Das „Wunder von Chile“ als Medien-Event

Über Wochen fesselte das Schicksal von 33 verschütteten Bergleuten in Chile die ganze Welt. Gestern konnten die Kumpel endlich geborgen werden und viele hundert Millionen Menschen verfolgten via Fernsehen, Radio oder Internet gebannt die Rettung. Dank einer monatelangen Dramaturgie und einer perfekten Inszenierung wurde aus der Befreiung das wohl größte Medienereignis des Jahres. Auch in Deutschland verdrängten Mario Sepúlveda und Co. alle anderen Nachrichten.

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Die Bild räumte ihre gesamte Titelseite für "das Wunder von Chile" frei. Sogar auf das Seite-1-Girl verzichtete Kai Diekmann diesmal. Die Süddeutsche machte genauso mit dem Drama auf wie auch die Welt oder die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Als einzige verzichtete die FAZ allerdings auf den Abdruck eines der emotionalen Bilder von der San-José-Mine.

Die Titelblätter der Bild und der Welt

Im Fernsehen sorgte die Live-Übertragung für Top-Quoten. So lagen die Tagesmarktanteile von n-tv und N24 im Gesamtpublikum bei 2,8 Prozent und 2,1 Prozent, morgens um 10.00 Uhr erreichte n-tv sogar fast 10 Prozent. Zur Einschätzung: Normal sind für die beiden "N"-Sender Marktanteile um die 1-Prozent-Marke. In den USA kam bereits der Beginn der Bergungs-Übertragung laut Nielsen auf mehr als zehn Millionen Zuschauer bei den Nachrichtensendern CNN, Fox News und MSNBC.

Auch das Neues Deutschland und die Frankfurter
Rundschau machen mit der Kumpel-Rettung auf

Auch die Online-Redaktionen machte die Rettung zum alles beherrschenden Thema. Die Netz-Angebote hatten allerdings auch den großen Vorteil, dass die Rettung während der Kernarbeitszeit lief. Heißt: Viele Arbeitnehmer konnten sich überwiegend via Internet informieren.

Darauf reagierte Spiegel Online beispielsweise mit der Einrichtung eines speziellen "San-José-Minutenprotokoll", Zeit Online brachte große Aufmacher sowie Meinungsstücke und Bild.de baute seine gesamte Webseite um. Eine Aktion, die zeigt, wie wichtig die Bergung auch für die Online-Ausgabe des Boulevard-Blattes war. In den vergangenen Monaten bauten die Berliner ihre Seite ansonsten nur für die Fußball-Weltmeisterschaft oder die Loveparade-Katastrophe um.

Noch einen Tag später steht bei Bild.de alles im Zeichen des Bergwerks-Dramas. Die Berliner waren jedoch auch die ersten, die in die Katastrophenberichterstattung aus Chile voll eingestiegen waren. Seit Wochen verging kein Tag ohne eine Story über die Lager unter Tage und im Lager Esperanza (Hoffnung). Für die Print- und Online-Redkation war die Rettungsaktion so wichtig, dass sie mit Daniel Böcking sogar einen eigenen Reporter zur San-José-Mine schickten. Im MEEDIA-Interview erklärte das Mitglied der Bild.de-Chefredaktion die Hintergründe der Boulevard-Berichterstattung. "In Chile sind derzeit dutzende Reporter von Nachrichtenagenturen vor Ort. Wenn es also allein darum geht, den Erfolg oder Misserfolg der täglichen Bohrungen zu dokumentieren, bekommen wir diese Informationen von den Agenturen. Uns ging es in erster Linie darum, die menschliche Seite der Tragödie zu beschreiben." Weiter sagte er: "Dort sind 33 Bergleute, die noch Wochen in der Tiefe ausharren müssen und oben warten mehr als 100 Angehörige. Unser Anliegen war und ist es, auch deren Geschichten zu erzählen. Schließlich geht es hier nicht nur um eine technische Herausforderung, sondern in erster Linie um Menschenleben, die noch nicht gerettet sind."

Diese menschliche Seite der Tragödie ist es, die zur Hälfte das immense globale Interesse an der Rettung und dem Schicksal der Kumpel erklärt. Ein weiterer Grund, warum die Welt so gebannt nach Chile starrte, war die besondere Situation, dass das gesamte Drama – zumindest gefühlt – live übertragen wurde. Dadurch, dass es ständig neue Bilder und Reaktionen der verschütteten und ihrer Angehörigen gab, wurde aus dem Drama ein monatelanger Live-Event: ein Mix aus Zwischenmenschlichen-Drama, Gruben-Katastrophe und Real-Life-Big-Brother mit Happy-End.

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