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ARD liebäugelt mit Scripted Reality

Der NDR will laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung neue Formate testen, die sich dem Mittel der so genannten Scripted Reality bedienen. Das bedeutet in der Regel, TV-Formate mit Laiendarstellern, die einer erfundenen Dramaturgie folgen, dabei aber so tun, als seien sie echte Dokumentationen. Vor allem RTL feiert mit solchen Sendungen große Quoten-Erfolge. Pikant: Gerade erst hat ausgerechnet NDR-Programmdirektor Frank Beckmann diese Formate scharf verurteilt.

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“Das müssen wir ablehnen und brandmarken", sagte NDR-Manager Beckmann beim jüngsten Medien-Disput in Berlin, wo es um Scripted Reality ging. Umso peinlicher für ihn und seinen Sender ist nun, was die SZ da aufdeckt. Laut einem geheimen Sender-Papier denkt der NDR selbst über eigene Scripted-Reality-Formate nach. So könnte etwa das Leben eines Dorfpolizisten oder eines Anwalts nachgestellt werden.

Banaler Grund für den öffentlich-rechtlichen Flirt mit der Schein-Realität: Scripted Reality liefert laut NDR-Papier "spannende Geschichten zu einem relativ kleinen Budget". Bei dem zweitgrößten ARD-Sender schielt man offenbar auf Quoten-Erfolge zum Schnäppchen-Preis, genau wie bei RTL. Der Marktführer unter den Privaten pflastert seit geraumer Zeit sein Nachmittagsprogramm mit Scripted-Reality-Formaten wie “Die Schulermittler” oder “Familien im Brennpunkt” zu. TV-Sendungen, die fast immer in problematischen Hartz-IV-Milieus spielen.

Als Helmut Markwort jüngst bei den Münchner Medientagen der RTL-Geschäftsführerin Anke Schäferkordt vorhielt, im RTL Nachmittagsprogramm höre er Sprüche, die er früher höchstens auf einem Pissoir an den Wänden gelesen habe, fiel der nicht viel Verteidigendes dazu ein. Aber während RTL sich im Zweifelsfall immer noch mit dem Kommerzdruck rechtfertigen kann, fehlt bei öffentlich-rechtlichen Sendern jedes Verständnis für eine Annäherung an diese Art des Assi-TVs.

Von der SZ mit dem Papier konfrontiert, redete sich der auf Podien so kritische NDR-Programmchef Beckmann damit heraus, es gehe um "neue Produktionsformen und Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen." “Krawallgeschichten und das “Vorführen von Menschen” seien keinesfalls geplant und, natürlich, werde man den fiktionalen Charakter klar kenntlich machen. Warum der NDR sich beim Herantasten an neue Produktionsformen dann ausgerechnet an jene Produktionsfirmen wendet, die RTL regelmäßig mit übelstem Scripted-Reality-Trash am Fließband beliefern, rechtfertigt er damit, dass es keine “Denkverbote” geben dürfe. Wo gedacht wird, wird in der Regel auch gemacht. Man darf also gespannt sein, wann der erste Laiendarsteller als Dorfpolizist in der ARD seine Runden nach Drehbuch zieht.

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