„Eine neue Matrix für Print, Online und TV“

Neben vielem Altbekannten und dem üblichen Optimismus, der auf Fachmessen gern verbreitet wird, bieten die Münchner Medientage auch spannende Diskussionen ab. Eines der interessantesten Themen ist die bislang ungeklärte Frage, ob und in welchem Zeitraum das vom Hardware-Konzern Apple geebnete Mobile-Business das Gratisproblem der Medienhäuser im Digitalgeschäft lösen wird. "iPad, Apps & Co. – Chancen für Print-Verlage, das Web zurückzuerobern?" stand im Raum 13 A zur Debatte.

Anzeige

Neben Innovations-Chefs der Verlage Springer, Burda und Bauer saßen Arndt Groth, Europa-Präsident von Adconion, Yahoo-Deutschlandchef Terry von Bibra und der häufig im US-Einsatz tätige Wyman-Analyst Wolfgang Bauriedel auf dem Podium. Bereits das von den Veranstaltern gesetzte Thema führte zu Kontroversen. Man könne nicht "zurückerobern", was man nie besessen habe, wandte von Bibra ein. Nicht die Verlage seien die Treiber der Internet-Entwicklung, sondern Startups mit "vielleicht fünf Mitarbeitern", die mit Leidenschaft und dem unbedingten Willen zum Erfolg mit den Verlagen konkurrierten und die eigentlichen Innovationen auch deshalb geschaffen hätten, weil sie das Web nicht wie viele Medienhäuser notgedrungen besetzten, sondern aus freiem Willen, um etwas Neues zu schaffen.
Doch das beschrieb ja nur den Status Quo und die Entwicklung in den ersten Webjahren. Interessant war für die Zuhörer, welches Potenzial der App-Kultur in den klassischen Verlagshäusern zugetraut wird und mit welchen Ansätzen dies erreicht werden soll. Drei Verlags-Köpfe, drei Meinungen – zumindest was die strategische Aufstellung anging – war am Ende das Ergebnis. Zwar räumten sowohl Bild Digital-Geschäftsführerin Donata Hopfen, wie ihre Kollegen Patrick Wölke von Burdas Media Innovation Lab und Daniel Puschmann (Stellvertretender Geschäftsleiter Bauer Digital) unisono ein, dass man sich in einer frühen Entwicklungsstufe und einer "Experimentierphase" befinde.
Doch da hörten die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Nachdem Patrick Wölke der Überzeugung Ausdruck verlieh, dass Print-Produkte auf dem iPad auch von der Gestaltung her eher reduziert sein sollten, damit das Leseerlebnis dem des gedruckten Magazins entspreche, konterte die Springer-Managerin Hopfen: "Die ersten Autos sahen auch aus wie Kutschen. Man hat aber schnell gemerkt, dass dies nicht so sein muss." Deswegen arbeite man in Berlin mit einer integrierten Redaktion, die den völlig neuen Erzählmöglichkeiten des Mediums Tablet Rechnung trage: "Hier entsteht eine neue Matrix für Print, Online und TV."
Die unterschiedliche Sichtweise in den beiden Medienhäusern könnte ein Indiz dafür sein, dass man in Berlin dem Wunderding aus den USA sowie dem App-Geschäft deutlich mehr Erlöschancen einräumt, als bei Burda. In München, wo man in Sachen Internet über Jahre viel probierte, seit 2010 aber vor allem im Bereich der contentgetriebenen Angebote  die Aktivitäten deutlich zurückgefahren hat. Schon bei der Frage, wie viele iPads in Deutschland bereits auf dem Markt sind, war man sich nicht einig. Rund 100.000,  sagte Patrick Wölke, "deutlich mehr" Donata Hopfen.

Unterschiede auch bei der Frage der Bepreisung sowie der Einbindung von Werbung. Sie könne nicht verstehen, so Höpfen, dass Verlage hochwertige Apps gratis Anbieten würden: "Bei Springer hat alles einen Preis, was in den App-Store geschoben wird" – eine deutliche Anspielung auf Burdas kostenlose Focus-Anwendung oder die Bunte-App.

Wölke bewertete die Integration von Werbung in Apps ebenfalls anders als die Springer-Kollegin. Er glaubt, dass Nutzer auf Werbung dann sensibel reagieren, wenn sie für die App zuvor bezahlt haben. Worauf Yahoo-Manager von Bibra eingriff und erklärte: "Zur sofortigen Einbindung von Werbung, gibt es keine Alternative. Alles andere wäre falsch." Bei Bauer geht man die Dinge derweil pragmatisch an. Tendenziell schien Digital-Vordenker Daniel Buschmann eher der Argumentation von Springer zugeneigt als den Burda-Thesen. Er machte aber auch klar, dass auf einem Markt, der "noch in den Kinderschuhen" steckt, vieles möglich ist und ausprobiert werden sollte. Puschmann berichtete auch von den Erfahrungen der mit 9,99 Euro für Web-Verhältnisse teuer vermarkteten TV Movie-App, die nach seiner Aussage auf jedem zehnten in Deutschland verkauften iPad installiert sei. Testweise habe man den Verkaufspreis halbiert, um festzustellen, dass dadurch die Bereitschaft zur Buchung einer Inhalte-Flatrate für den Programmteil deutlich zugenommen habe. Auch sei es ein großer Unterschied, was die Apps thematisch böten: "Unsere Herangehensweise ist bei TV Movie eine völlig andere als bei Lecker.de." Letztlich zähle, was der Leser wolle: "Und wenn das Angebot stimmt, zahlen die Leute auch gern dafür."
Die von Clap-Herausgeber Peter Böhling souverän moderierte Frage-und-Antwort-Runde blieb am Ende ohne klares Ergebnis. Steve Jobs iPad und sein App-Store beflügeln die Phantasie in den Verlagshäusern, wo man endlich wieder ein Geschäftsmodell erkennt, über den sich Content online gegen Cash vertreiben lässt. Aber wie der neue Kanal ausgestaltet und genutzt wird, muss noch herausgefunden werden. Der App-Sektor ist bei allen eine Baustelle, die handwerklich unterschiedlich angegangen wird.

Anzeige
Anzeige

Dein Kommentar

Deine E-Mailadresse wird nicht veröffentlicht.

*

Anzeige