Zeit Magazin: Undercover mit Doppelcover

Eine bewegte Erfolgsgeschichte: Vor 40 Jahren startete Gerd Bucerius das Zeit Magazin. Die Redaktion der 70er Jahre hatte Hasch im Kühlschrank und wurde vom hauseigenen Feuilleton kritisch beäugt. 1999 machte der Verlag das Heft dann aus wirtschaftlichen Gründen dicht – und verlor prompt 30.000 Leser. 2007 folgte der Neustart. Im MEEDIA-Interview spricht der Chefredakteur Christoph Amend über Wallraff-Reportagen, Lead Awards, "Popper" und "Bionade Biedermeier".

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Warum braucht die Zeit überhaupt ein Magazin?
Das geht schon beim handlichen Format los: Ein Magazin ist ein emotionales Medium, man nimmt es in die Hand, fängt an zu blättern, lässt sich überraschen von Bildern, von Überschriften, von der Gestaltung. Eine Zeitung, auch eine Wochenzeitung, steht zunächst für Informationen, im Fall der Zeit besonders für Analyse und Hintergründe.

Steht also die Zeitung für die großen politischen und kulturellen Themen und das Magazin für das Intime?
Es geht nicht in erster Linie um bestimmte Themenbereiche, auch wir haben regelmäßig politische Stücke im Heft. Der Unterschied liegt in der Herangehensweise: Unsere Geschichten haben immer einen persönlichen Ansatz – wenn zum Beispiel Tina Hildebrandt Joschka Fischer porträtiert, Sabine Rückert über den Umgang mancher Nachbarn mit neuen Kindergärten schreibt oder wenn wir uns, wie vor zwei Wochen, in einer Titelgeschichte mit Hartz IV beschäftigen. Anstatt die politische Diskussion zusammenzufassen, zieht bei uns etwa die Hartz-IV-Empfängerin Sonja Pietsch aus Wattenscheid Bilanz. Wir kommen über das Persönliche zum Politischen.

Zwei der 40 Geburtstags-Cover mit Claudia Schiffer

Trotzdem ist es doch so, dass seit Jahren alle Tageszeitungen und auch die Wochenzeitungen immer magaziniger werden?
Das hat sich tatsächlich verändert. Als Gerd Bucerius vor 40 Jahren das Zeit Magazin gründete, war der Kontrast zwischen der schwarz-weißen Zeit und dem bunten Magazin extremer. Aber auch wenn heute die gut gemachten Zeitungen immer magaziniger werden, bleiben Unterschiede. Wir haben schon über das Format gesprochen, mit dem Sie im Alltag anders umgehen: Ein Magazin stecken Sie ein, nehmen es mit auf eine Reise oder am Wochenende mit in die Badewanne. Und dann spielt die Opulenz eine große Rolle, die Fotografie, die höhere Druckqualität. Für das aktuelle Heft haben wir Claudia Schiffer gebeten, die wie wir in diesem Jahr 40 geworden ist, die Lebensgefühle der vergangenen vier Jahrzehnte zu interpretieren – von den Hippies über die Yuppies bis zur neuen grünen Bürgerlichkeit von heute. Eine klassische Magazin-Strecke zum Blättern, in den Begleittexten erfährt man, wie sich das Zeit Magazin mit diesen Stilen beschäftigt hat. Direkt danach erzählen wir, wie die Redaktion des Magazins in den 70er Jahren einen Hamburger Stadtteil vor dem Kahlschlag gerettet hat. Michael Jürgs war damals der Autor, und er hat jetzt wieder für uns darüber geschrieben. Diese Themenmischung macht’s, das war übrigens auch schon im Zeit Magazin der 70er Jahre so.

Können Sie dafür ein Beispiel nennen?
Schon damals gelang dem Zeit Magazin oft eine ziemlich einzigartige Mischung. Da konnten große sozialkritische Reportagen etwa über die schrecklichen Verhältnisse in einer psychiatrischen Anstalt im selben Heft stehen, in dem Wolfram Siebeck die besten Bistros in Paris empfohlen hat.
Und Günter Wallraff führt nun diese Tradition der sozialkritischen Reportage fort?
Ja. Er ist seit der Wiedereinführung des Zeit Magazins im Jahr 2007 wieder undercover unterwegs. Seine Recherchen etwa über die Arbeitsverhältnisse in deutschen Call-Centern führten zu einer Gesetzesänderung, sein Bericht über die Arbeitsverhältnisse in einer Fabrik, die für Lidl Brötchen gebacken hat, hat wohl mit dazu beigetragen, dass der Besitzer sie kürzlich geschlossen hat. Günter Wallraff arbeitet übrigens gerade wieder an einem neuen Stück für das Zeit Magazin.

Wenn die Spannweite einer Zeit-Magazin-Geschichte so weit ist: Was verbindet dann alle Storys?
Dass sie persönlich erzählt sind, emotional. Die Bandbreite ist groß. Kürzlich hat uns eine Autorin ein Thema angeboten, mit dem sie sich aus eigener Erfahrung sehr beschäftigt hat, der Glorifizierung des Stillens bei jungen Müttern. Ein spannendes Thema, das unter unseren Lesern eine große Debatte ausgelöst hat. Andererseits haben wir gerade Designer aus aller Welt gebeten, hässliche Dinge des Alltags neu zu entwerfen. Einer von ihnen reagierte darauf, in dem er gleich den Euro neu entworfen hat – seine Währung ist nächste Woche im Heft zu sehen. 

Auf welche Geschichten sind Sie in der Geschichte des Zeit Magazins besonders stolz?
Es freut eine Redaktion, wenn sie eine gesellschaftliche Entwicklung früh beschreiben kann. Wussten Sie beispielsweise, dass das Zeit Magazin 1980 den "Popper" entdeckt hat? Oder nehmen Sie die "Generation Praktikum", erstmals beschrieben von meinem Kollegen Matthias Stolz, der übrigens bis heute darauf wartet, dass die SPD ihre mehrfach bekundete Unterstützung endlich einmal in die Tat umsetzt. Oder der "Bionade-Biedermeier", den Henning Sussebach in Berlin-Prenzlauer Berg gefunden hat. Wenn es um Scoops geht, würde ich Ihre Frage mit der Wiederentdeckung der Originalfassung des Filmklassikers "Metropolis" beantworten.

War das verschollene Filmmaterial so wichtig für Sie?
Als unsere Autorin Karin Naundorf aus Buenos Aires anrief und uns erzählte, sie habe die Direktorin eines kleinen Filmmuseums kennengelernt, die behaupte, bei ihr im Keller lagerten die Originalfilmrollen, die seit 80 Jahren verschollen waren, dachte ich: Entweder sind das deine Hitler-Tagebücher, und du bist bald deinen Job los, oder es ist eine Sensation.

Welche Geschichte hätten Sie gerne gemacht, die aber dann doch nicht klappte?
Wenn ich das jetzt erzähle, bekomme ich juristischen Ärger.

Als 1999 das Zeit Magazin aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt wurde, verlor die Zeitung rund 30.000 Leser. Wie viele wären es heute?
Die Frage lässt sich natürlich nicht genau beantworten. Allerdings konnte die verkaufte Auflage der Zeit seit 2007, also seit es wieder ein Magazin gibt, weiter gesteigert werden.

Mit dem Neustart vor drei Jahren kehrte das Magazin mit dem Konzept eines Doppelcovers zurück. Warum braucht das Blatt zwei Titelbilder?

Der Doppeltitel erzeugt gleich zu Beginn des Heftes optische Opulenz, bei einem Magazin mit durchschnittlich 60 Seiten ein großer Vorteil. Entstanden ist die Idee dazu übrigens eher nebenbei. Während der Neu-Entwicklung des Magazins vor fast vier Jahren haben wir für eine Präsentation einige Beispiel-Cover entworfen. Wir hatten einen Haufen mit Fotos, aus denen wir die Titelbilder improvisiert haben. Dabei war auch eine Bilderserie mit einem graumelierten Manager, der einen rosa Luftballon aufbläst. Am Ende der Serie zerplatzte der Ballon. Daraus haben wir ein Doppelcover gebaut, zum Thema: Wann platzt die Blase am Kunstmarkt? Bei der Präsentation haben wir neun normale Titel und diese Doppel-Version gezeigt, und die Reaktionen auf den Doppeltitel war geradezu euphorisch. Also haben wir ihn fest eingeführt, was uns am Anfang in der Branche durchaus Kritik eingebracht hat, nach dem Motto nette Idee, aber jede Woche ist das nicht zu machen. Im Nachhinein sind wir glücklich, dass die Jury der Lead Awards das Konzept dreimal hintereinander mit dem "Cover des Jahres" ausgezeichnet hat.

Das Zeit Magazin wurde 1999 aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Arbeiten sie heute, ähnlich wie die Kollegen in München "hochprofitabel"?
Das Zeit Magazin ist ein integraler Bestandteil der Zeit, inhaltlich, in dem wir immer wieder Zeit-Titelgeschichten beisteuern, und auch auf dem Anzeigenmarkt. Damit tragen wir zum Erfolg des Zeit-Verlags mit bei.  

Das erste Cover des Zeit Magazins

Welche Vorbilder hat Ihr Zeit Magazin?
1970 war das große Vorbild der Kollegen das „Sunday Times Magazine“, bei der Wiedereinführung haben wir uns das „New York Times Magazine“ genau angesehen, das damals noch von Adam Moss gemacht wurde, der mittlerweile Chefredakteur des sehr guten „New York“-Magazins ist. 

In einem Interview über die Anfangstage beim Zeit Magazin erzählt Elke Bunse, dass die Feuilletonisten in den 70er-Jahren nichts mit den Kollegen des "bunten Blattes" zu tun haben wollten. Ist das noch immer so?
Anfang herrschte wirklich große Skepsis. Im Buch, das jetzt zum 40. Geburtstag erscheint, zeigen wir eine Geschichte aus den 70er Jahren,  als Christo einmal alle Feuilletonisten der Zeit in ein Netz gepackt und mit einem Krahn in die Luft gezogen hat. Das Bild erschien natürlich im Zeit Magazin. Die Skepsis legte sich aber bald, Dieter E. Zimmer kolumnierte, Fritz J. Raddatz schrieb viele große Literatur-Geschichten. Und heute sind einige Kollegen aus dem Feuilleton im Nebenberuf Kolumnist bei uns, Ursula März, Florian Illies, Jens Jessen und Adam Soboczinski in unserer „Gesellschaftskritik“, Ijoma Mangold in der Interviewreihe „Das war meine Rettung“. 

Elke Bunse erinnert sich auch, dass es in der Redaktion einen Kühlschrank gab, in dem das Redaktions-Hasch versteckt war. Gibt es so etwas noch?
Wird meedia.de auch von der Polizei gelesen?

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