, das einzig und allein das Ziel verfolgt, die Verteilung der Haushaltsmittel des Bundes zu visualisieren. Diese Daten sind zwar im Netz verfügbar, aber keineswegs leserfreundlich aufbereitet. Für das Projekt wurden die Haushaltsdaten aus den Jahren 2003-2010 aufbereitet und visualisiert. Viel Arbeit, die sich aber in jedem Fall gelohnt hat.

Anmerkung: Aus Gründen der Transparenz weisen wir darauf hin, dass der Autor auch für Zeit Online tätig ist.

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