Der letzte Bewohner von Planet M.

Ex-Bertelsmann-Chef und Arcandor-Manager Thomas Middelhoff kommt nicht aus den Schlagzeilen. Erst wollte er gegen die Jubiläums-Chronik von Bertelsmann klagen, dann zog er die Klage zurück. Vor wenigen Tagen ließ die Staatsanwaltschaft u.a. seine Privat- und Geschäftsräume wegen seiner Rolle bei der Arcandor-Pleite durchsuchen. Jetzt will Middelhoff selbst einen Historiker beauftragen, der seine Rolle bei Bertelsmann ins für ihn rechte Licht rückt. Middelhoff kämpft um einen Ruf, den er längst verspielt hat.

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Der Mann könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen und seine Millionen zählen. Allein in seiner Zeit bei Bertelsmann bekam er teilweise Boni in zweistelliger Millionen-Höhe. Grund war, dass er auf dem Höhepunkt der Internet-Blase der New Economy relativ billig eingekaufte Anteile an AOL und AOL Europe sehr viel teurer wieder an AOL zurück verkauft hat. Der legendäre Deal, der Milliarden Dollar in die Bertelsmann-Kassen spülte, gilt heute noch als Middelhoffs Manager-Meisterstück. Dabei kann er vermutlich noch nicht einmal etwas dafür.

Der Verkauf der Anteile geschah mehr oder weniger zwangsläufig, damit AOL mit Time Warner zusammengehen konnten. Um genau jene Zeit Ende 2000 dreht sich auch der aktuelle Streit zwischen Middelhoff und seinem Ex-Arbeitgeber Bertelsmann. In der Jubiläumschronik zum 175. Geburtstag des Gütersloher Medienriesen schreibt der Historiker Hartmut Berghoff nämlich, dass damals Middelhoff gerne Bertelsmann mit AOL zusammengebracht hätte. Aber Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn habe dies – weise, weise – verhindert und so großen Schaden von dem Unternehmen abgewendet. Geschichtsschreibung, wie sie zum Selbstverständnis der Bertelsmänner und neuerdings Bertelsfrauen passt. Wie man mittlerweile weiß, geriet die Mega-Fusion von AOL und Time Warner zum Mega-Flop und wurde mittlerweile wieder aufgelöst.

Middelhoff reagierte auf die wenig schmeichelhafte aber vergleichsweise harmlose Schilderung in der Chronik, die auch gar nicht so weit hergeholt scheint, sehr dünnhäutig. In seiner Leib- und Magen-Zeitung Handelsblatt schickte er, mit gezeichneter Torte bewaffnet, erst ein paar vergiftete Geburtstagsgrüße nach Gütersloh und verkündete später, die Auslieferung der angeblich ehrabschneidenden Chronik mit einer Klage verhindern zu wollen. Mittlerweile hat er sich das mit der Klage anders überlegt, will aber von dem Historiker Saul Friedländer eine Art Gegengutachten erstellen lassen.  Das kommt dann sicher zum Ergebnis, er, Middelhoff, habe keineswegs eine Fusion mit AOL vorangetrieben. Ja, und?

Was auf den ersten Blick wirkt, wie Kindereien erwachsener Männer, lässt tief in die Seele des Managers Middelhoff blicken. Der Mann fühlt sich offenbar unverstanden. Von den Medien, von der Staatsanwaltschaft, von der Öffentlichkeit, von seinem ehemaligen Arbeitgeber. Thomas Middelhoff hat von sich und seinem Tun scheinbar ein ganz und gar anderes Bild als sehr viele andere Leute. Wer, wie er, auf dem Planeten Middelhoff wohnt, der denkt, selbst die Sonne müsse um ihn kreisen. In seiner Lesart hat er Bertelsmann den größten Gewinn der Unternehmensgeschichte beschert. Nur durch die Kurzsichtigkeit der Familie, die ihn rausgeschmissen hat, bevor er das Unternehmen komplett an die Börse bringen konnte, wurden weitere Höhenflüge vereitelt.

Später hat er dann den angeschlagenen Konzern KarstadtQuelle vor der sicheren Pleite “gerettet”. Er hat dem Konzern den flotten neuen Kunstnamen Arcandor verpasst und am Portfolio herumgemanagt, als gebe es kein Morgen mehr. Gab es dann ja auch wirklich nicht mehr. Zumindest nicht für Arcandor. Jetzt wundert sich der trotzige Thomas, warum er in Deutschland als Inbegriff des eitlen Kaputt-Managers gilt und nicht als der nette Retter vom Dienst.
Wenn man aber nicht auf dem Planeten Middelhoff zu Hause ist, dann sieht man jemanden, der seltsame Immobiliengeschäfte bei KarstadtQuelle zum eigenen Vorteil abgeschlossen hat und augenscheinlich private und geschäftliche Interessen vermischte. Jemand, der bei der Belegschaft kürzt und Mitarbeiter zum Verzicht auf Weihnachtsgeld nötigt, während er selbst in, bei befreundeten Unternehmern geleasten, Jets Reisekosten von schwindelerregender Höhe anhäuft. Einer, den es nicht jucken muss, wenn die Firma den Bach runtergeht, weil er selbst schon genug Millionen an Boni und Abfindungen auf der hohen Kante hat. Jemand, gegen den die Staatsanwaltschaft wegen Untreue ermittelt. Es sind zwei fundamental unterschiedliche Sichtweisen, zwei Welten. Die gebleckten Zähne bei seinem markanten lauten Lachen sind für ihn Ausweis von Engagement und Lockerheit. Für andere sind es die Fangzähne des Raubtier-Kapitalisten.  

Als Bertelsmann bei der gigantomanischen Luftblase Expo 2000 in Hannover präsent war, hieß das dort installierte Zukunfts-Ei “Planet M”. Das “M” sollte für “Medien” stehen. Es war aber auch ein Symbol für den Planeten Middelhoff. Den muss man sich heute wohl als eher trostlosen, kalten Himmelskörper vorstellen. Mit einem einzigen Einwohner.

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