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„Reality-Formate sind Klischeefabriken“

Scripted-Reality-Formate haben den Nachmittag bei vielen Privaten im Griff. Vor einem Jahr, als das Reality-TV noch weitestgehend scriptfrei war, rechnete Alexander Kissler in seinem Buch "Dummgeglotzt – Wie das Fernsehen uns verblödet" mit dem Fernsehen ab. Heute scheint Vieles schlimmer. Im MEEDIA-Interview spricht der Focus-Autor über unterirdisches Spiel, Tiefpunkte bei RTL II und die Vermutung, "dass sich hier eine randständige Gesellschaftsschicht bei ihren randständigen Beschäftigungen zuschaut".

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Haben Sie die Programme, die Sie so scharf kritisieren, tatsächlich alle gesehen, oder sind Sie ein Kritiker wie Marcel Reich-Ranicki, der motzt und eigentlich gar kein Fernsehen guckt?
Tatsächlich war Reich-Ranickis Ärger beim Fernsehpreis der Anlass, mich wieder intensiver mit dem TV-Programm zu beschäftigen. Ich habe mir die Frage gestellt: Ist es wirklich so schrecklich, wie er es beschreibt? Daraufhin habe ich viele populäre Formate systematisch angeschaut, und das tue ich immer noch. Man kann sagen, ich bin ein konzentrierter, stetiger und auch leidenschaftlicher Fernsehschauer.

Wie haben Sie das ausgehalten?
Ich wollte ja etwas lernen. Ich wollte wissen, wie funktioniert jenes Fernsehen, das die Losung herausgibt: Wir zeigen euch das wirkliche Leben. Dieser systematische Erkenntnisgewinn hat sich durchaus eingestellt. Allerdings war die Freude beim Zuschauen schnell verschwunden, weil auf weiten Strecken eine entsetzliche, eine ihrerseits systematische Einfallslosigkeit herrscht. Man sieht immer wieder dasselbe in verschiedener Kostümierung.

"Wir zeigen euch das wirkliche Leben", damit sprechen Sie das Reality-TV an. Was genau missfällt Ihnen daran?
Dieses Label ist oftmals falsch. Wir haben es mit einem Taschenspielertrick zu tun. Selbst wenn es sich um echte Menschen und echte Konflikte handelt, ist ein ganz starker Zugriff der Inszenierung zu sehen. Zudem hat sich seit 2009 der Trend dahingehend entwickelt, dass frei erfundene Konflikte laiendarstellerisch – also schrecklich untalentiert – dargeboten werden. Real ist nicht mehr das, was sich wirklich abgespielt hat, sondern real ist nur noch die Ästhetik: Realität liegt dann vor, wenn die Kamera wackelt und die Leute schreien. Realität wurde von einer inhaltlichen zur ästhetischen Kategorie.

Woher kommt diese Trendverschiebung zur Scripted Reality?
Zum einen gibt das echte Leben – zumindest in der Fülle – nicht genügend Drastik und Erregungspotenzial her. Man muss also nachhelfen, um den Bedarf an Grellheit zu decken. Zum anderen liegen die Vorteile für die Sender auf der Hand: Scripted Reality lässt sich schneller und dadurch auch günstiger produzieren. Und man hat dadurch, dass es Laiendarsteller in erfundenen Situationen sind, auch keine rechtlichen Probleme zu befürchten.

Einige ARD-Verantwortliche sprachen sich vergangene Woche entschieden gegen Scripted-Reality-Formate aus. Es hieß, man müsse sie "ablehnen und brandmarken". Das müsste Ihnen gefallen.
Brandmarkung klingt mir zu martialisch. Begrüßenswert ist aber der gemeinsame Wille, nicht auch noch mit Gebührengeldern zum Wachstum der Realitätsverklappungsindustrie beizutragen. Jetzt kommt es darauf an, den Willen praktisch werden zu lassen.

Es scheinen allerdings genügend Menschen nach diesen Formaten zu verlangen, sonst würden sie nicht produziert werden.
Ja, das stimmt. Es gibt mehrere Deutungsmöglichkeiten. Die erste, vielleicht ein wenig boshafte Deutung ist die Schadenfreude. Bei den Betrachtern stellt sich das Gefühl ein: Egal, welche Probleme ich auch immer haben mag, so tief werde ich nie sinken wie dieses ungebildete, ungepflegte und unansehnliche Personal, das weite Strecken der so genannten Reality-Formate bestreitet. Ein weiterer Faktor ist, dass wir es in der Regel mit schlüpfrigen Konflikten zu tun haben. Es wird somit auch der Voyeurismus bedient, die Freude an Unterleibsgeschichten. Die dritte, freundlichere Deutung ist, dass man sich über das unterirdisch schreckliche Spiel amüsiert.

Zumindest die, die sich über die schlechten Darsteller amüsieren, erkennen ja, dass diese Shows nicht real sind. Was ist mit den anderen?
Studien deuten darauf hin, dass dem Fernsehen sehr leicht die Realitätsbehauptung geglaubt wird. Die Machart setzt sich gegenüber dem Inhalt durch, und man denkt in einem ersten spontanen Wahrnehmen, gleichsam unwillkürlich, das Geschaute könnte real sein. Alleine dadurch kann ein dauerhafter Konsum solcher Sendungen unseren Begriff von Wahrhaftigkeit nachhaltig verändern.

Sie meinen solche Formate können gesellschaftliche Konsequenzen haben.
Die Formate treten mit dem Anspruch auf: So geht es in Deutschland zu, das ist Normalität. Die soziale Regel lautet demnach, dass man zwischenmenschliche Konflikte schreiend, in maximalem Egoismus, manchmal auch mit nicht nur verbaler Gewalt austrägt, dass es also völlig normal ist, sich zur Durchsetzung der eigenen Interessen daneben zu benehmen, dass es normal ist, auf Argument und Gegenargument prinzipiell zu verzichten. Der oftmals moralische Schluss der Reality-Formate ändert nichts daran. Entscheidend ist die Aussage: Sei hart, setze dich durch, höre nicht auf die anderen, dann belohnt dich das Fernsehen mit Aufmerksamkeit. Sozialunverträgliches Verhalten wird prämiert.

Fordern sie eine stärkere Kennzeichnung für Scripted Reality?
Formate, die frei erfunden sind, sollten stärker gekennzeichnet werden. Eine Kennzeichnung erscheint manchmal im Abspann, aber bei einer Zweitverwertung im Internet gibt es diesen Verweis längst nicht immer. Zudem sind die Formulierungen nicht immer eindeutig. Bei "Zwei bei Kallwass" heißt es, die Fälle seien nachgestellt. Das unterstellt, sie hätten sich mit anderen Personen so ereignet, und das kann ich mir angesichts von Episoden, bei denen zum Beispiel über die Filzlaus als Indikator für einen Seitensprung gekeift wird, partout nicht vorstellen.

Was halten sie von der Rechtfertigung, dass diese Shows den Menschen auch Lebenshilfe anbieten?
Bei Formaten, die wirkliche Konflikte von realen Menschen lösen, sei es beispielsweise "Peter Zwegat" oder "Die Super Nanny", kann es sich um Lebenshilfe handeln – zumindest für die Beteiligten. Diese können tatsächlich dadurch lernen, mit ihren Finanzen oder Kindern besser umzugehen. Ich bestreite aber entschieden, dass bei solchen öffentlichen Schreitherapien wie "Zwei bei Kallwass" Lebenshilfe stattfindet. Hier werden großteils erfundene, derbe Konflikte derbe ausagiert. Die Lehre lautet dann vielleicht: Breche nicht das Gesetz, rede über alles, mach dir Gedanken über das, was du tust. Das ist eine Minimalmoral – wenn überhaupt.

Sie finden "Peter Zwegat" und "Die Super Nanny" also besser?
Man kann ihnen zumindest nicht nachsagen, dass Konflikte erfunden werden, die es im echten Leben nicht geben würde. Es sind Probleme, die es auch schon abseits der Kamera gab und in die dann das Fernsehen eingreift. Was man hier natürlich hinterfragen muss, ist, inwieweit das Fernsehen überhaupt die Kompetenz hat, als Lebenshilfeinstanz aufzutreten. Manchmal ist diese nur angemaßt. Und es gibt auch noch keine Untersuchungen darüber, wie es mit der Nachsorge aussieht. Ist ein Konflikt wirklich gelöst, wenn er für die Dauer einer Drehperiode gelöst ist, gelöst scheint? Oder ist es nur ein momentanes Pflaster auf einer Wunde, die danach um so mehr schmerzt?

Auch von den öffentlich-rechtlichen Sendern gab es – wenn auch keine Scripted-Reality-Shows – zumindest schon einige Doku-Soaps. Ist das gutes Reality-TV?
ZDFneo startet ja immer wieder neue Doku-Soap-Reihen, die dort vor wenigen tausend Zuschauern ausprobiert werden können. Das sind oft interessante Experimente. Von der Bauart ist das ein völliger Unterschied, weil die inszenatorischen Mittel dort nicht derart im Vordergrund stehen wie bei den Privaten. Und weil wir uns dort nicht ausschließlich im subproletarischen Milieu bewegen.

Was meinen Sie damit?
In den Doku-Soaps bei den Privaten, sowohl bei Scripted Reality als auch bei Reality-Formaten, haben wir es in geschätzten acht von zehn Fällen mit deutlich unterdurchschnittlich gebildeten, unterdurchschnittlich ansehnlichen und unterdurchschnittlich artikulationsfähigen Menschen zu tun. Früher hat man gesagt, Armut ist keine Schande. Der Subtext vieler dieser Formate lautet hingegen, Armut ist wieder eine Schande. Menschen aus prekären Verhältnissen werden dort als schamlos und kaum zivilisiert dargestellt. Diese Unterstellung möchte ich natürlich klar zurückweisen. Indem es aber tagtäglich auf vielen Kanälen stundenlang transportiert wird, habe ich die Befürchtung, dass sich dieses Klischee verfestigt. Realityformate sind insofern Normierungsagenturen und Klischeefabriken.

Man könnte allerdings vermuten, dass vor allem bei den vielen Reality-Shows am frühen Nachmittag auch die Zuschauer nicht unbedingt dem Bildungsbürgertum angehören.
Das ist die große Vermutung, dass sich hier eine randständige Gesellschaftsschicht bei ihren randständigen Beschäftigungen zuschaut. Es gibt ja Daten, die in diese Richtung weisen. Aber indem ich einen unbefriedigenden Zustand, den ich selbst erfahre, auf der Mattscheibe verstetige, festigt sich auch die Auswegs- und Perspektivlosigkeit. Man leistet keinen Beitrag zur Besserung, wenn man als Normalfall immer wieder darstellt, dass alleinerziehende Mütter überfordert, junge Männer Waschlappen und Jugendliche Rowdies sind.

Was war in letzter Zeit ihr schmerzlichstes Reality-TV-Erlebnis?
Wir haben einen neuen Tiefpunkt erlebt beim Versuch von RTL II, einen Trash-Montag zu etablieren. Bei "Abenteuer Afrika" wurden übergewichtige, in ihren geistigen Kapazitäten eingeschränkte Minderjährige in ihren körperlichen Nöten und seelischen Ängsten vorgeführt und ausgestellt. Was mich allerdings hoffen lässt: Die Einschaltquoten waren so gering, dass das Format bereits nach wenigen Ausgaben aus der Primetime verschwand. Vielleicht deutet sich hier schon an, dass die Grellheit nicht bis zum Absoluten gesteigert werden kann. Wir erleben einen Trend, der am Höhepunkt angekommen ist. Aber von der Spitze an geht es bekanntlich abwärts.

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